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Dysmorphophobie: wenn ein vermeintlicher Makel das Leben bestimmt

Fast jeder Mensch findet etwas an seinem Körper, das ihm nicht gefällt. Bei einer Dysmorphophobie, auch körperdysmorphe Störung (KDS) genannt, wird ein kaum sichtbarer oder gar nicht vorhandener Makel aber zum Mittelpunkt des Lebens. Dieser Ratgeber erklärt nach der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen (DGZ), der IKK classic und dem Portal Neurologen und Psychiater im Netz, woran man die Störung erkennt, woher sie kommt, wie sie diagnostiziert wird und welche Behandlung hilft.

Thema
Psychologie
Aktualisiert
Lesezeit
7 Minuten
Geprüft von
Dr. Itziar Gotxi Erezuma · Fachärztin für HNO · Ärztekammer Bizkaia Nr. 484809757

Was ist eine Dysmorphophobie?

Kernmerkmal der körperdysmorphen Störung ist nach der DGZ die intensive, übermäßige Beschäftigung mit Makeln im Aussehen, die andere nicht oder nur leicht wahrnehmen. Betroffene haben nach der IKK classic eine gestörte Wahrnehmung des eigenen Körpers: Sie empfinden sich wegen vermeintlich kleiner Makel als hässlich oder entstellt, obwohl es dafür keinen objektiven Grund gibt.

Im Klassifikationssystem DSM-5 und in der ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation wird die Störung nach der DGZ als eigenständige Erkrankung zu den Zwangsstörungen und verwandten Störungen gezählt. Abzugrenzen ist sie von anderen psychischen Störungen wie Essstörungen. Mehr zu verwandten Erkrankungen lesen Sie im Ratgeber Zwangsstörung.

Mit Eitelkeit hat das nichts zu tun: Es handelt sich um eine ernsthafte psychische Erkrankung mit oft massivem Leidensdruck.

Wie äußert sich eine körperdysmorphe Störung?

Meist richtet sich der Blick auf bestimmte Körperstellen, am häufigsten im Gesicht: Nase, Haut, Ohren oder Zähne. Es können aber auch andere Regionen betroffen sein. Typisch sind nach der DGZ und der IKK classic wiederkehrende Verhaltensweisen:

  • Die Gedanken kreisen schon ab dem Aufstehen ständig um das Aussehen.
  • Kein Spiegel bleibt unbeachtet, oder Spiegel werden zwanghaft gemieden.
  • Häufiges Vergleichen mit dem Aussehen anderer.
  • Ständiges Nachfragen, ob man gut aussieht (Rückversicherung).
  • Das Haus wird nur nach bestimmten Ritualen verlassen, etwa mit Make-up, Mütze, Schal oder körperformender Kleidung, um Makel zu verbergen.
  • Der Drang, die Problemstellen ständig zu berühren, teils auch Hautmanipulation wie Skin Picking.
  • Rückzug, abgesagte Verabredungen, Vermeidung.

Rückversicherung und Kontrolle bringen meist nur kurz Erleichterung. Die DGZ zählt sie zu den Sicherheitsstrategien, die die Störung aufrechterhalten; deshalb setzt die Therapie gerade dort an.

Ist Unzufriedenheit mit dem Aussehen schon eine Störung?

Nein. Nicht jeder, der sich viel mit seinem Äußeren beschäftigt, hat eine körperdysmorphe Störung. „Selbst, wenn jemand drei Stunden täglich vor dem Spiegel steht, muss das noch nichts heißen“, sagt die Psychologin Anja Grocholewski in der IKK classic. Entscheidend seien die Gedanken in solchen Momenten: Scham und Ängste, die so stark werden können, dass sie depressive Episoden auslösen.

Häufig bleibt die Störung lange unerkannt. Sie ist wenig bekannt und wird nach der IKK classic selbst von Fachleuten mit einer Depression oder Angststörung verwechselt. Online-Selbsttests können Hinweise geben, ersetzen aber auf keinen Fall die Diagnose durch eine Expertin oder einen Experten.

Wer ist betroffen?

Die körperdysmorphe Störung ist nach der DGZ mit rund 2 % der Bevölkerung eine häufige psychische Erkrankung; die IKK classic nennt 2 bis 3 %, also häufiger als Magersucht. In Hautarzt- und Schönheitschirurgie-Praxen ist der Anteil deutlich höher. Sie beginnt häufig in der Pubertät mit 15 bis 16 Jahren, bei einem Teil schon mit 12 bis 13. Etwas mehr Frauen als Männer sind betroffen.

