Wo liegt das Kiefergelenk und was macht es?
Das Kiefergelenk verbindet nach gesund.bund.de den beweglichen Unterkiefer mit dem Schädel. Es befindet sich knapp unter dem Ohr, auf jeder Seite des Kopfes eines, und ermöglicht zum Beispiel das Kauen. Der Fachbegriff lautet Articulatio temporomandibularis, also Gelenk zwischen Schläfenbein und Unterkiefer.
Weil das Kiefergelenk so nah am Ohr liegt, werden Schmerzen dort oft zunächst für Ohrenschmerzen gehalten. Die DGFDT beschreibt, dass ein Schmerz aus dem Kiefergelenk häufig in den Gehörgang ausstrahlt und Betroffene sich deshalb zuerst an die HNO-Praxis wenden.
Wie ist das Kiefergelenk aufgebaut?
Die DGFDT beschreibt die wichtigsten Bausteine des Gelenks:
- Gelenkkopf (Kondylus): das obere Ende des Unterkiefers.
- Gelenkgrube: die Vertiefung am Schädel, in der sich der Gelenkkopf bewegt.
- Knorpelscheibe (Diskus): eine Gelenkscheibe zwischen Gelenkkopf und Gelenkgrube, die Belastungen abfedert und sich mitbewegt.
- Gelenkflüssigkeit: Sie schmiert die Bewegung der Knorpelscheibe.
- Knorpelschichten: Sie überziehen Gelenkkopf und Gelenkgrube.
- Gelenkkapsel: Sie umschließt das Gelenk; ist sie besonders dehnbar, kann der Kiefer leichter ausrenken.
Bewegt wird der Unterkiefer von der Kaumuskulatur, unter anderem vom Schläfenmuskel und vom Hauptkaumuskel (Masseter). Viele Beschwerden in der Kiefergegend gehen nach der DGFDT nicht vom Gelenk selbst, sondern von diesen Muskeln aus.
Welche Symptome treten bei Kiefergelenksbeschwerden auf?
Die DGFDT nennt als Leitsymptome Schmerzen und Funktionseinschränkungen. Typisch sind:
- Schmerzen vor den Ohren, im Bereich der Kiefergelenke oder in der Kaumuskulatur, oft verstärkt beim Kauen
- eine eingeschränkte oder ungleichmäßige Mundöffnung
- Gelenkgeräusche wie Knacken oder Reiben
- ein Kiefer, der sich morgens steif und „wie eingerostet“ anfühlt
- das Gefühl, dass die Zähne nicht mehr richtig aufeinanderpassen, vor allem bei akuten Beschwerden
- begleitend Zahn-, Ohren-, Kopf- oder Gesichtsschmerzen
Kopfschmerzen können nach der DGFDT von überlasteten Kaumuskeln ausgehen, etwa im Schläfenbereich. Bei unklaren Kopfschmerzen steht aber zuerst die neurologische Untersuchung an. Auch über Ohrgeräusche klagen Menschen mit Kiefergelenk- und Kaumuskelbeschwerden häufig; die Zusammenhänge sind nach der DGFDT noch nicht eindeutig geklärt. Mehr dazu im Ratgeber Tinnitus.
Bedeutet Knacken immer einen Schaden?
Nein. Knackgeräusche können nach der DGFDT verschiedene Ursachen haben. Häufig rutscht die Knorpelscheibe beim Mundschließen teilweise oder ganz vom Gelenkkopf nach vorn und springt beim Öffnen wieder auf, was ein typisches, manchmal wiederholtes Knacken erzeugt. Auch Unebenheiten in Gelenkgrube oder Gelenkkopf können knacken.
Entscheidend ist der Satz der DGFDT: Alleinige, schmerzlose Kiefergelenkgeräusche ohne weitere Beschwerden oder Befunde sind in der Regel nicht behandlungsbedürftig.
Anders ist ein Reiben „wie Sand im Getriebe“. Es entsteht nach der DGFDT meist, wenn die Knorpelschichten durch Abbauprozesse verloren gegangen sind und Knochen auf Knochen reibt, wie bei einer Arthrose. Das kann eine Folge örtlicher Überlastung sein oder zu einer Gelenkerkrankung im ganzen Körper gehören, etwa einer rheumatoiden Arthritis. Ein solches Reiben gehört abgeklärt.
Wenn sich der Mund nicht öffnen oder nicht schließen lässt
Die DGFDT beschreibt zwei Situationen, die man nicht verwechseln sollte:
- Der Mund geht nicht mehr richtig auf: Springt die nach vorn gerutschte Knorpelscheibe beim Öffnen nicht wieder auf den Gelenkkopf, blockiert das Gelenk. Oft geht dem eine längere Phase mit Knacken voraus. Auch ermüdete oder reflexartig verkrampfte Kaumuskeln, etwa nach einer langen Zahnbehandlung oder bei einem schmerzhaften Gelenk, können die Öffnung einschränken.
