Was ist eine Dysarthrie?
Der dbl definiert die Dysarthrie als eine erworbene neurogene Störung der Motorik des Sprechens: Die Ausführung der Sprechbewegungen ist beeinträchtigt. Nach der Universität Stuttgart liegt dabei keine Störung eines höheren kognitiven Systems wie Sprache, Wahrnehmung oder Gedächtnis vor, sondern eine Störung bei der Ausführung motorischer Befehle.
Weil die Muskulatur geschwächt, verlangsamt, schlecht koordiniert oder in ihrer Spannung verändert sein kann, ist meist nicht nur die Aussprache betroffen, sondern alle am Sprechen beteiligten Systeme: Sprechatmung, Stimmgebung (Phonation), Resonanz und Artikulation. Deshalb spricht man auch von Dysarthrophonie. Je nach betroffenem Teil des Nervensystems können auch Kauen, Schlucken und Mimik beeinträchtigt sein.
Wie äußert sich eine Dysarthrie?
Dysarthrien betreffen nach dem dbl Atmung, Stimmgebung, Artikulation und Prosodie, also Sprechmelodie und Rhythmus. In unterschiedlicher Ausprägung können auftreten:
- leises oder stellenweise viel zu lautes Sprechen, rauer Stimmklang, Stimmabbrüche,
- behauchte oder gepresste Stimme, teilweise keine Stimme (Aphonie),
- näselnder (hypernasaler) Klang,
- Schwankungen in der Tonhöhe, monotones Sprechen,
- verlangsamtes oder unverständliches Sprechen,
- vermehrter Speichelfluss und selteneres Schlucken.
Eine undeutliche Aussprache sagt nichts über Intelligenz oder Verstehen aus. Wer verwaschen spricht, sollte weder für betrunken gehalten noch wie ein Kind angesprochen werden.
Ursachen: bei welchen Krankheiten die Sprache undeutlich wird
Dysarthrien werden nach dem dbl verursacht durch:
- Schlaganfälle,
- Schädel-Hirn-Traumata,
- Hirntumore und Epilepsie,
- Kleinhirn-Ataxie,
- Erkrankungen wie Morbus Parkinson, Multiple Sklerose (MS) oder Amyotrophe Lateralsklerose (ALS),
- zugrunde liegende Syndrome wie Trisomie 21.
Wie häufig eine Dysarthrie auftritt, hängt von der Ursache ab. Nach einem Schlaganfall liegt der Anteil laut dbl zwischen 15 und 30 Prozent, bei Morbus Parkinson zeigen 75 bis 90 Prozent der Betroffenen eine Dysarthrie, bei Multipler Sklerose 40 bis 50 Prozent. Auch Kinder können betroffen sein; für sie gelten eigene Wege der Diagnostik und Förderung.
Unterschied zwischen Dysarthrie und Aphasie
Die Universität Stuttgart fasst es knapp zusammen: Dysarthrie ist eine Sprechstörung, Aphasie dagegen eine Sprachstörung. Bei der Aphasie kann man nach gesund.bund.de Worte nicht mehr richtig verstehen oder selbst ausreichend bilden; Verstehen, Sprechen, Lesen und Schreiben können betroffen sein. Bei der Dysarthrie sind dagegen die Bewegungsabläufe gestört, die man zum Sprechen braucht.
Beide Störungen können nach einem Schlaganfall auch gemeinsam auftreten, ebenso eine Schluckstörung. Wer Probleme hat, das passende Wort zu finden, findet mehr im Ratgeber Wortfindungsstörung; zu Problemen beim Schlucken lesen Sie den Ratgeber Schluckstörung.
Formen: schlaff, spastisch, ataktisch, hypokinetisch
Verbreitet ist nach der Universität Stuttgart eine Einteilung nach dem Ort der Schädigung und der dazugehörigen Bewegungsstörung:
- schlaffe Dysarthrie bei Schädigung im Hirnstamm oder der Hirnnerven, mit Muskelschwäche und verringerter Spannung,
- spastische Dysarthrie bei Schädigung der absteigenden motorischen Bahnen oder des motorischen Kortex,
- ataktische Dysarthrie bei Schädigung des Kleinhirns,
- dyskinetische Formen bei Erkrankungen der Basalganglien.