Männer sorgen sich nach der DGZ häufig um Genitalien, Statur und Haaransatz, Frauen deutlich häufiger um die Haut. Eine besondere Form bei Männern beschreibt Neurologen und Psychiater im Netz: die Muskeldysmorphie oder der „Adonis-Komplex“. Betroffene halten sich für zu schmächtig, obwohl sie meist schon trainiert sind, betreiben exzessiv Kraftsport, vernachlässigen Beruf und Privatleben und greifen teils zu Anabolika.

Was sind die Ursachen für Körperdysmorphie?

Eine einzelne Ursache gibt es nach der IKK classic nicht; psychische Störungen haben immer mehrere Ursachen. Oft beginnt die Störung in Lebensphasen, in denen sich das Aussehen verändert: in der Pubertät, aber auch in der Lebensmitte mit grauen Haaren, Haarausfall oder Falten.

Soziale Medien mit gefilterten, scheinbar makellosen Bildern können nach der IKK classic ein Faktor sein, vor allem bei Menschen, die ohnehin anfällig sind. „Die Sozialen Medien allein machen erst einmal nichts“, betont die Psychologin dort. Auch Neurologen und Psychiater im Netz nennt Schönheitsideale und Rollenerwartungen, dazu biologische, persönlichkeitsbedingte, soziale und familiäre Faktoren.

Welche Folgen kann die Störung haben?

Unbehandelt verläuft die körperdysmorphe Störung nach der DGZ tendenziell chronisch, mit geringen Raten spontaner Besserung. Die meisten Betroffenen haben zusätzliche psychische Erkrankungen, am häufigsten Depressionen, aber auch soziale Ängste, Zwangsstörungen, Essstörungen oder Suchterkrankungen. Solche Häufigkeiten beschreiben Gruppen, nicht den Einzelfall.

Viele suchen zuerst Hautärzte oder Schönheitschirurgen auf, weil sie das Problem im Äußeren sehen. Das Ergebnis sind nach der IKK classic häufig mehrere Schönheitsoperationen, die im Nachhinein nicht als Verbesserung empfunden werden und das Gefühl, entstellt zu sein, sogar verstärken. Die DGZ rät in den meisten Fällen von plastisch-chirurgischen Eingriffen und von Lifestyle-Medikamenten ab. Eine notwendige Behandlung einer echten Hauterkrankung ist damit nicht gemeint.

Wie wird die Diagnose gestellt?

Diagnostiziert werden sollte die Störung nach der DGZ im Rahmen einer psychologisch-psychiatrischen Untersuchung mit ausführlicher Anamnese, möglichst ergänzt durch spezielle Interviews und Fragebögen. Für das erste Gespräch kann eine kurze Vorbereitung helfen, ohne das eigene Aussehen zu bewerten oder Fotos mitzubringen:

  • Wie viel Zeit am Tag kreisen meine Gedanken um das Aussehen?
  • Was tue ich deswegen: Spiegel kontrollieren oder meiden, vergleichen, nachfragen, kaschieren?
  • Welche Aktivitäten, Treffen oder Orte vermeide ich?
  • Habe ich wegen meines Aussehens schon Hautärzte, Schönheitschirurgen oder andere Behandlungen aufgesucht, und wie ging es mir danach?
  • Wie ist meine Stimmung, gibt es Gedanken, nicht mehr leben zu wollen?

Ist Dysmorphophobie heilbar?

Die körperdysmorphe Störung ist nach der DGZ eine mitunter schwerwiegende, aber häufig gut behandelbare Erkrankung. Am besten belegt ist die kognitive Verhaltenstherapie. Typische Bausteine sind:

  • Erklärung der Störung und ein gemeinsames Modell
  • Veränderung ungünstiger Denkmuster
  • Wahrnehmungstraining, um den Fokus vom Makel zu lösen
  • Verhaltensexperimente und Exposition ohne Kontroll- und Sicherheitsrituale
  • Spiegelkonfrontation, um den ganzen Körper wertfrei zu betrachten
  • Förderung von Selbstmitgefühl

Zu den ersten Schritten gehört nach der DGZ der Abbau selbstschädigender Verhaltensweisen und, wenn nötig, Strategien im Umgang mit starkem Selbsthass und Suizidgedanken. Die Therapie kann ein langer Prozess sein, Motivation ist wichtig. Bei schweren Formen kann sie anfangs durch Medikamente unterstützt werden; die DGZ hält Antidepressiva aus der Gruppe der Serotonin-Wiederaufnahmehemmer für hilfreich, die ärztlich verordnet und begleitet werden. Langfristigen Erfolg verspricht nach der IKK classic vor allem die Verhaltenstherapie.

