Höhenschwindel, Höhenangst und Akrophobie: was ist was?
Wer „Höhenangst“ sagt, meint oft alles auf einmal. Die Barmer unterscheidet drei Dinge:
- Höhenschwindel, auch visuelle Höhenintoleranz genannt, ist eine körperliche Reaktion des Gleichgewichtssinns und hat zunächst wenig mit Angst zu tun. Bis zu 28 % der Menschen erleben ihn mindestens einmal im Leben.
- Höhenangst ist ein psychisches Phänomen: die Angst vor Höhe und einem möglichen Absturz. Einen gesunden Respekt vor der Tiefe haben fast alle Menschen.
- Akrophobie ist der Fachbegriff für eine unverhältnismäßige Angst vor Höhe, selbst wenn objektiv keine Gefahr besteht oder der Abstand zum Boden gering ist. Sie zählt als spezifische Phobie zu den Angststörungen.
Höhenangst hat also ein breites Spektrum, an dessen Ende die Akrophobie steht. Die Zahl zum Höhenschwindel lässt sich deshalb nicht auf die Akrophobie übertragen.
Was beim Höhenschwindel im Körper passiert
In großer Höhe fehlen den Augen oft feste Bezugspunkte. Fixpunkte sind zu weit entfernt, sodass das Gehirn die visuellen Informationen nicht richtig einordnen kann, die für das Gleichgewicht wichtig sind. Die Folge sind nach der Barmer Schwindel, Unsicherheit und ein flaues Gefühl im Magen, teils auch Herzrasen, Schweißausbrüche oder verkrampfte Muskeln. Wie stark das ausfällt, ist individuell verschieden, vergleichbar mit der Seekrankheit.
Gegen Höhenschwindel nennt die Barmer einfache Strategien:
- den Blick auf den Weg direkt vor den Füßen richten statt in die Tiefe,
- Halt suchen, sich an Geländer oder Fels anlehnen, notfalls kurz hinsetzen,
- feste, kontrastreiche Objekte im seitlichen Blickfeld zur Orientierung nutzen,
- bewegten Dingen wie Vögeln oder Wolken nicht folgen und kein Fernglas verwenden,
- den Kopf ruhig halten und schnelle oder extreme Kopfbewegungen vermeiden.
Was ist die Ursache für Höhenangst?
Woher der natürliche Respekt vor der Tiefe kommt, ist nach der Barmer nicht ganz geklärt. Einige Theorien gehen von einer angeborenen Angst aus, andere betonen frühe Lernerfahrungen. Für ausgeprägte Höhenangst nennt die Barmer mehrere Faktoren, die zusammenwirken können:
- genetische Einflüsse, etwa ein besonders empfindliches Angstsystem,
- belastende Erfahrungen und Traumata,
- Lernen am Vorbild, etwa wenn ein Elternteil in der Höhe starke Angst zeigt,
- eigene Erfahrungen mit Höhenschwindel, aus denen sich ein Gefühl der Unsicherheit entwickeln und mit der Zeit zur Höhenangst werden kann.
Auch für Phobien allgemein beschreibt die Barmer vielfältige Ursachen, die bei jedem Menschen anders zusammenwirken. Psychische Erkrankungen wie eine Depression können die Entstehung spezifischer Phobien begünstigen. Eine einzelne Ursache oder eine Schuld lässt sich daraus nicht ableiten.
Wie merkt man, dass man Höhenangst hat?
Zentrales Zeichen ist die Angst. Bei der Akrophobie ist sie unverhältnismäßig zur realen Gefahr und kann bis zur Panikattacke oder Todesangst reichen. Begleitend nennt die Barmer körperliche Angstsymptome:
- Schweißausbrüche, Hitzegefühl, Kälteschauer und Zittern,
- Mundtrockenheit, Schwindel, Benommenheit und Unsicherheit,
- Atemnot mit Beklemmungs- oder Erstickungsgefühl, Brustschmerzen,
- Übelkeit, Kribbeln und Muskelverspannungen.
Typisch ist auch die Erwartungsangst: Schon Tage vor einer Wanderung mit Aussichtspunkt kann das Gedankenkarussell beginnen („Was, wenn ich nicht wieder herunterkomme?“), und Herzklopfen setzt ein, bevor die Höhe erreicht ist. Wer deshalb Orte oder Aktivitäten ganz meidet, verstärkt nach der Barmer die eigentliche Angst, ein Kreislauf, der sich festsetzen kann. Schon kleine Höhen können ausreichen: Manche meiden Brücken oder sogar kleine Trittleitern.
