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Neuritis vestibularis: wenn sich plötzlich alles dreht

Von einer Minute auf die andere dreht sich alles, Übelkeit und Erbrechen setzen ein, aufstehen ist kaum möglich: So beginnt häufig eine Neuritis vestibularis, eine Entzündung des Gleichgewichtsnervs. Sie ist nach dem Lagerungsschwindel eine der häufigsten Ursachen für Drehschwindel. Die Beschwerden sind beängstigend, die Prognose ist aber gut. Dieser Ratgeber erklärt Symptome, die wichtige Abgrenzung zum Schlaganfall, die Behandlung und warum Bewegung die Heilung beschleunigt.

Thema
HNO
Aktualisiert
Lesezeit
5 Minuten
Geprüft von
Dr. Itziar Gotxi Erezuma · Fachärztin für HNO · Ärztekammer Bizkaia Nr. 484809757

Was ist eine Neuritis vestibularis?

Das Gleichgewichtsorgan im Innenohr meldet dem Gehirn über den Gleichgewichtsnerv (Nervus vestibularis) jede Kopfbewegung. Beide Seiten senden ständig gleich starke Signale. Fällt eine Seite plötzlich aus, entsteht ein Ungleichgewicht, das das Gehirn als heftige Drehbewegung deutet. Bei der Neuritis vestibularis, auch Vestibularisausfall oder Neuropathia vestibularis genannt, ist dieser Nerv auf einer Seite entzündet.

Ursachen

Vermutet wird meist eine Reaktivierung von Herpesviren, die nach einer früheren Infektion im Nervenknoten schlummern. Oft geht eine Erkältung voraus. Auch Durchblutungsstörungen werden diskutiert. Eine eindeutige Ursache lässt sich im Einzelfall meist nicht nachweisen. Betroffen sind vor allem Erwachsene zwischen 30 und 60 Jahren.

Typische Symptome

  • Plötzlicher, heftiger Drehschwindel über Stunden bis Tage.
  • Übelkeit und Erbrechen.
  • Gangunsicherheit mit Fallneigung zur betroffenen Seite.
  • Augenzittern (Nystagmus), das die Ärztin beobachten kann.
  • Verstärkung bei Kopfbewegungen.
  • Kein Hörverlust und keine Ohrgeräusche.

Der fehlende Hörverlust unterscheidet die Neuritis vestibularis von einer Labyrinthitis oder einem Hörsturz mit Schwindel.

Neuritis oder Schlaganfall?

Ein Schlaganfall im Kleinhirn oder Hirnstamm kann ganz ähnlich beginnen. Deshalb wird jeder neu aufgetretene, anhaltende Drehschwindel ärztlich untersucht. Mit speziellen Augen- und Kopfbewegungstests (zum Beispiel dem Kopfimpulstest) lässt sich in erfahrenen Händen meist gut unterscheiden. Hinweise auf einen Schlaganfall sind Doppelbilder, Sprechstörungen, Lähmungen, Gefühlsstörungen, starke Kopfschmerzen und die Unfähigkeit, ohne Hilfe zu sitzen oder zu stehen. Bei Zweifel folgt eine MRT des Kopfes.

Wie wird die Diagnose gestellt?

Neben Gespräch und neurologischer Untersuchung werden die Augenbewegungen mit einer Spezialbrille beobachtet. Der Kopfimpulstest zeigt, ob der Gleichgewichtsreflex einer Seite ausgefallen ist. Mit der kalorischen Prüfung, bei der das Ohr mit warmem und kaltem Wasser oder Luft gespült wird, und dem Video-Kopfimpulstest lässt sich der Ausfall messen. Ein Hörtest bestätigt, dass das Gehör normal ist.

Behandlung in den ersten Tagen

In den ersten ein bis drei Tagen stehen Ruhe und die Linderung von Übelkeit im Vordergrund. Mittel gegen Schwindel und Erbrechen helfen, sollten aber nur kurz eingenommen werden, weil sie die spätere Anpassung des Gehirns verzögern. Bei starkem Erbrechen kann eine Infusion nötig sein. Kortison, früh begonnen, kann die Erholung des Nervs verbessern. Ob es angewendet wird, entscheidet die Ärztin im Einzelfall.

Gleichgewichtstraining: der Schlüssel zur Heilung

Sobald das Erbrechen nachlässt, sollten Sie sich wieder bewegen. Das Gehirn lernt durch Bewegung, den Ausfall auszugleichen (zentrale Kompensation). Wer liegen bleibt, erholt sich langsamer. Typische Übungen:

  • Blick auf einen Punkt richten und dabei den Kopf langsam hin- und herdrehen.
  • Augen zwischen zwei Punkten wandern lassen.
  • Im Stehen das Gleichgewicht halten, erst mit offenen, dann mit geschlossenen Augen.
  • Gehen mit Kopfdrehungen, später auf weichem Untergrund.

Die Übungen dürfen leichten Schwindel auslösen. Das ist gewollt, denn nur so lernt das Gehirn. In der Physiotherapie wird das Programm schrittweise gesteigert.

Wie lange dauert es?

