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Gutartiger Lagerungsschwindel: wenn sich beim Umdrehen alles dreht

Sie drehen sich im Bett um, legen sich hin oder schauen nach oben – und plötzlich dreht sich alles. Nach wenigen Sekunden ist der Spuk vorbei. So äußert sich typischerweise der gutartige Lagerungsschwindel, die häufigste Ursache von Drehschwindel. Er ist unangenehm, aber harmlos und lässt sich meist mit einfachen Lagerungsmanövern rasch behandeln. Hier erfahren Sie, woran Sie ihn erkennen und was hilft.

Thema
HNO
Aktualisiert
Lesezeit
5 Minuten
Geprüft von
Dr. Itziar Gotxi Erezuma · Fachärztin für HNO · Ärztekammer Bizkaia Nr. 48/4809228

Was ist ein Lagerungsschwindel?

Im Innenohr liegt neben der Hörschnecke das Gleichgewichtsorgan. Es besteht aus drei flüssigkeitsgefüllten Bogengängen, die Drehbewegungen wahrnehmen, und zwei Säckchen mit kleinen Kalkkristallen, die auf Schwerkraft und lineare Beschleunigung reagieren. Lösen sich einige dieser Kristalle und geraten in einen Bogengang, meist den hinteren, entsteht der Lagerungsschwindel.

Bei jeder Bewegung des Kopfes in der Ebene dieses Bogengangs rollen die Kristalle durch die Flüssigkeit und lösen eine Strömung aus. Das Gehirn interpretiert das als heftige Drehung, obwohl Sie ruhig liegen. Die Bezeichnung »gutartig« bedeutet, dass keine gefährliche Erkrankung dahintersteckt.

Typische Symptome

  • Plötzlicher, heftiger Drehschwindel bei bestimmten Kopfbewegungen.
  • Auslöser: Hinlegen, Aufrichten, Umdrehen im Bett, Bücken oder Nach-oben-Schauen.
  • Die Attacken dauern meist weniger als eine Minute.
  • Oft Übelkeit, manchmal Erbrechen.
  • Unwillkürliche Augenbewegungen (Nystagmus) während der Attacke.
  • Zwischen den Attacken oft leichtes Schwanken oder Benommenheit.
  • Kein Hörverlust, kein Ohrgeräusch.

Ursachen und Risikofaktoren

Meist findet sich keine eindeutige Ursache. Mit zunehmendem Alter lösen sich die Kristalle leichter, weshalb der Lagerungsschwindel bei Menschen über 50 häufiger ist. Frauen sind öfter betroffen als Männer. Weitere Auslöser können ein Kopfunfall, eine Entzündung des Gleichgewichtsnervs, längere Bettlägerigkeit, eine Innenohrerkrankung oder ein Vitamin-D-Mangel sein.

Laut gesund.bund.de kann der Lagerungsschwindel auch wiederkehren: Ein Teil der Betroffenen erlebt innerhalb einiger Jahre einen erneuten Schwindel.

Wie wird der Lagerungsschwindel festgestellt?

Die Diagnose erfolgt durch eine einfache Untersuchung: Beim Dix-Hallpike-Test wird der Kopf zur Seite gedreht, und Sie werden rasch aus dem Sitzen in die Rückenlage gebracht, wobei der Kopf leicht überstreckt ist. Treten dabei typischer Schwindel und charakteristische Augenbewegungen auf, ist die Diagnose sicher. Für den seitlichen Bogengang gibt es einen eigenen Test in Rückenlage.

Die Leitlinie von Bhattacharyya und Kollegen rät davon ab, bei typischem Befund routinemäßig ein MRT oder weitere Gleichgewichtstests durchzuführen. Bildgebung ist nur nötig, wenn untypische Zeichen oder neurologische Auffälligkeiten bestehen.

Behandlung mit Befreiungsmanövern

Die wirksamste Behandlung sind Befreiungs- oder Repositionsmanöver. Dabei wird der Kopf in einer bestimmten Abfolge so bewegt, dass die Kristalle aus dem Bogengang herausrollen und an eine Stelle gelangen, an der sie keine Beschwerden mehr machen. Am bekanntesten sind das Epley-Manöver und das Semont-Manöver.

Ein Cochrane-Review von Hilton und Pinder zeigte, dass das Epley-Manöver den Schwindel deutlich häufiger beseitigt als Schein-Manöver und sicher ist. Oft reichen ein bis drei Durchgänge. Nach dem Manöver kann für einige Tage ein leichtes Schwanken bleiben.

Übungen für zu Hause

Nachdem die Ärztin, der Arzt oder die Physiotherapeutin das Manöver gezeigt und die betroffene Seite bestimmt hat, können viele Betroffene es zu Hause selbst durchführen. Wichtig ist, dass die Seite stimmt, denn sonst wirkt das Manöver nicht. Führen Sie die Übungen anfangs nicht allein durch und sitzen Sie dabei auf einem Bett, um Stürze zu vermeiden.

