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Gleichgewichtsstörung: Ursachen und Abklärung

Unsicher beim Gehen, das Gefühl zu schwanken, oder plötzlich dreht sich alles: Gleichgewichtsstörungen sind häufig und haben sehr unterschiedliche Ursachen, vom Innenohr über das Gehirn bis zu Kreislauf, Medikamenten oder den Augen. Manche sind harmlos, andere ein Notfall. Dieser Ratgeber erklärt nach Informationen der Deutschen Hirnstiftung und der HNO-Klinik des Klinikums Dortmund, wie das Gleichgewicht funktioniert, welche Ursachen infrage kommen, wann sofort der Notruf 112 nötig ist, wie die Abklärung abläuft und welche Behandlungen es gibt.

Thema
HNO
Aktualisiert
Lesezeit
7 Minuten
Geprüft von
Dr. Itziar Gotxi Erezuma · Fachärztin für HNO · Ärztekammer Bizkaia Nr. 484809757

Wie das Gleichgewicht funktioniert

Das Gleichgewichtssystem verarbeitet nach dem Klinikum Dortmund Informationen aus den Augen, aus Druckrezeptoren des Körpers, aus der Halswirbelsäule und aus dem Gleichgewichtsorgan im Innenohr. Störungen in einem dieser Bereiche führen zu Schwindel.

Die Deutsche Hirnstiftung beschreibt es ähnlich: Schwindel entsteht, wenn die Sinnesinformationen gestört sind, die für die Raumwahrnehmung wichtig sind, also Sehen, Gleichgewichtssinn und das Tiefenempfinden der Beine. Fällt ein Gleichgewichtsorgan aus, äußert sich das zum Beispiel als Drehschwindel; ist bei einer Nervenschädigung (Polyneuropathie) das Tiefenempfinden der Beine gestört, eher als Gangunsicherheit.

Eine Gleichgewichtsstörung ist deshalb kein einzelnes Krankheitsbild, sondern ein Symptom mit vielen möglichen Ursachen. Nicht jede Unsicherheit stammt aus dem Ohr.

Wie sich eine Gleichgewichtsstörung äußert

Die Hirnstiftung unterscheidet verschiedene Schwindelarten wie Dreh-, Schwank- und Benommenheitsschwindel. Häufig sind Betroffene zudem beim Stehen und Gehen unsicher, oft mit Übelkeit oder Sehstörungen.

  • Drehschwindel: das Gefühl wie auf einem schnell drehenden Karussell; typisch für Erkrankungen des Innenohrs, kann aber auch Ausdruck eines Schlaganfalls sein
  • Schwankschwindel und Gangunsicherheit: Man fühlt sich „taumelig“ oder als stünde man auf schwankendem Untergrund
  • Lift- oder Kippschwindel: das Gefühl, Fahrstuhl zu fahren oder zu kippen
  • Benommenheit: Druck im Kopf, nicht klar denken können

Diese Beschreibungen allein lassen nach der Hirnstiftung keine klare Zuordnung zu einer Ursache zu. Entscheidend sind zeitlicher Verlauf, Auslöser, weitere Symptome und Vorerkrankungen.

Wann sofort Hilfe nötig ist

Die Deutsche Hirnstiftung nennt eine klare Reihenfolge:

  • Notruf 112: wenn der Schwindel von Lähmungen, Unfähigkeit zu stehen, Sprach- oder Sehstörungen, starken Kopfschmerzen, Brustschmerzen oder Bewusstseinsverlust begleitet wird, weil ein Schlaganfall die Ursache sein kann
  • Notaufnahme: wenn der Schwindel erstmals akut begonnen hat oder sehr einschränkend ist
  • Baldige Untersuchung: in einer Hausarzt-, Neurologie- oder HNO-Praxis, wenn der Schwindel häufig auftritt, lange anhält oder die Lebensqualität einschränkt

Begleitsymptome können bei einem Schlaganfall auch fehlen. Menschen mit Gefäßrisikofaktoren wie Bluthochdruck, hohem Cholesterin oder Diabetes sollten besonders im höheren Alter an eine Durchblutungsstörung des Gehirns denken. Auch nach dem Klinikum Dortmund erfolgt bei starkem Schwindel häufig zuerst eine notfallmäßige neurologische Untersuchung, um etwa einen Schlaganfall auszuschließen.

