Was ist eine Wortfindungsstörung?
Bei einer Wortfindungsstörung (Anomie) wissen Betroffene genau, was sie sagen möchten, finden aber das passende Wort nicht. Sie umschreiben es („das Ding zum Schneiden“), setzen ein ähnliches Wort ein oder brechen den Satz ab. Das Verständnis ist dabei oft erhalten. Wortfindungsstörungen können allein auftreten oder Teil einer umfassenderen Sprachstörung sein.
Wann Wortfindungsprobleme normal sind
- Gelegentlich, vor allem bei Namen und seltenen Wörtern.
- Bei Müdigkeit, Schlafmangel, Stress oder Ablenkung.
- Mit zunehmendem Alter etwas häufiger, ohne dass der Alltag beeinträchtigt ist.
- Das Wort fällt später von selbst wieder ein.
Solche Aussetzer sind kein Zeichen einer Demenz. Auch bei Erschöpfung, Burnout oder Depression können Konzentration und Wortabruf vorübergehend leiden.
Krankheitsbedingte Ursachen
- Schlaganfall mit Schädigung der Sprachzentren (Aphasie).
- Demenzerkrankungen wie Alzheimer oder die primär progressive Aphasie.
- Schädel-Hirn-Verletzungen.
- Hirntumoren oder Entzündungen des Gehirns.
- Parkinson und Multiple Sklerose.
- Nebenwirkungen bestimmter Medikamente, etwa einiger Antiepileptika.
- Nach Infektionen wie COVID-19 im Rahmen von Konzentrationsstörungen.
Was ist eine Aphasie?
Eine Aphasie ist eine erworbene Sprachstörung durch Schädigung der Sprachregionen, meist in der linken Gehirnhälfte. Betroffen sein können Sprechen, Verstehen, Lesen und Schreiben. Wortfindungsstörungen kommen bei fast allen Formen vor. Je nach Form sprechen Betroffene flüssig, aber mit vertauschten Wörtern, oder stockend und mühsam. Die Intelligenz ist dabei nicht beeinträchtigt, was für Betroffene und Angehörige wichtig zu wissen ist.
Wortfindungsstörungen und Demenz
Bei Demenzerkrankungen nehmen Wortfindungsprobleme schleichend zu. Zusätzlich treten meist Gedächtnisprobleme, Orientierungsschwierigkeiten oder Veränderungen im Verhalten auf. Bei der primär progressiven Aphasie, einer seltenen Form, stehen Sprachprobleme über Jahre im Vordergrund. Wer bemerkt, dass Wortfindungsprobleme zunehmen und den Alltag beeinträchtigen, sollte das hausärztlich oder neurologisch abklären lassen.
Wann Sie handeln sollten
- Plötzlich auftretende Sprachstörungen: Notruf 112.
- Wortfindungsprobleme, die über Wochen deutlich zunehmen.
- Zusätzliche Gedächtnisprobleme oder Verwirrtheit.
- Schwierigkeiten, andere zu verstehen, zu lesen oder zu schreiben.
- Kopfschmerzen, Sehstörungen oder Krampfanfälle.
Wie wird abgeklärt?
Die Abklärung beginnt mit einem ausführlichen Gespräch, auch mit Angehörigen. Neurologische Untersuchung, Gedächtnistests und Bildgebung des Gehirns wie MRT oder CT klären die Ursache. In der Logopädie wird mit standardisierten Tests genau erfasst, welche Bereiche der Sprache betroffen sind, etwa Benennen, Verstehen, Nachsprechen, Lesen und Schreiben. Das ist die Grundlage für eine gezielte Therapie.
Wie Logopädie hilft
In der Logopädie werden Wortabruf und Kommunikation gezielt trainiert. Bewährt sind Übungen mit Bedeutungsmerkmalen (Wozu braucht man es? Wie sieht es aus?), mit Anlauthilfen und Silben, Benennübungen mit Bildern und das Training von Umschreibungsstrategien. Wichtig ist der Alltagsbezug: Geübt werden Wörter und Situationen, die für die betroffene Person relevant sind. Studien zeigen, dass intensive Therapie besonders wirksam ist.
Übungen für zu Hause
- Wortketten: Begriffe zu einem Thema sammeln, etwa Obst, Tiere oder Werkzeuge.
- Gegenstände im Raum benennen und beschreiben.
- Wörter mit einem bestimmten Anfangsbuchstaben finden.
- Gegenteile und Oberbegriffe suchen.
- Kreuzworträtsel und Wortspiele.
- Kurze Geschichten nacherzählen.
Die Übungen sollten Spaß machen und nicht überfordern. Bei einer Aphasie werden sie am besten mit der Logopädin abgestimmt.
Tipps für Gespräche
- Zeit lassen und nicht drängen.
- Nicht ständig das Wort vorsagen, sondern nur, wenn die Person es wünscht.
