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Ohr und Gleichgewicht MediBilbao Salud

Tinnitus: wenn es im Ohr pfeift, rauscht oder summt

Pfeifen, Rauschen, Summen oder Brummen, das niemand außer Ihnen hört: Das ist Tinnitus. Fast jeder Mensch kennt kurzzeitige Ohrgeräusche, etwa nach einem lauten Konzert. Bei etwa jedem zehnten Erwachsenen sind sie dauerhaft vorhanden, und für einen Teil davon wird der Tinnitus zur echten Belastung. Hier erfahren Sie, woher Ohrgeräusche kommen, wann sie abgeklärt werden sollten und was nachweislich hilft.

Thema
HNO
Aktualisiert
Lesezeit
5 Minuten
Geprüft von
Dr. Itziar Gotxi Erezuma · Fachärztin für HNO · Ärztekammer Bizkaia Nr. 48/4809228

Was ist Tinnitus?

Tinnitus bezeichnet Ohrgeräusche, die nur die betroffene Person hört. Sie können wie Pfeifen, Piepen, Rauschen, Zischen, Summen oder Brummen klingen, ein- oder beidseitig auftreten, dauerhaft oder zeitweise vorhanden sein. Tinnitus ist keine eigenständige Krankheit, sondern ein Symptom, hinter dem verschiedene Ursachen stehen können.

Man unterscheidet den akuten Tinnitus, der weniger als drei Monate besteht, vom chronischen Tinnitus. Sehr selten ist ein objektiver Tinnitus, den auch die Ärztin oder der Arzt hören kann, etwa durch Blutgefäße nahe am Ohr.

Wie entsteht Tinnitus?

Nach heutigem Verständnis entsteht Tinnitus meist im Gehirn als Reaktion auf eine veränderte Hörverarbeitung. Werden Sinneszellen im Innenohr geschädigt, etwa durch Lärm oder Alterung, erhält das Hörsystem weniger Signale. Die Nervenzellen in der Hörbahn reagieren darauf mit einer erhöhten Aktivität, die als Geräusch wahrgenommen wird – ähnlich wie Phantomschmerzen nach einer Amputation.

Wie stark ein Tinnitus belastet, hängt weniger von seiner Lautstärke ab als davon, wie das Gehirn ihn bewertet. Wird er als bedrohlich erlebt, rückt er in den Vordergrund und wird mit Stress, Angst und Schlafproblemen verknüpft. Hier setzen viele Behandlungen an.

Häufige Ursachen

  • Schwerhörigkeit durch Lärm oder Alter, die häufigste Begleitursache.
  • Lärm: Konzerte, Clubs, Kopfhörer, Arbeit in lauter Umgebung.
  • Hörsturz: plötzliche, meist einseitige Hörminderung.
  • Ohrenschmalzpfropf oder eine Entzündung des Gehörgangs oder Mittelohrs.
  • Morbus Menière mit Schwindelattacken, Hörminderung und Druckgefühl.
  • Kiefer und Nacken: Zähneknirschen, Kiefergelenksprobleme und Verspannungen.
  • Medikamente wie hohe Dosen von Acetylsalicylsäure, bestimmte Antibiotika oder Chemotherapeutika.
  • Stress und psychische Belastung, die Tinnitus auslösen oder verstärken können.
  • Selten: Gefäßveränderungen oder ein gutartiger Tumor am Hörnerv.

Untersuchung beim HNO-Arzt

Die HNO-Ärztin oder der HNO-Arzt untersucht die Ohren mit dem Ohrmikroskop und führt einen Hörtest durch. Laut Leitlinie von Tunkel und Kollegen sollte bei anhaltendem, einseitigem Tinnitus oder bei Hörproblemen immer ein Hörtest erfolgen. Weitere Untersuchungen, zum Beispiel ein MRT, sind nur nötig, wenn der Tinnitus einseitig ist, im Pulsrhythmus pocht, mit asymmetrischer Hörminderung oder neurologischen Zeichen einhergeht.

Zusätzlich wird erfasst, wie stark der Tinnitus belastet, etwa mit einem Fragebogen. Das hilft, die passende Behandlung zu finden.

Was tun bei plötzlichem Tinnitus?

Ein Ohrgeräusch nach einem lauten Konzert verschwindet meist innerhalb von Stunden bis wenigen Tagen. Gönnen Sie den Ohren dann Ruhe und meiden Sie weiteren Lärm. Tritt Tinnitus jedoch plötzlich zusammen mit einer Hörminderung oder einem Druckgefühl im Ohr auf, kann ein Hörsturz vorliegen. Dann sollten Sie innerhalb weniger Tage eine HNO-Praxis aufsuchen, damit eine mögliche Behandlung früh beginnen kann.

Ein verstopftes Gefühl im Ohr mit Ohrgeräusch kann auch durch Ohrenschmalz oder eine Erkältung entstehen. Mehr dazu unter Ohr verstopft.

Was hilft bei chronischem Tinnitus?