Zu den dyskinetischen Formen gehört die hypokinetische (rigide) Dysarthrie, etwa bei Morbus Parkinson, mit unpräzisen Konsonanten, monotoner Lautstärke und Tonhöhe, rauer, zu tiefer Stimme und unpassenden Pausen. Reine Formen sind allerdings selten; im klinischen Alltag finden sich häufiger Mischformen.
Wie die Dysarthrie untersucht wird
Zuerst muss ärztlich, meist neurologisch, geklärt werden, welche Erkrankung hinter der Sprechstörung steckt. Die klinische Dysarthriediagnostik besteht nach der Universität Stuttgart dann vor allem darin, Auffälligkeiten beim Sprechen nach Gehör zu erkennen und genau zu beschreiben, getrennt nach Sprechatmung, Stimmgebung, Resonanz, Artikulation und Prosodie.
Um ein umfassendes Bild zu erhalten, werden verschiedene Sprechsituationen geprüft, etwa freies Sprechen, Nachsprechen und schnelle Silbenfolgen. Apparative Verfahren wie akustische Analysen oder bildgebende Untersuchungen der Sprechbewegungen werden eher in der Forschung eingesetzt. Weil die Einteilung vor allem auf dem Höreindruck beruht, erlaubt sie nicht immer eindeutige Rückschlüsse auf die Art der Störung.
Behandlung: was Logopädie leisten kann
Logopädinnen und Logopäden behandeln Störungen der Stimme, der Sprache, des Sprechens und des Schluckens. Eine logopädische Behandlung des Sprechens soll nach gesund.bund.de die Kommunikationsfähigkeit wiederherstellen oder verbessern. Nicht immer ist damit ein normales Sprechen erreichbar; mitunter geht es auch darum, mit den Beschwerden umzugehen oder Kommunikationshilfen sinnvoll einzusetzen.
gesundheitsinformation.de nennt als mögliche Bausteine Übungen zur Lautbildung und zum Redefluss sowie die Unterstützung der Kommunikation durch Hilfsmittel wie Sprechtafeln oder Sprachcomputer. Ob sich eine Dysarthrie bessert, hängt stark von der Ursache ab: Nach einem Schlaganfall können sich Beschwerden mit der Zeit bessern, bei fortschreitenden Erkrankungen steht oft der Erhalt der Verständigung im Vordergrund.
Für Erwachsene, deren Sprechstörung bereits ärztlich abgeklärt ist, bieten wir in unserer Praxis für Logopädie in Bilbao eine Untersuchung und Behandlung an (die Beratung findet auf Spanisch statt).
Vorbereitungsblatt für den ersten Logopädie-Termin
Die Untersuchung macht die Fachperson. Sie können aber viel dazu beitragen, wenn Sie vorher aufschreiben, was Ihnen im Alltag auffällt. Das Blatt ist kein Test, sondern eine Gesprächsgrundlage:
- Beginn und Verlauf: Seit wann fällt das Sprechen schwer? Kam es plötzlich oder schleichend? Ist es gleich geblieben, besser oder schlechter geworden?
- Bekannte Diagnosen: Welche Erkrankung wurde ärztlich festgestellt, welche Befunde und Arztbriefe gibt es?
- Schwierige Situationen: Wann werden Sie schlecht verstanden, etwa am Telefon, in lauter Umgebung, bei Müdigkeit oder am Abend?
- Begleitbeschwerden: Gibt es Probleme beim Schlucken, Verschlucken oder vermehrten Speichelfluss?
- Eigene Ziele: Was möchten Sie wieder können, zum Beispiel telefonieren, im Beruf vortragen oder sich in der Familie verständlich machen?
Angehörige können ergänzen, was ihnen auffällt. Entscheidend bleiben aber die Ziele der betroffenen Person selbst.
Wo die Quellen unterschiedlich gewichten
Die Quellen beschreiben die Dysarthrie aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Der dbl ordnet sie vor allem nach Ursachen und hörbaren Symptomen und nennt Häufigkeiten je nach Grunderkrankung. Die Universität Stuttgart betont die Einteilung nach dem Ort der Schädigung, weist aber selbst auf deren Grenzen hin: Reine Formen sind selten, und die Bewegungsstörung der Arme und Beine lässt sich nicht immer auf das Sprechen übertragen. Als Alternative nennt sie eine Einteilung nach der neurologischen Grunderkrankung.