Ursachen im Innenohr und am Gleichgewichtsnerv

Liegt die Störung am Gleichgewichtsorgan oder am Gleichgewichtsnerv, spricht man von „peripherem“ Schwindel; meist beschreiben Betroffene Drehschwindel. Dazu gehören nach der Hirnstiftung und dem Klinikum Dortmund unter anderem:

  • der gutartige Lagerungsschwindel durch abgelöste Kristalle im Gleichgewichtsorgan, mit kurzen Drehschwindelattacken bei Kopfbewegungen
  • die Entzündung oder der Ausfall eines Gleichgewichtsnervs (Neuritis vestibularis, akute Vestibulopathie) mit tagelangem starkem Drehschwindel, Übelkeit und Erbrechen
  • Morbus Menière mit heftigen Drehschwindelattacken, meist zusammen mit Hörverlust und Tinnitus
  • eine Schädigung beider Gleichgewichtsorgane (bilaterale Vestibulopathie) mit Schwanken beim Gehen, verstärkt im Dunkeln
  • seltener die Vestibularisparoxysmie, die vestibuläre Migräne oder eine Dehiszenz eines Bogengangs

Auch ein meist gutartiger Tumor an Hör- und Gleichgewichtsnerv (Akustikusneurinom) kann nach der Hirnstiftung langsam zu einseitiger Hör- und Gleichgewichtsstörung führen.

Ursachen außerhalb des Ohrs

Funktionsstörungen oder Schäden im Gleichgewichtszentrum des Gehirns, etwa in Kleinhirn oder Hirnstamm, verursachen „zentralen“ Schwindel. Nach der Hirnstiftung gehören dazu Schlaganfall und Durchblutungsstörungen, Multiple Sklerose und andere Erkrankungen des Kleinhirns. Parkinson beeinträchtigt die Gang- und Standsicherheit, eine Polyneuropathie das Lageempfinden der Beine.

Weitere Ursachen sind nach der Hirnstiftung:

  • Kreislaufprobleme wie niedriger Blutdruck oder Blutdruckabfall beim Aufstehen; sie führen eher zu „Schwarzwerden vor Augen“ als zu Drehschwindel
  • Über- oder Unterzuckerung bei Diabetes und Schilddrüsenstörungen
  • Nebenwirkungen von Medikamenten, vor allem von Beruhigungs- und Schlafmitteln, muskelentspannenden Mitteln, harntreibenden Mitteln und Herz-Kreislauf-Medikamenten, sowie Alkohol
  • eine nicht passende Brille oder die Gewöhnung an eine Gleitsichtbrille
  • funktioneller Schwindel, bei dem das Gehirn Sinnesinformationen bei Bewegung nicht korrekt verarbeitet

Verordnete Medikamente sollten nicht eigenständig abgesetzt werden; ob ein Mittel zum Schwindel beiträgt, klärt die Ärztin oder der Arzt.

Wie eine Gleichgewichtsstörung abgeklärt wird

Oft lässt sich nach der Hirnstiftung bereits in der Hausarztpraxis eine Verdachtsdiagnose stellen und entscheiden, ob eine Untersuchung in der Neurologie oder, etwa bei Hörminderung oder Ohrgeräuschen, in der HNO-Praxis nötig ist. Gefragt wird, ob der Schwindel anfallsweise auftritt oder anhält, wie lange er dauert, was ihn auslöst, welche Art von Schwindel vorliegt und welche Begleitbeschwerden bestehen.