Für eine erste Einschätzung können Sie sich als Erwachsene oder Erwachsener in Bilbao an unsere Psychologie wenden; dort klären wir auch, ob eine spezialisierte Therapie anderswo sinnvoll ist (die Beratung findet auf Spanisch statt). In einer akuten Krise ist das nicht der richtige Weg: Dann brauchen Sie sofort ärztliche Hilfe.

Wo sich die Quellen unterscheiden

Häufigkeit: Die DGZ nennt etwa 2 % der Bevölkerung, die IKK classic 2 bis 3 %.

Rolle sozialer Medien: Die IKK classic sieht erste wissenschaftliche Hinweise auf einen Einfluss, betont aber, dass sie allein keine Störung auslösen. Neurologen und Psychiater im Netz nennt Medien als einen von vielen Einflüssen auf das Körperbild.

Medikamente: Die DGZ hält bestimmte Antidepressiva für hilfreich, weist aber auf wenige Studien hin. Die IKK classic sieht Medikamente nur zu Beginn schwerer Formen und den langfristigen Erfolg bei der Verhaltenstherapie.

Schwerpunkt: Neurologen und Psychiater im Netz behandelt vor allem die Muskeldysmorphie junger Männer im Zusammenhang mit Essstörungen, die DGZ und die IKK classic die körperdysmorphe Störung allgemein.

Zusammenfassung

  • Bei der Dysmorphophobie steht ein für andere kaum sichtbarer Makel im Zentrum des Lebens.
  • Typisch sind Spiegelkontrolle oder -vermeidung, Vergleiche, Rückversicherung, Kaschieren und Rückzug.
  • Etwa 2 bis 3 % der Menschen sind betroffen; oft beginnt es in der Pubertät.
  • Schönheitsoperationen helfen meist nicht und können das Leiden verstärken.
  • Die kognitive Verhaltenstherapie ist am besten belegt; die Störung ist häufig gut behandelbar.
  • Gedanken, nicht mehr leben zu wollen, brauchen sofort ärztliche Hilfe.

Häufige Fragen zur Dysmorphophobie

Diese Antworten sind allgemeine Informationen und ersetzen weder eine Untersuchung noch eine individuelle ärztliche Beratung.

Ist Dysmorphophobie heilbar?

Sie gilt als häufig gut behandelbar. Am besten belegt ist die kognitive Verhaltenstherapie; die Behandlung kann aber ein längerer Prozess sein. Unbehandelt verläuft die Störung eher chronisch.

Wie äußert sich eine körperdysmorphe Störung?

Durch ständige Gedanken an einen vermeintlichen Makel, häufiges Kontrollieren oder Meiden von Spiegeln, Vergleiche, Nachfragen nach Bestätigung, Kaschieren und sozialen Rückzug.

Was tun, wenn man sich selbst hässlich findet?

Gelegentliche Unzufriedenheit ist normal. Bestimmen die Gedanken an das Aussehen aber den Alltag oder führen zu Rückzug und starkem Leidensdruck, ist eine psychologische oder psychiatrische Abklärung sinnvoll.

Was sind die Ursachen für Körperdysmorphie?

Es gibt keine einzelne Ursache. Biologische, persönliche, soziale und familiäre Faktoren wirken zusammen; Phasen mit verändertem Aussehen und der Vergleich mit idealisierten Bildern können auslösend wirken.

Warum hilft Rückversicherung oft nur kurz?

Weil Nachfragen und Kontrollieren kurzfristig beruhigen, die Störung aber aufrechterhalten. In der Therapie lernt man, ohne diese Sicherheitsstrategien auszukommen.

Kann ein Online-Test diagnostizieren?

Nein. Ein Selbsttest kann Hinweise geben, ersetzt aber nicht die Diagnose durch eine Fachperson.

Quellen

  1. Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V. (DGZ): Körperdysmorphe Störung
  2. IKK classic: Körperdysmorphe Störung (KDS) – Symptome und Behandlung
  3. Neurologen und Psychiater im Netz: Immer mehr junge Männer haben ein gestörtes Körperbild

Dieser Ratgeber dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Diagnose und Behandlung hängen von Ihrer Untersuchung und Vorgeschichte ab. Im Notfall wählen Sie den Notruf 112.