- Der Mund geht nicht mehr zu: Bei manchen Menschen renkt sich der Unterkiefer bei weiter Mundöffnung aus. Selten gelingt es dann nicht, den Mund wieder zu schließen. Grund ist meist eine besonders dehnbare Gelenkkapsel. Eine fachkundige Zahnärztin oder ein fachkundiger Zahnarzt renkt das Gelenk wieder ein und erklärt, wie man das künftig vermeidet.
Weil in sehr seltenen Fällen auch Tumoren die Beweglichkeit des Unterkiefers einschränken können, sollte eine eingeschränkte Mundöffnung nach der DGFDT grundsätzlich zahnmedizinisch oder medizinisch abgeklärt werden.
Was belastet das Kiefergelenk?
Eine wichtige Rolle spielen nach der DGFDT sogenannte Parafunktionen, also Kieferbewegungen, die nicht dem Kauen dienen: Zähneknirschen und -pressen (Bruxismus), Fingernagelkauen, Kauen auf Stiften oder auf der Lippe. Normalerweise berühren sich die Zähne nur beim Kauen und Schlucken, insgesamt etwa 15 Minuten am Tag. Beim Pressen und Knirschen sind sie viel häufiger und länger in Kontakt.
Als Hauptursache für Bruxismus gelten nach der DGFDT emotionaler Stress und psychische Anspannung; daneben spielen schlafbezogene Atmungsstörungen, Alkohol, Nikotin und einige Medikamente eine Rolle. Etwa 10 bis 20 % der Bevölkerung pressen oder knirschen. Nächtliches Knirschen bemerken oft zuerst Partnerin oder Partner, weil das Reiben gut zu hören ist.
Wenn Kaumuskulatur und Kiefergelenk gemeinsam betroffen sind, sprechen Fachleute von einer craniomandibulären Dysfunktion (CMD). Dieser Ratgeber beschreibt das Gelenk und seine Beschwerden; die CMD als Krankheitsbild ist ein eigenes Thema.
Wie entspanne ich das Kiefergelenk?
Die DGFDT empfiehlt bei Beschwerden einfache Maßnahmen:
- Zähne auseinander: Kleben Sie auffällige Punkte auf Uhr, Bildschirm oder Handy. Beim Blick darauf prüfen Sie, ob die Zähne aufeinanderliegen. Lippen geschlossen, Zähne auseinander.
- Pause für die Kaumuskeln: vorübergehend weiche statt harter und zäher Kost, kein Kaugummi bei Schmerzen, langes Sprechen und weites Öffnen meiden.
- Wärme: Wärme oder Rotlicht können die Muskulatur lockern; danach kann eine sanfte Selbstmassage der schmerzhaften Stellen entspannen.
- Kälte: Bei akuten Gelenkschmerzen kann ein Kühlpack nützlich sein.
- Stressausgleich: Entspannungsverfahren wie Autogenes Training oder Progressive Muskelentspannung, Ausdauersport oder Spaziergänge.
- Zahnarzt informieren: vor geplanten Zahnbehandlungen auf die Beschwerden hinweisen.
Bei einem blockierten oder ausgerenkten Kiefer, nach einem Unfall oder bei Fieber gelten diese Tipps nicht: Dann ist eine Untersuchung nötig.
Welcher Arzt ist zuständig, und wann zur Abklärung?
Eine eingeschränkte Mundöffnung sollte nach der DGFDT grundsätzlich zahnmedizinisch oder medizinisch abgeklärt werden; bei anhaltenden Beschwerden empfiehlt sie Spezialistinnen und Spezialisten für Funktionsstörungen von Kiefergelenk und Kaumuskeln. Eine grobe Orientierung, ohne Selbstdiagnose:
- Unauffällige Funktion: Mund öffnet und schließt frei, kein Schmerz. Kein Handlungsbedarf.
- Knacken ohne Schmerz: meist nicht behandlungsbedürftig; beim nächsten Zahnarztbesuch erwähnen.
- Schmerz, eingeschränkte Öffnung, Reiben oder steifer Kiefer am Morgen: zahnärztlich oder ärztlich abklären lassen.
- Plötzlich blockiert, Mund geht nicht zu, Unfall oder Fieber: zeitnah bzw. sofort untersuchen lassen.
Halten Schmerzen oder Funktionseinschränkungen trotz Behandlung wochenlang an, ist nach der DGFDT eine weitere Abklärung nötig, weil auch Nervenerkrankungen, seltene Kopfschmerzformen oder andere Störungen ähnliche Beschwerden verursachen können.