Bei der körperlichen Untersuchung werden Gang- und Standsicherheit sowie besonders die Augenbewegungen geprüft, etwa mit dem Kopfimpulstest oder einer Frenzelbrille. Bildgebung wie eine MRT ist nach der Hirnstiftung nötig, wenn diese Untersuchungen nichts ergeben haben. Nach dem Klinikum Dortmund folgen nach Abklingen akuter Beschwerden Hörtests, Gleichgewichtsuntersuchungen und bei Bedarf neurologische Zusatzdiagnostik; unklare Fälle werden interdisziplinär beurteilt.

Bei Verdacht auf eine Störung des Gleichgewichtsorgans untersuchen wir Erwachsene in unserer Praxis für HNO-Heilkunde in Bilbao, wenn eine Notfallsituation ausgeschlossen ist (die Beratung findet auf Spanisch statt).

Behandlung und Training

Die Behandlung richtet sich nach der Hirnstiftung immer nach der Ursache: medikamentös, physiotherapeutisch oder psychotherapeutisch, sehr selten chirurgisch. Beim gutartigen Lagerungsschwindel helfen Lagerungsmanöver; welche Übung die richtige ist, erfährt man in der behandelnden Praxis, weil sie davon abhängt, wo sich die Kristalle befinden.

Bei einem Ausfall des Gleichgewichtsnervs beginnt das Gehirn nach der Hirnstiftung sofort, den Ausfall auszugleichen; dieser Prozess sollte früh durch stufenweise gesteigertes Gleichgewichtstraining unterstützt werden. Medikamente gegen Übelkeit sollten nur kurzzeitig genommen werden, weil sie schläfrig machen und das Training im Gehirn verlangsamen. Nach dem Klinikum Dortmund sind zunehmende Mobilisation und gezielte Schwindelübungen entscheidend für die Rehabilitation.

Beim funktionellen Schwindel helfen nach der Hirnstiftung Aufklärung, Gleichgewichts- und Gangtraining und gegebenenfalls kognitive Verhaltenstherapie. Ein einheitliches Übungsprogramm für alle Gleichgewichtsstörungen gibt es nicht.

Eine Schwindelkarte für Notfall und Arzttermin

Die Hirnstiftung empfiehlt bei länger anhaltenden Beschwerden einen Schwindelkalender. Die folgende Karte verbindet ihn mit der Frage, wohin man sich wenden sollte:

  • Sofort 112: Lähmung, Sprach- oder Sehstörung, nicht stehen können, starke Kopf- oder Brustschmerzen, Bewusstseinsverlust
  • Notaufnahme: erstmals plötzlicher oder sehr einschränkender Schwindel
  • Beginn: Datum und Uhrzeit, plötzlich oder allmählich
  • Dauer: Sekunden, Minuten, Stunden, Tage oder dauerhaft
  • Auslöser: Hinlegen, Umdrehen, Kopfbewegung, Aufstehen, bestimmte Situationen oder spontan
  • Ohr: Hörminderung, Ohrdruck, Ohrgeräusch, auf welcher Seite
  • Weitere Zeichen: Übelkeit, Kopfschmerzen, Doppelbilder, Stürze
  • Behandlung: was versucht wurde und mit welchem Ergebnis

Wo sich die Quellen unterscheiden

Blickwinkel: Das Klinikum Dortmund beschreibt Gleichgewichtsstörungen aus Sicht einer HNO-Klinik und stellt Erkrankungen des Innenohrs in den Vordergrund. Die Deutsche Hirnstiftung betont zusätzlich neurologische, kreislaufbedingte, stoffwechselbedingte, medikamentöse und funktionelle Ursachen. Für Betroffene heißt das: Ohne Abklärung lässt sich nicht sagen, ob das Ohr beteiligt ist.

Kortison: Das Klinikum Dortmund beschreibt eine Infusionsbehandlung mit Kortison bei Funktionsverlust des Gleichgewichtsorgans und bei Morbus Menière, die Hirnstiftung ein Kortison-Präparat bei Neuritis vestibularis. Beide beziehen sich auf bestimmte Diagnosen; eine allgemeine Kortisonbehandlung für jede Gleichgewichtsstörung lässt sich daraus nicht ableiten.

