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Lispeln: Ursachen, Formen und logopädische Hilfe

Beim Lispeln klingen die S-Laute anders, weil die Zunge zwischen die Zähne rutscht, an die Schneidezähne stößt oder die Luft seitlich entweicht. In der Fachsprache heißt das Sigmatismus. Lispeln ist bei kleinen Kindern weit verbreitet und verschwindet oft von allein, kann aber bis ins Erwachsenenalter bestehen bleiben. Dieser Ratgeber erklärt nach dem Deutschen Bundesverband für Logopädie (dbl), dem AOK-Gesundheitsmagazin und dem Projekt Stimmstark der Universität Halle-Wittenberg, welche Formen es gibt, woher Lispeln kommt und wie die logopädische Behandlung abläuft.

Thema
Logopädie
Aktualisiert
Lesezeit
8 Minuten
Geprüft von
Dr. Itziar Gotxi Erezuma · Fachärztin für HNO · Ärztekammer Bizkaia Nr. 484809757

Was ist Lispeln?

Lispeln ist der umgangssprachliche Name für eine veränderte Bildung der S-Laute. Fachleute sprechen von Sigmatismus. Nach dem Deutschen Bundesverband für Logopädie (dbl) gehört es zu den Artikulationsstörungen, auch phonetische Störungen genannt: Abweichungen bei der Aussprache von Lauten oder Lautverbindungen aufgrund von sprechmotorischen Problemen. Ein Laut wird nicht oder falsch gebildet. Am häufigsten sind im Deutschen die Zischlaute s, z, sch und der ich-Laut betroffen.

Davon abzugrenzen sind phonologische Störungen: Dabei kann ein Kind einen Laut zwar bilden, verwendet ihn aber nicht an der richtigen Stelle im Wort. Im ICD-10, nach dem in Deutschland Diagnosen verschlüsselt werden, hat die Artikulationsstörung den Code F80.0. gesund.bund.de erklärt dazu: Man spricht bestimmte Laute anders aus als andere Menschen oder lässt sie weg; der Grund ist wahrscheinlich, dass die Muskeln zum Sprechen, etwa die Zunge und die Mundmuskeln, nicht richtig zusammenarbeiten.

Lispeln ist nach dem AOK-Gesundheitsmagazin neben dem Stottern eine der häufigsten Sprechstörungen. Es tritt meistens bei Kindern auf, kann aber bis ins Erwachsenenalter bestehen bleiben.

Welche Arten von Lispeln gibt es?

Die Formen werden nach der Lage der Zunge benannt:

  • Sigmatismus interdentalis: Die vordere Zunge schiebt sich zwischen die Schneidezähne und ist dabei zu sehen. Das S klingt dann ähnlich wie das englische „th“. Nach dem Projekt Stimmstark der Universität Halle-Wittenberg ist das die bekannteste Form; bei kleinen Kindern ist sie nach der AOK häufig zu beobachten.
  • Sigmatismus addentalis: Die Zunge liegt nicht zwischen, aber zu nah an den Frontzähnen oder stößt an die oberen Schneidezähne.
  • Sigmatismus lateralis: Die Luft entweicht seitlich an der Zunge vorbei, über die seitlichen Zahnreihen. Der dbl nennt als Beispiel einen seitlich gebildeten sch-Laut.

In jedem Fall ergibt sich nach dem dbl ein veränderter Klang des S, der als Lispeln wahrgenommen wird. Kommen weitere ungenau gebildete Laute oder eine insgesamt undeutliche Aussprache („Nuscheln“) hinzu, kann die Verständlichkeit eingeschränkt sein.

Was ist die Ursache für Lispeln?

Am häufigsten sind nach dem dbl funktionelle Auffälligkeiten: Es liegt keine organische Ursache vor, aber die genaue Artikulationsbewegung fällt schwer. Oft wird beim Lauterwerb ein fehlerhaftes Lautmuster eingeübt; je länger es automatisiert ist, desto schwieriger kann das Umlernen sein. Nicht selten gibt es Sprechvorbilder mit ähnlicher Aussprache oder eine zu geringe Muskelspannung im Mundbereich (myofunktionelle Störung). Auch Stimmstark beschreibt Sigmatismen meist als Sprechgewohnheiten.