Gehört Physiotherapie nach der Diagnose zu Ihrem Behandlungsplan, können Sie sich in Bilbao an unsere Physiotherapie wenden (die Beratung findet auf Spanisch statt). Die zahnärztliche Diagnose ersetzt sie nicht.
Wo sich die Quellen unterscheiden
Tiefe: Gesund.bund.de beschränkt sich in seinem Glossar auf Lage und Funktion des Kiefergelenks. Die DGFDT beschreibt ausführlich Aufbau, Beschwerden und Selbsthilfe, allerdings aus der Sicht der craniomandibulären Dysfunktion.
Prognose: Die DGFDT schreibt, craniomandibuläre Dysfunktionen hätten eine gute Heilungsprognose und die Beschwerden seien oft vorübergehend; nicht invasive Behandlungen sollten deshalb zuerst gewählt werden. Gleichzeitig betont sie, dass wochenlang anhaltende Beschwerden weiter abgeklärt werden müssen.
Wer zuerst? Bei Kopfschmerzen nennt die DGFDT zuerst die neurologische Untersuchung, bei Ohrenschmerzen ohne Befund im Ohr den Spezialisten für Kiefergelenk und Kaumuskeln. Eine feste Reihenfolge für alle Beschwerden gibt es nicht.
Zusammenfassung
- Das Kiefergelenk verbindet den Unterkiefer mit dem Schädel und liegt knapp unter dem Ohr.
- Eine Knorpelscheibe zwischen Gelenkkopf und Gelenkgrube federt Belastungen ab.
- Schmerzloses Knacken ohne weitere Beschwerden ist in der Regel nicht behandlungsbedürftig; Reiben, Schmerz oder eingeschränkte Öffnung gehören abgeklärt.
- Eine Blockade beim Öffnen und ein Kiefer, der nicht mehr schließt, sind zwei verschiedene Situationen.
- Pressen, Knirschen und Stress belasten Gelenk und Kaumuskeln; Zähne auseinander, weiche Kost und Wärme können entlasten.
- Abklären lassen Sie Beschwerden zahnärztlich oder ärztlich, bei Bedarf bei Spezialisten für Funktionsstörungen des Kiefers.
Häufige Fragen zum Kiefergelenk
Diese Antworten sind allgemeine Informationen und ersetzen weder eine Untersuchung noch eine individuelle ärztliche Beratung.
Wie nennt man das Kiefergelenk?
Der Fachbegriff lautet Articulatio temporomandibularis. Es verbindet den beweglichen Unterkiefer mit dem Schädel und liegt knapp unter dem Ohr.
Welche Symptome treten bei Kiefergelenksbeschwerden auf?
Schmerzen vor dem Ohr, im Gelenk oder in den Kaumuskeln, oft beim Kauen, eine eingeschränkte Mundöffnung, Knacken oder Reiben sowie begleitend Kopf-, Ohren- oder Zahnschmerzen.
Wie entspanne ich das Kiefergelenk?
Zähne tagsüber bewusst auseinanderhalten, vorübergehend weiche Kost essen, auf Kaugummi verzichten, Wärme anwenden und Stress ausgleichen, etwa mit Entspannungsverfahren oder Ausdauersport.
Welcher Arzt ist zuständig für das Kiefergelenk?
Zahnärztinnen und Zahnärzte, bei anhaltenden Beschwerden Spezialisten für Funktionsstörungen von Kiefergelenk und Kaumuskeln. Je nach Beschwerden können weitere Fachrichtungen wie HNO oder Neurologie hinzukommen.
Bedeutet Knacken immer einen Schaden?
Nein. Schmerzlose Gelenkgeräusche ohne weitere Beschwerden sind in der Regel nicht behandlungsbedürftig. Ein Reiben wie Sand, Schmerzen oder Blockaden sollten dagegen abgeklärt werden.
Was tun, wenn sich der Mund plötzlich nicht mehr schließen lässt?
Dann ist der Kiefer meist ausgerenkt. Versuchen Sie nicht, ihn selbst mit Kraft einzurenken, sondern lassen Sie sich umgehend zahnärztlich oder ärztlich helfen.
Quellen
- gesund.bund.de (Bundesministerium für Gesundheit) · Glossar: Kiefergelenk
- Deutsche Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und -therapie (DGFDT): Krankheitsbilder
- DGFDT: Symptome
- DGFDT: Was kann ich selbst tun?
Dieser Ratgeber dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Diagnose und Behandlung hängen von Ihrer Untersuchung und Vorgeschichte ab. Im Notfall wählen Sie den Notruf 112.