Höhenangst als spezifische Phobie
Die TK unterscheidet Angststörungen mit erkennbarem Auslöser, die Phobien, von solchen ohne konkreten Grund wie Panikstörung oder generalisierte Angststörung. Höhenangst gehört zu den Phobien mit klarem Auslöser, ebenso wie Flugangst, Spritzenangst oder die Angst vor engen Räumen.
Nach der Barmer werden Phobien in drei Arten unterteilt: Platzangst (Agoraphobie), soziale Phobie und spezifische Phobien, zu denen die Akrophobie zählt. Typisch für eine Phobie ist, dass sie lange anhält, meist ein halbes Jahr oder länger. Allen Phobien gemeinsam sind übermäßig starke Angstreaktionen, angstverstärkende Gedanken, die Angst vor der Angst und Vermeidungsstrategien, die den Alltag einschränken können. Wer eine gefürchtete Situation nicht meidet, erträgt sie mit großer Furcht.
Für eine zuverlässige Diagnose muss nach der Barmer zunächst ausgeschlossen werden, dass eine andere psychische Erkrankung die Phobie verursacht.
Wann ist eine Behandlung nötig?
Nicht jede Angst braucht eine Therapie. Wer im Flachland lebt, selten reist und keine Vorliebe für Kletterparks oder Hochhäuser hat, erlebt bei geringer Ausprägung nach der Barmer oft keinen besonderen Leidensdruck. Entscheidend sind die persönliche Belastung und die Einschränkungen im Alltag oder sozialen Leben. Wer gern in den Bergen wandert oder Kirchen besichtigt, sich aber von der Angst bremsen lässt, ist bereits belastet.
Sinkt die Lebensqualität oder treten Vermeidung und Erwartungsangst auf, kann es sinnvoll sein, aktiv zu werden. Die TK rät allgemein, sich bei häufigen Ängsten so früh wie möglich ärztlich anzuvertrauen, weil Angststörungen früh behandelt werden sollten.
Was wird in einer Abklärung besprochen?
Erste Anlaufstelle ist nach der Barmer die Hausarztpraxis. Dort wird geprüft, ob körperliche Ursachen oder andere psychische Störungen hinter der Angstreaktion stecken; bei Bedarf folgt eine Überweisung zur Psychotherapie. Nach der TK kann die Ärztin oder der Arzt schon im ausführlichen Gespräch beurteilen, ob eine Angststörung vorliegen könnte. Zusätzlich werden bei einer körperlichen Untersuchung organische Ursachen wie Erkrankungen der Schilddrüse, des Herzens, der Lunge oder neurologische Erkrankungen ausgeschlossen, etwa mit Blutwerten und einem EKG.
Gerade weil Schwindel auch körperlich bedingt sein kann, ist diese Abklärung wichtig. Hilfreich ist es, zu beschreiben, in welchen Situationen die Beschwerden auftreten, ob sie auch ohne Höhe vorkommen und was Sie inzwischen meiden.
Wie bekommt man Höhenangst weg?
Mit einer Psychotherapie lassen sich nach der Barmer häufig sehr gute Erfolge erzielen; der wichtigste Hebel ist die Verhaltenstherapie. Medikamente kommen bei Akrophobie eher selten zum Einsatz.
Im Zentrum steht meist die Konfrontation mit der Höhe: Betroffene setzen sich kontrolliert und schrittweise angstauslösenden Situationen aus, freiwillig und im eigenen Tempo, begleitet von einer Therapeutin oder einem Therapeuten. Die Barmer nennt als mögliche erste Erfahrung in sicherer Umgebung auch virtuelle Realität. Außerdem lernen Betroffene, wie Angst entsteht und warum Herzklopfen oder Schwindel in der Angst nicht gefährlich sind, und sie üben Atemtechniken und Denkstrategien für unerwartete Situationen.
Für leichte Höhenangst beschreibt die Barmer auch Selbsthilfe: sich der Angst in kleinen Dosen stellen, statt sie dauerhaft zu meiden; katastrophisierende Gedanken wie „Ich werde stürzen“ auf ihren Realitätsgehalt prüfen; und Gefühle mit Achtsamkeit, langsamem Atmen und Meditation annehmen, statt gegen sie anzukämpfen. Geübt werden sollte nur in kontrollierbaren, sicheren Situationen. Eine Begleitperson kann nach der TK helfen, sich gefürchteten Situationen zu stellen.