Seltener, aber wichtig zu erkennen, sind organische oder sekundäre Ursachen. Die Quellen nennen:

  • Hören: Eine Schwerhörigkeit im Hochtonbereich. S-Laute liegen nach der AOK über 4.000 Hertz; wer dort schlecht hört, nimmt sie nicht richtig wahr und kann sie schwer nachahmen.
  • Zähne und Kiefer: fehlende Zähne, Zahnfehlstellungen oder ein offener Biss.
  • Mund und Zunge: ein gestörter Mundschluss, Schluckstörungen mit Speichelfluss, ein verkürztes Zungenbändchen, Fehlbildungen wie Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten.
  • Gewohnheiten: Nach der AOK können Daumenlutschen oder übermäßiges Nuckeln am Schnuller die Zahnstellung und die Entwicklung der Mundmuskulatur beeinflussen.

Bei Erwachsenen besteht Lispeln nach dem dbl oft seit der Kindheit. Eine Artikulationsstörung kann aber auch neu entstehen, etwa nach Hörschädigungen, Schlaganfällen, Unfällen oder bei Erkrankungen wie Multipler Sklerose. Sprechstörungen infolge neurologischer Erkrankungen werden als Sprechapraxie oder Dysarthrie bezeichnet und sind etwas anderes als das gewohnte Lispeln.

Lispeln bei Kindern: Wann hört es auf?

S-Laute richtig zu bilden gilt nach der AOK als besonders schwierig. Einige Kinder lernen es erst mit fünf oder sechs Jahren, meistens selbstständig und ohne Therapie. Artikulationsstörungen sind im Spracherwerb häufig: Nach dem dbl betreffen sie etwa 13,5 Prozent der Vier- bis Sechsjährigen. Der Einschulung steht Lispeln nach der AOK nicht im Weg.

Wenn Eltern unsicher sind, ob sich die Aussprache altersgemäß entwickelt, sollten sie nach dem dbl mit der Kinderärztin oder dem Kinderarzt sprechen. Von dort kann eine logopädische Therapie verordnet werden, die eine ausführliche Diagnostik und die Beratung der Eltern einschließt. Ein fester Zeitpunkt, bis zu dem man abwarten sollte, gilt nicht für jedes Kind; das klärt die Untersuchung.

Lispeln bei Erwachsenen

Auch im Erwachsenenalter lässt sich die Zungenlage beim S umgewöhnen. Nach dem Projekt Stimmstark der Universität Halle-Wittenberg gibt es Übungen dafür, und man kann mit logopädischer Unterstützung daran arbeiten. Wer beruflich viel spricht, etwa als Lehrkraft, erlebt das Lispeln oft als störend; Stimmstark berichtet, dass Sigmatismen beim Zuhören vom Inhalt ablenken können.

Wie stark Lispeln das eigene Leben beeinflusst, ist sehr unterschiedlich. Für eine erste logopädische Beratung kann man vorab notieren:

  • Situationen: Wann stört es Sie? Vorträge, Unterricht, Telefonate, Gespräche mit Unbekannten, Aufnahmen.
  • Laute: Betrifft es nur s und z oder auch sch und ch? Hören andere es, oder vor allem Sie selbst?
  • Vorgeschichte: Seit der Kindheit oder neu? Frühere Therapie, Zahnspange, Zahnbehandlung, Hörprobleme?
  • Fragen: Welche Form liegt vor? Ist eine Hör- oder Zahnuntersuchung sinnvoll? Wie lange dauert eine Therapie ungefähr, und wie übe ich zwischen den Terminen?

Bei Verdacht auf eine Artikulationsstörung nennt der dbl als Ansprechpartner behandelnde Ärztinnen und Ärzte, Phoniatrie, neurologische Praxen, klinische Ambulanzen oder logopädische Praxen mit passender Spezialisierung.