Die früher empfohlenen Brandt-Daroff-Übungen sind weniger wirksam als gezielte Repositionsmanöver und werden heute vor allem dann eingesetzt, wenn die betroffene Seite unklar ist oder ein Restschwindel bleibt. Eine Physiotherapie mit Gleichgewichtstraining hilft, wenn längere Unsicherheit besteht.

Helfen Medikamente gegen Schwindel?

Medikamente gegen Schwindel und Übelkeit können kurzfristig die Übelkeit lindern, beseitigen aber nicht die Ursache. Die Leitlinie rät davon ab, sie routinemäßig einzusetzen, da sie müde machen, das Sturzrisiko erhöhen und die natürliche Gewöhnung des Gleichgewichtssystems verzögern können. Allenfalls vor einem Befreiungsmanöver kann ein Mittel gegen Übelkeit sinnvoll sein.

Wie lange dauert ein Lagerungsschwindel?

Unbehandelt verschwindet der Lagerungsschwindel oft nach einigen Tagen bis Wochen von selbst, weil sich die Kristalle auflösen oder herausrollen. Mit einem Befreiungsmanöver geht es meist sehr viel schneller, häufig schon nach einer Sitzung. Kehrt der Schwindel zurück, kann das Manöver wiederholt werden.

Tipps für den Alltag

  • Langsam aufstehen und sich zunächst einen Moment auf die Bettkante setzen.
  • Beim Schwindel sofort hinsetzen und sich festhalten, um Stürze zu vermeiden.
  • Nachts Licht im Flur lassen, wenn Sie aufstehen müssen.
  • In den Tagen nach dem Manöver nicht auf der betroffenen Seite schlafen, wenn empfohlen.
  • Nicht Auto fahren, solange Schwindelattacken auftreten.
  • Ältere Menschen sollten besonders auf Sturzgefahr achten.

Wann steckt etwas anderes dahinter?

Dauert der Schwindel länger als eine Minute, tritt er auch in Ruhe ohne Kopfbewegung auf, ist er von Hörverlust, einem Ohrgeräusch oder Druck im Ohr begleitet oder kommen neurologische Ausfälle hinzu, ist ein Lagerungsschwindel unwahrscheinlich. Dann kommen andere Ursachen wie eine Entzündung des Gleichgewichtsnervs, Morbus Menière, eine vestibuläre Migräne oder eine Durchblutungsstörung des Gehirns in Frage, die ärztlich abgeklärt werden müssen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der gutartige Lagerungsschwindel ist die häufigste Ursache von Drehschwindel.
  • Typisch sind kurze Attacken unter einer Minute bei Kopfbewegungen.
  • Ursache sind verlagerte Kristalle im Innenohr.
  • Befreiungsmanöver wie das Epley-Manöver helfen meist rasch.
  • Schwindel mit neurologischen Zeichen ist ein Notfall: 112.

Häufige Fragen zum Lagerungsschwindel

Diese Antworten sind allgemeine Informationen und ersetzen weder eine Untersuchung noch eine individuelle ärztliche Beratung.

Ist Lagerungsschwindel gefährlich?

Nein, er ist gutartig. Gefährlich können aber Stürze während der Attacken sein.

Gibt es einen bösartigen Lagerungsschwindel?

Nein, diese Bezeichnung ist medizinisch nicht gebräuchlich. Schwindel mit neurologischen Ausfällen kann aber andere, ernste Ursachen haben.

Kann Stress Lagerungsschwindel auslösen?

Stress ist keine typische Ursache. Er kann aber das Schwindelerleben und die Angst vor neuen Attacken verstärken.

Wer behandelt Lagerungsschwindel?

HNO-Ärztinnen und -Ärzte, Neurologinnen und Neurologen sowie speziell geschulte Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten.

Kann der Lagerungsschwindel wiederkommen?

Ja, bei einem Teil der Betroffenen tritt er nach Monaten oder Jahren erneut auf. Dann hilft meist wieder ein Befreiungsmanöver.

Darf ich mit Lagerungsschwindel Auto fahren?

Solange Schwindelattacken auftreten, sollten Sie nicht Auto fahren.

Quellen

  1. gesund.bund.de (Bundesministerium für Gesundheit) · Gutartiger Lagerungsschwindel
  2. MSD Manual (Ausgabe für Patienten) · Gutartiger Lagerungsschwindel
  3. Bhattacharyya N, et al. Clinical practice guideline: benign paroxysmal positional vertigo (update). Otolaryngol Head Neck Surg. 2017
  4. Hilton MP, Pinder DK. The Epley (canalith repositioning) manoeuvre for benign paroxysmal positional vertigo. Cochrane Database Syst Rev. 2014

Dieser Ratgeber dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Diagnose und Behandlung hängen von Ihrer Untersuchung und Vorgeschichte ab. Im Notfall wählen Sie den Notruf 112.