Zur Behandlung bleiben die Quellen allgemein. Sie nennen keine Übungen, die für alle passen, und gesund.bund.de stellt klar, dass ein normales Sprechen nicht immer erreichbar ist. Konkrete Ziele und Übungen legt deshalb die Logopädin oder der Logopäde nach der Untersuchung fest.
Dysarthrie im Überblick
- Dysarthrie ist eine erworbene, neurologisch bedingte Störung der Sprechmotorik.
- Betroffen sein können Atmung, Stimme, Resonanz, Aussprache und Sprechmelodie.
- Häufige Ursachen sind Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma, Parkinson, MS und ALS.
- Anders als bei der Aphasie ist die Sprache selbst nicht gestört; beides kann aber gemeinsam vorkommen.
- Plötzlich auftretende Sprechstörungen sind ein Notfall: sofort 112.
- Logopädie soll die Verständigung verbessern oder erhalten; die Prognose hängt von der Ursache ab.
Häufige Fragen zur Dysarthrie
Diese Antworten sind allgemeine Informationen und ersetzen weder eine Untersuchung noch eine individuelle ärztliche Beratung.
Was ist der Unterschied zwischen Aphasie und Dysarthrie?
Die Aphasie ist eine Sprachstörung: Verstehen und Bilden von Wörtern und Sätzen sind beeinträchtigt. Die Dysarthrie ist eine Sprechstörung: Die Bewegungen der Sprechmuskulatur sind gestört, die Sprache selbst nicht. Nach einem Schlaganfall können beide gemeinsam auftreten.
Wie äußert sich Dysarthrie?
Zum Beispiel durch leises oder zu lautes, verlangsamtes, monotones, näselndes oder schwer verständliches Sprechen, eine raue, behauchte oder gepresste Stimme und Schwankungen in der Tonhöhe. Auch vermehrter Speichelfluss kann auftreten.
Kann man Dysarthrie heilen?
Das hängt von der Ursache ab. Nach einem Schlaganfall können sich Beschwerden mit der Zeit bessern, manchmal bleiben sie bestehen. Bei fortschreitenden Erkrankungen geht es oft darum, die Verständigung möglichst lange zu erhalten. Logopädie kann helfen, ein normales Sprechen ist aber nicht immer erreichbar.
Bei welcher Krankheit wird die Sprache undeutlich?
Eine undeutliche Aussprache kann unter anderem nach Schlaganfall oder Schädel-Hirn-Trauma, bei Hirntumoren, Parkinson, Multipler Sklerose oder ALS auftreten. Kommt sie plötzlich, ist das ein Notfall: sofort den Notruf 112 wählen.
Was bedeutet Anarthrie?
Die hier genutzten Quellen definieren den Begriff nicht eigens. Sie beschreiben, dass eine Dysarthrie in sehr unterschiedlicher Ausprägung auftreten kann, bis hin zu unverständlichem Sprechen oder fehlender Stimme. Was ein Begriff in Ihrem Befund bedeutet, erklärt die behandelnde Fachperson.
Welche Bereiche untersucht die Logopädie?
Die Logopädin oder der Logopäde hört genau hin und beschreibt Sprechatmung, Stimmgebung, Resonanz, Artikulation und Sprechmelodie, und zwar beim freien Sprechen, beim Nachsprechen und bei schnellen Silbenfolgen. Oft wird auch das Schlucken einbezogen.
Quellen
- Deutscher Bundesverband für Logopädie (dbl) · Dysarthrie
- Universität Stuttgart, Sprache und Gehirn · Dysarthrien
- Universität Stuttgart, Sprache und Gehirn · Klassifikation der Dysarthrien
- Universität Stuttgart, Sprache und Gehirn · Dysarthrietypen
- Universität Stuttgart, Sprache und Gehirn · Dysarthriediagnostik
- gesund.bund.de (Bundesministerium für Gesundheit) · Schlaganfall
- gesund.bund.de (Bundesministerium für Gesundheit) · Logopädie
- gesundheitsinformation.de (IQWiG) · Was ist eine Logopädie?
Dieser Ratgeber dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Diagnose und Behandlung hängen von Ihrer Untersuchung und Vorgeschichte ab. Im Notfall wählen Sie den Notruf 112.