Wenn Höhenangst Sie als Erwachsene oder Erwachsenen in Bilbao einschränkt, können Sie sich zur Einschätzung an unsere Psychologie wenden (die Beratung findet auf Spanisch statt). Welche Methode passt, wird dort gemeinsam besprochen.
Wo sich die Quellen unterscheiden
Die Barmer geht ausführlich auf die Höhenangst ein und trennt sie klar vom Höhenschwindel. Die TK ordnet die Höhenangst dagegen nur kurz als eine von mehreren Phobien ein und beschreibt Angststörungen allgemein.
Bei der Behandlung setzt die Barmer bei Akrophobie auf Verhaltenstherapie und hält Medikamente für selten nötig. Die TK nennt für Angststörungen allgemein neben der kognitiven Verhaltenstherapie auch eine medikamentöse Therapie, vor allem mit Antidepressiva, die gemeinsam mit den Betroffenen festgelegt wird, gegebenenfalls in Kombination. Die TK ergänzt Alltagstipps: Bewegung, ausgewogene Ernährung sowie der Verzicht auf Alkohol, Nikotin und Koffein, die Ängste ungünstig beeinflussen können.
Ob Höhenangst im Alter schlimmer wird, beantworten die Quellen nicht. Sie beschreiben aber, dass Vermeidung die Angst mit der Zeit verfestigen kann. Ähnlich und doch anders ist die Angst vor engen Räumen; mehr dazu im Ratgeber Klaustrophobie.
Zusammenfassung
- Höhenschwindel ist eine körperliche Gleichgewichtsreaktion; Höhenangst ein psychisches Phänomen; Akrophobie eine unverhältnismäßige Angst vor Höhe.
- Ursachen sind vielfältig: Veranlagung, Erfahrungen, Lernen am Vorbild und erlebter Höhenschwindel.
- Typisch sind körperliche Angstsymptome, Erwartungsangst und Vermeidung, die die Angst verstärkt.
- Ob behandelt wird, hängt vom Leidensdruck und den Einschränkungen ab.
- Neue körperliche Beschwerden gehören ärztlich abgeklärt, bevor man sie der Angst zuschreibt.
- Die Verhaltenstherapie mit schrittweiser, freiwilliger Konfrontation ist der wichtigste Behandlungsweg.
Häufige Fragen zur Höhenangst
Diese Antworten sind allgemeine Informationen und ersetzen weder eine Untersuchung noch eine individuelle ärztliche Beratung.
Was ist die Ursache für Höhenangst?
Meist wirken mehrere Faktoren zusammen: eine Veranlagung zu einem empfindlichen Angstsystem, belastende Erfahrungen, Lernen am Vorbild der Eltern oder erlebter Höhenschwindel, der Unsicherheit hinterlässt.
Ist Höhenschwindel dasselbe wie Höhenangst?
Nein. Höhenschwindel ist eine körperliche Reaktion, weil den Augen in der Höhe feste Bezugspunkte fehlen. Höhenangst ist die Angst vor Höhe und Absturz. Höhenschwindel kann aber zur Entstehung von Höhenangst beitragen.
Wird Höhenangst im Alter schlimmer?
Dazu machen die genutzten Quellen keine Angabe. Sie beschreiben aber, dass Vermeidung und Erwartungsangst die Angst mit der Zeit verfestigen können.
Wie bekommt man Höhenangst weg?
Am wirksamsten ist eine Verhaltenstherapie mit schrittweiser, freiwilliger Konfrontation. Bei leichter Höhenangst können kleine, sichere Übungsschritte, das Prüfen von Gedanken und Achtsamkeit helfen.
Können schon kleine Höhen ausreichen?
Ja. Bei einer Akrophobie kann die Angst auch auftreten, wenn der Abstand zum Boden gering ist, etwa auf einer kleinen Trittleiter.
Wie unterstützt eine Begleitperson?
Eine vertraute Person kann helfen, sich gefürchteten Situationen zu stellen. Sie sollte nicht drängen: Konfrontation geschieht freiwillig und im eigenen Tempo.
Quellen
- Barmer: Höhenangst – die Furcht vor der Tiefe
- Techniker Krankenkasse: Leben mit der Angst – Phobien und andere Angststörungen
- Barmer: Phobien – Arten, Ursachen und Behandlung
Dieser Ratgeber dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Diagnose und Behandlung hängen von Ihrer Untersuchung und Vorgeschichte ab. Im Notfall wählen Sie den Notruf 112.