- Einfache, klare Sätze verwenden und Ja-Nein-Fragen anbieten.
- Gesten, Bilder und Schreiben als Hilfe nutzen.
- Ruhige Umgebung ohne Hintergrundgeräusche wählen.
- Die Person als Erwachsene behandeln und sie nicht übergehen.
Wortfindungsstörungen bei Kindern
Auch Kinder können Wortfindungsstörungen haben, oft im Rahmen einer Sprachentwicklungsstörung. Sie sagen dann häufig „Dings“, umschreiben viel oder stocken beim Erzählen, obwohl sie die Wörter eigentlich kennen. Eine logopädische Untersuchung klärt, ob eine Therapie sinnvoll ist. Auch bei Kindern mit Legasthenie sind Probleme beim schnellen Wortabruf häufig.
Prognose
Nach einem Schlaganfall bessert sich die Sprache in den ersten Monaten oft deutlich, Fortschritte sind aber auch noch Jahre später möglich. Bei Demenz zielt die Therapie darauf, Kommunikation so lange wie möglich zu erhalten und Strategien für den Alltag zu entwickeln. Stressbedingte Wortfindungsprobleme verschwinden meist, wenn die Belastung nachlässt.
Mehrsprachigkeit und Wortfindung
Menschen, die mehrere Sprachen sprechen, erleben häufiger das Gefühl, dass ein Wort auf der Zunge liegt, weil der Wortschatz auf mehrere Sprachen verteilt ist. Das ist normal und kein Zeichen einer Störung. Nach einem Schlaganfall oder bei Demenz können die Sprachen unterschiedlich stark betroffen sein. In der Logopädie wird dann geklärt, in welcher Sprache die Therapie am sinnvollsten ist.
Unterstützung für Angehörige
Wenn ein Familienmitglied Wörter nicht mehr findet, ist das für alle belastend. Gespräche dauern länger, Missverständnisse häufen sich, und manche Betroffene ziehen sich zurück. Angehörige können lernen, mit Geduld, einfachen Fragen und Hilfsmitteln die Kommunikation zu erleichtern. Selbsthilfegruppen für Menschen mit Aphasie und ihre Familien bieten Austausch und praktische Tipps.
Das Wichtigste in Kürze
- Gelegentliche Wortfindungsprobleme sind normal, besonders bei Müdigkeit und Stress.
- Plötzliche Sprachstörungen sind ein Notfall und können auf einen Schlaganfall hinweisen.
- Zunehmende Wortfindungsprobleme sollten ärztlich abgeklärt werden.
- Logopädie verbessert Wortabruf und Kommunikation, besonders bei intensiver Therapie.
Häufige Fragen zur Wortfindungsstörung
Diese Antworten sind allgemeine Informationen und ersetzen weder eine Untersuchung noch eine individuelle ärztliche Beratung.
Ist eine Wortfindungsstörung ein Zeichen für Demenz?
Nicht unbedingt. Gelegentliche Aussetzer sind normal; zunehmende Probleme mit Gedächtnisstörungen sollten abgeklärt werden.
Kann Stress Wortfindungsstörungen auslösen?
Ja, Stress, Müdigkeit und Ablenkung beeinträchtigen den Wortabruf vorübergehend.
Welcher Arzt ist zuständig?
Zunächst die Hausärztin, bei Bedarf die Neurologie; die Therapie erfolgt in der Logopädie.
Wird Logopädie von der Krankenkasse bezahlt?
Ja, mit ärztlicher Verordnung übernehmen die Krankenkassen die Logopädie.
Was ist der Unterschied zwischen Wortfindungsstörung und Aphasie?
Wortfindungsstörung beschreibt ein Symptom, Aphasie eine Sprachstörung, bei der Wortfindungsprobleme meist mit anderen Sprachproblemen auftreten.
Können Wortfindungsstörungen wieder verschwinden?
Je nach Ursache ja, etwa bei Stress oder nach Schlaganfall mit Therapie.
Helfen Gedächtnis-Apps?
Sie können ergänzen, ersetzen aber keine gezielte Therapie.
Haben Kinder auch Wortfindungsstörungen?
Ja, oft im Rahmen einer Sprachentwicklungsstörung; Logopädie kann helfen.
Hilft Lesen gegen Wortfindungsstörungen?
Regelmäßiges Lesen hält den Wortschatz aktiv und kann ergänzend hilfreich sein.
Quellen
- MSD Manual (Ausgabe für Patienten) · Aphasie
- gesund.bund.de (Bundesministerium für Gesundheit) · Schlaganfall
- Brady MC, et al. Speech and language therapy for aphasia following stroke. Cochrane Database Syst Rev. 2016
Dieser Ratgeber dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Diagnose und Behandlung hängen von Ihrer Untersuchung und Vorgeschichte ab. Im Notfall wählen Sie den Notruf 112.