Wie gut behandelbar? Nach dem Klinikum Dortmund führen Lagerungsmanöver beim Lagerungsschwindel meist zu rascher Besserung. Die Hirnstiftung formuliert allgemeiner, Schwindel sei nicht immer heilbar, aber meist gut behandelbar. Wie lange eine Störung dauert, hängt von der Ursache ab.

Zusammenfassung

  • Gleichgewicht entsteht aus Informationen von Innenohr, Augen, Körper und Gehirn; Störungen in jedem Bereich können Schwindel auslösen.
  • Ursachen liegen im Innenohr, im Gehirn, im Kreislauf oder Stoffwechsel, bei Medikamenten oder den Augen.
  • Lähmungen, Sprach- oder Sehstörungen, Unfähigkeit zu stehen oder starke Kopfschmerzen mit Schwindel: sofort 112.
  • Dauer, Auslöser und Begleitzeichen sind für die Diagnose am wichtigsten; ein Schwindelkalender hilft.
  • Die Behandlung richtet sich nach der Ursache; Gleichgewichtstraining ist häufig ein wichtiger Teil.
  • Bei akutem Schwindel darf man kein Fahrzeug führen.

Häufige Fragen zur Gleichgewichtsstörung

Diese Antworten sind allgemeine Informationen und ersetzen weder eine Untersuchung noch eine individuelle ärztliche Beratung.

Was hilft schnell gegen Gleichgewichtsstörungen?

Das hängt von der Ursache ab. Beim gutartigen Lagerungsschwindel helfen nach der Hirnstiftung Lagerungsmanöver, die die Praxis passend auswählt. Bei anderen Ursachen können Medikamente akute Übelkeit lindern, sollten aber nur kurz genommen werden. Plötzlicher Schwindel mit Lähmungen oder Sprachstörungen ist ein Notfall: 112.

Was kann die Ursache für Gleichgewichtsstörungen sein?

Erkrankungen des Innenohrs wie Lagerungsschwindel, Neuritis vestibularis oder Morbus Menière, Erkrankungen des Gehirns wie Schlaganfall oder Multiple Sklerose, Nervenschäden in den Beinen, Kreislauf- und Stoffwechselprobleme, Medikamente, Alkohol, die Augen oder funktioneller Schwindel.

Was macht ein Neurologe bei Gleichgewichtsstörungen?

Er oder sie fragt genau nach Verlauf, Dauer, Auslösern und Begleitbeschwerden, prüft Gang- und Standsicherheit und besonders die Augenbewegungen, etwa mit Kopfimpulstest oder Frenzelbrille. Ergeben diese Untersuchungen nichts, kann eine MRT folgen.

Wie lange dauert eine Störung des Gleichgewichtsorgans?

Das hängt von der Erkrankung ab: Beim Lagerungsschwindel dauern Attacken nach der Hirnstiftung etwa 20 bis 60 Sekunden, bei Morbus Menière 20 Minuten bis 12 Stunden, bei einer Neuritis vestibularis klingt der Schwindel über mehrere Tage langsam ab. Eine einheitliche Erholungszeit gibt es nicht.

Welche Angaben zum zeitlichen Verlauf helfen bei der Diagnose?

Wann der Schwindel begann, ob plötzlich oder allmählich, wie lange er anhält, ob er anfallsweise oder dauerhaft auftritt, was ihn auslöst und welche Beschwerden ihn begleiten, etwa Hörminderung, Ohrgeräusch, Übelkeit oder Doppelbilder.

Darf ich während einer akuten Gleichgewichtsstörung Auto fahren?

Nein. Bei akutem Schwindel darf man nach der Deutschen Hirnstiftung kein Kraftfahrzeug führen. Wie lange das gilt, hängt von der Erkrankung ab und sollte mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt besprochen werden.

Quellen

  1. Klinikum Dortmund, Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde · Gleichgewichtsstörungen
  2. Deutsche Hirnstiftung · Schwindel

Dieser Ratgeber dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Diagnose und Behandlung hängen von Ihrer Untersuchung und Vorgeschichte ab. Im Notfall wählen Sie den Notruf 112.