Der heftige Drehschwindel klingt meist innerhalb von wenigen Tagen ab. Eine Unsicherheit bei schnellen Kopfbewegungen, im Dunkeln oder auf unebenem Boden kann Wochen bis Monate bestehen bleiben. Die meisten Betroffenen sind nach einigen Wochen wieder weitgehend beschwerdefrei. Der Nerv erholt sich nicht immer vollständig, das Gehirn gleicht den Ausfall aber meist gut aus.

Wenn der Schwindel bleibt

Bei einem Teil der Betroffenen bleibt über Monate ein Gefühl von Schwanken oder Benommenheit, das sich in Menschenmengen, im Supermarkt oder vor Bildschirmen verstärkt. Oft entwickelt sich dabei eine Angst vor dem Schwindel, die zu Vermeidung führt. Man spricht dann vom anhaltenden funktionellen Schwindel (PPPD). Gezieltes Gleichgewichtstraining, Aufklärung und gegebenenfalls Verhaltenstherapie helfen gut.

Alltag und Arbeit

  • Während starken Schwindels nicht Auto fahren und keine Maschinen bedienen.
  • Zu Hause Stolperfallen beseitigen, nachts Licht anlassen.
  • Schrittweise zur Arbeit zurückkehren, Bildschirmpausen einplanen.
  • Täglich spazieren gehen, auch wenn es anfangs unsicher ist.
  • Gleichgewichtsübungen auch nach Abklingen der Beschwerden einige Wochen fortführen.

Andere Ursachen für Drehschwindel

Kurze Schwindelattacken beim Hinlegen oder Umdrehen im Bett sprechen für einen Lagerungsschwindel. Wiederkehrende Attacken mit Hörminderung, Ohrdruck und Ohrgeräuschen deuten auf Morbus Menière hin. Schwindel mit Kopfschmerzen und Lichtempfindlichkeit kann eine vestibuläre Migräne sein. Die Unterscheidung ist wichtig, weil die Behandlung jeweils eine andere ist.

Kann die Neuritis wiederkommen?

Ein zweiter Ausfall auf derselben Seite ist selten. Häufiger tritt nach einer Neuritis vestibularis ein Lagerungsschwindel auf derselben Seite auf, der sich mit Lagerungsmanövern gut behandeln lässt. Treten neue Schwindelattacken auf, sollten sie erneut untersucht werden.

Neuritis vestibularis bei älteren Menschen

Ältere Menschen erholen sich oft etwas langsamer, weil das Gehirn den Ausfall weniger schnell ausgleicht und häufig weitere Einschränkungen bestehen, etwa beim Sehen, in den Gelenken oder durch eine Polyneuropathie. Das Sturzrisiko ist in den ersten Wochen erhöht. Gleichgewichtstraining unter Anleitung, sichere Schuhe, gute Beleuchtung und gegebenenfalls ein Gehstock helfen, sicher mobil zu bleiben.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Neuritis vestibularis verursacht plötzlichen, tagelangen Drehschwindel ohne Hörverlust.
  • Ein Schlaganfall muss sicher abgegrenzt werden, besonders bei neurologischen Begleitsymptomen.
  • Mittel gegen Schwindel nur kurz einsetzen; Kortison kann die Erholung fördern.
  • Frühes Gleichgewichtstraining ist entscheidend für eine rasche Erholung.

Häufige Fragen zur Neuritis vestibularis

Diese Antworten sind allgemeine Informationen und ersetzen weder eine Untersuchung noch eine individuelle ärztliche Beratung.

Ist eine Neuritis vestibularis gefährlich?

Sie ist unangenehm, aber nicht gefährlich. Wichtig ist, einen Schlaganfall auszuschließen.

Wie lange bin ich krankgeschrieben?

Meist ein bis drei Wochen, je nach Beruf und Verlauf.

Ist die Neuritis vestibularis ansteckend?

Nein.

Darf ich Auto fahren?

Erst wenn Sie sich auch bei schnellen Kopfbewegungen sicher fühlen.

Hilft Bettruhe?

Nur in den ersten Tagen. Danach beschleunigt Bewegung die Erholung.

Kann Stress eine Neuritis vestibularis auslösen?

Ein direkter Zusammenhang ist nicht belegt; Stress kann aber anhaltenden Schwindel verstärken.

Welcher Arzt ist zuständig?

HNO oder Neurologie; bei Notfallzeichen die Notaufnahme.

Hört man bei Neuritis vestibularis schlechter?

Nein, das Gehör bleibt normal. Hörverlust spricht für eine andere Ursache.

Kann ich mit Neuritis vestibularis Sport treiben?

Leichte Bewegung wie Spazierengehen ist ab dem Abklingen des Erbrechens sinnvoll; Sport mit schnellen Kopfbewegungen wird schrittweise gesteigert.

Quellen

  1. MSD Manual (Ausgabe für Patienten) · Neuritis vestibularis
  2. MSD Manual (Ausgabe für Patienten) · Benommenheit und Schwindel (Vertigo)
  3. Strupp M, et al. Methylprednisolone, valacyclovir, or the combination for vestibular neuritis. N Engl J Med. 2004
  4. McDonnell MN, Hillier SL. Vestibular rehabilitation for unilateral peripheral vestibular dysfunction. Cochrane Database Syst Rev. 2015

Dieser Ratgeber dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Diagnose und Behandlung hängen von Ihrer Untersuchung und Vorgeschichte ab. Im Notfall wählen Sie den Notruf 112.