Wie wird Lispeln festgestellt?

Die logopädische Diagnostik umfasst nach dem dbl eine genaue Untersuchung der Aussprache. Dabei wird geprüft, welche Laute wie gebildet werden, ob die Zunge zwischen oder an den Zähnen liegt oder ob Luft seitlich entweicht, und ob die Verständlichkeit eingeschränkt ist.

Weil Hören, Zähne und Mundfunktion beteiligt sein können, gehört je nach Befund auch die Frage dazu, ob eine Hörprüfung oder eine zahnärztliche oder kieferorthopädische Untersuchung sinnvoll ist. Bei Erwachsenen mit neu aufgetretener Aussprachestörung steht die ärztliche, oft neurologische Abklärung am Anfang.

Wie bekommt man das Lispeln weg?

In der Regel wird Lispeln nach der AOK mit Sprachtherapie (Logopädie) behandelt. Ziel ist, dass Betroffene die Zunge richtig positionieren, den Laut korrekt erzeugen und ihn schließlich spontan in der Alltagssprache verwenden. Die Behandlung hängt von der Ursache ab und kann einige Monate, aber auch mehrere Jahre dauern.

Die AOK beschreibt verschiedene Methoden: Übungen mit Wörtern und Sätzen, die den Laut enthalten, und später Gespräche, in denen die neue Zungenlage angewendet wird; die phonetische Platzierungsmethode, bei der der S-Laut schrittweise aus einem anderen Laut entwickelt wird; und bei kleinen Kindern die auditive Stimulation, bei der die Therapeutin den richtigen Laut vorspricht und mit der falschen Bildung vergleicht. Welche Übungen passen, entscheidet die Logopädin oder der Logopäde nach Form und Alter.

Ist ein verkürztes Zungenbändchen die Ursache, kann nach der AOK ein kleiner Eingriff (Frenotomie) nötig sein, oft ergänzt durch Logopädie. Bei Kindern können Eltern die Therapie unterstützen, indem sie zu Hause die gezeigten Aufgaben machen. Wichtig ist nach dem dbl, sich an die Hinweise zu halten und das Kind nicht bei jedem Fehler zu verbessern, damit es nicht frustriert wird.

Wie wird Lispeln von anderen wahrgenommen?

Manche Betroffene fühlen sich wegen ihres Lispelns benachteiligt. Die Forschung dazu ist nach der AOK begrenzt: Häufig zitierte Studien, in denen lispelnden Erwachsenen geringere Bildung oder Reife zugeschrieben wurde, arbeiteten mit simuliertem Lispeln; Studien in Belgien und Brasilien bestätigten eine Stigmatisierung nicht.

Wichtig ist: Diese Studien messen Eindrücke von Zuhörenden, keine Intelligenz und keine tatsächlichen Fähigkeiten. Ob und wie stark jemand daran arbeiten möchte, ist eine persönliche Entscheidung.

Wo sich die Quellen unterscheiden

Bei der Rolle des Zahnwechsels setzen die Quellen unterschiedliche Akzente. Das AOK-Gesundheitsmagazin schreibt, entscheidend sei häufig, wann die bleibenden Frontzähne durchbrechen, sofern keine anderen Erkrankungen die Ursache sind. Der dbl betont dagegen, dass ein eingeübtes fehlerhaftes Lautmuster umso schwerer zu verändern ist, je länger es automatisiert wurde, und empfiehlt bei Unsicherheit das Gespräch mit der Kinderarztpraxis. Ein pauschales Abwarten bis zum Zahnwechsel lässt sich daraus nicht für jedes Kind ableiten.

Auch die Gewichtung der Ursachen unterscheidet sich. Die AOK listet zahlreiche körperliche Ursachen auf, von Zahnstellung über Mundschluss bis Zungenbändchen. Der dbl und Stimmstark schreiben dagegen, dass meist keine organische Ursache vorliegt und Sigmatismen überwiegend Sprechgewohnheiten sind; organische Ursachen seien selten. Bei der Wirkung auf andere berichtet Stimmstark über Untersuchungen, nach denen lispelnde Lehrkräfte als weniger kompetent wahrgenommen wurden, während die AOK solche Ergebnisse wegen der Methodik relativiert.