  • Aufklärung: Zu verstehen, wie Tinnitus entsteht und dass er harmlos ist, nimmt vielen die Angst.
  • Hörgeräte bei Hörminderung: Sie verstärken Umgebungsgeräusche, sodass der Tinnitus in den Hintergrund tritt.
  • Kognitive Verhaltenstherapie: Die Leitlinie empfiehlt sie, weil sie die Belastung und die Lebensqualität nachweislich verbessert.
  • Klangtherapie: leise Hintergrundgeräusche, etwa Naturklänge oder Rauschgeneratoren, können entlasten.
  • Entspannung und Stressbewältigung.
  • Behandlung von Begleitproblemen wie Schlafstörungen, Angst oder Depression.

Was laut Leitlinie nicht hilft

Für viele Mittel, die gegen Tinnitus angeboten werden, fehlt ein Wirksamkeitsnachweis. Die Leitlinie rät ausdrücklich davon ab, routinemäßig Medikamente wie Antidepressiva, Antiepileptika oder Mittel gegen Angst gegen den Tinnitus selbst einzusetzen. Auch Ginkgo biloba, Melatonin, Zink und andere Nahrungsergänzungsmittel werden nicht empfohlen. Gleiches gilt für die transkranielle Magnetstimulation.

Diese Empfehlungen bedeuten nicht, dass Begleiterkrankungen wie eine Depression nicht behandelt werden sollten. Medikamente sind dann sinnvoll, sie richten sich aber gegen die Begleiterkrankung, nicht gegen das Ohrgeräusch.

Tipps für den Alltag mit Tinnitus

  • Absolute Stille meiden: leise Hintergrundmusik oder ein Ventilator helfen beim Einschlafen.
  • Ohren vor Lärm schützen, aber nicht ständig Ohrstöpsel tragen, da Stille den Tinnitus betonen kann.
  • Regelmäßige Bewegung und Entspannungsverfahren reduzieren Stress.
  • Den Tinnitus nicht ständig »abhören« oder messen; Aufmerksamkeit auf andere Dinge lenken.
  • Selbsthilfegruppen können entlasten.
  • Kaffee, Alkohol und Nikotin beobachten; manche Menschen merken einen Zusammenhang.

Wenn Tinnitus sehr belastet

Für einen Teil der Betroffenen wird Tinnitus zur großen Belastung, mit Schlafstörungen, Konzentrationsproblemen, Reizbarkeit, Angst oder depressiver Stimmung. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern eine verständliche Reaktion. Gerade dann ist eine psychologische Behandlung, insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie, wirksam. Sie verändert nicht das Geräusch selbst, aber den Umgang damit, und viele Betroffene erleben den Tinnitus danach als deutlich weniger störend.

Tinnitus vorbeugen

Der wichtigste Schutz ist der Schutz vor Lärm. Tragen Sie bei Konzerten, in Clubs und bei lauter Arbeit einen Gehörschutz, halten Sie bei Kopfhörern die Lautstärke moderat und gönnen Sie den Ohren nach lauten Ereignissen Ruhe. Eine frühzeitig erkannte und versorgte Hörminderung beugt auch einer Verstärkung des Tinnitus vor.

Das Wichtigste in Kürze

  • Tinnitus ist ein Symptom, meist im Zusammenhang mit einer Hörminderung.
  • Plötzlicher Tinnitus mit Hörverlust sollte rasch untersucht werden.
  • Aufklärung, Hörgeräte und kognitive Verhaltenstherapie helfen nachweislich.
  • Ginkgo, Zink und Medikamente gegen das Geräusch selbst werden nicht empfohlen.
  • Viele Betroffene gewöhnen sich mit der Zeit an den Tinnitus.

Häufige Fragen zum Tinnitus

Diese Antworten sind allgemeine Informationen und ersetzen weder eine Untersuchung noch eine individuelle ärztliche Beratung.

Geht Tinnitus wieder weg?

Akuter Tinnitus verschwindet oft von selbst. Bei chronischem Tinnitus gewöhnen sich viele Betroffene daran, sodass er weniger stört.

Kann man Tinnitus heilen?

Eine Behandlung, die das Geräusch sicher beseitigt, gibt es nicht. Die Belastung lässt sich aber deutlich verringern.

Ist Tinnitus gefährlich?

Meist nicht. Abgeklärt werden sollte er bei plötzlichem Beginn mit Hörverlust, einseitigem oder pulsierendem Tinnitus und bei Schwindel.

Kann Stress Tinnitus auslösen?

Stress kann Tinnitus auslösen oder verstärken. Entspannung und Stressbewältigung helfen vielen Betroffenen.

Hilft Ginkgo gegen Tinnitus?

Nein. Die Leitlinie empfiehlt Ginkgo biloba nicht, weil kein Nutzen nachgewiesen ist.

Kann der Nacken Tinnitus verursachen?

Verspannungen von Nacken und Kiefer können Ohrgeräusche beeinflussen. Dann kann Physiotherapie oder eine Zahnbehandlung helfen.

Quellen

  1. gesund.bund.de (Bundesministerium für Gesundheit) · Tinnitus
  2. MSD Manual (Ausgabe für Patienten) · Pfeifen oder Summen im Ohr
  3. Tunkel DE, et al. Clinical practice guideline: tinnitus. Otolaryngol Head Neck Surg. 2014

Dieser Ratgeber dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Diagnose und Behandlung hängen von Ihrer Untersuchung und Vorgeschichte ab. Im Notfall wählen Sie den Notruf 112.