Das Wichtigste in Kürze

  • Lispeln (Sigmatismus) ist eine Artikulationsstörung, bei der vor allem s und z anders gebildet werden.
  • Die Hauptformen sind interdental (Zunge zwischen den Zähnen), addental (Zunge an den Zähnen) und lateral (Luft seitlich).
  • Meist ist es eine eingeübte Sprechgewohnheit; Hörprobleme, Zähne, Mundschluss oder Zungenbändchen können beteiligt sein.
  • Bei Kindern ist Lispeln häufig und verschwindet oft von selbst; bei Unsicherheit berät die Kinderarztpraxis.
  • Auch Erwachsene können die Zungenlage mit logopädischer Unterstützung umlernen.
  • Eine neu aufgetretene undeutliche Aussprache bei Erwachsenen gehört ärztlich abgeklärt.
  • Studien zur Wirkung auf andere messen Eindrücke von Zuhörenden, keine Intelligenz oder Kompetenz.

Häufige Fragen zum Lispeln

Diese Antworten sind allgemeine Informationen und ersetzen weder eine Untersuchung noch eine individuelle ärztliche Beratung.

Was ist die Ursache für Lispeln?

Meist keine organische: Die genaue Zungenbewegung beim S wurde nicht erlernt oder ein fehlerhaftes Muster eingeübt. Seltener tragen Schwerhörigkeit im Hochtonbereich, fehlende oder fehlstehende Zähne, ein offener Biss, ein gestörter Mundschluss oder ein verkürztes Zungenbändchen bei.

Wie bekommt man das Lispeln weg?

Mit Sprachtherapie (Logopädie): Dort lernt man die richtige Zungenlage, übt den Laut in Wörtern und Sätzen und überträgt ihn in die Alltagssprache. Die Dauer reicht je nach Ursache von einigen Monaten bis zu mehreren Jahren.

Wann hört Lispeln auf?

Viele Kinder lernen den S-Laut erst mit fünf oder sechs Jahren, meist ohne Therapie. Ob ein Kind Unterstützung braucht, klärt die Kinderarztpraxis. Bei Erwachsenen verschwindet ein seit der Kindheit bestehendes Lispeln meist nicht von allein, lässt sich aber umlernen.

Welche Arten von Lispeln gibt es?

Beim interdentalen Lispeln liegt die Zunge zwischen den Schneidezähnen, beim addentalen an den Zähnen, beim lateralen entweicht die Luft seitlich. Auch der sch-Laut kann seitlich gebildet werden.

Kann Logopädie auch Erwachsenen helfen?

Ja. Nach dem Projekt Stimmstark der Universität Halle-Wittenberg gibt es Übungen, mit denen man die Zungenlage beim S umgewöhnen kann, auch mit logopädischer Unterstützung. Hilfreich ist, vorher zu notieren, in welchen Situationen es stört und welche Laute betroffen sind.

Muss jedes falsch gesprochene S sofort korrigiert werden?

Nein. Der dbl rät Eltern, sich an die Hinweise der Logopädin zu halten und das Kind nicht bei jedem Fehler zu verbessern, damit es nicht frustriert wird. Besser ist, die gezeigten Übungen gezielt zu Hause zu machen.

Quellen

  1. dbl – Deutscher Bundesverband für Logopädie · Artikulationsstörung
  2. AOK-Gesundheitsmagazin · Lispeln: Ursache, Symptome und Behandlung
  3. Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Projekt Stimmstark · Ist mein Lispeln wirklich ein Problem?
  4. gesund.bund.de (Bundesministerium für Gesundheit) · ICD-10-Code F80.0: Artikulationsstörung
  5. gesund.bund.de (Bundesministerium für Gesundheit) · Schlaganfall

Dieser Ratgeber dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Diagnose und Behandlung hängen von Ihrer Untersuchung und Vorgeschichte ab. Im Notfall wählen Sie den Notruf 112.