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Dermatillomanie: wenn man die Haut nicht in Ruhe lassen kann

Jeder drückt mal an einem Pickel herum. Wird das Knibbeln, Kratzen und Quetschen aber zur Gewohnheit, die man nicht mehr stoppen kann, steckt oft eine Dermatillomanie dahinter, auch Skin-Picking-Störung genannt. Dieser Ratgeber erklärt nach der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen (DGZ) und der Barmer, was die Störung ausmacht, woher sie kommt, welche Folgen sie haben kann, wie die Abklärung abläuft und welche Behandlungen helfen.

Thema
Psychologie
Aktualisiert
Lesezeit
7 Minuten
Geprüft von
Dr. Itziar Gotxi Erezuma · Fachärztin für HNO · Ärztekammer Bizkaia Nr. 484809757

Was ist Dermatillomanie?

Der Begriff setzt sich nach der DGZ aus den griechischen Wörtern „derma“ (Haut), „tillein“ (zupfen, ziehen) und „mania“ (Besessenheit) zusammen. Andere Namen sind Skin-Picking-Störung und Exkoriationsstörung. Gemeint ist das wiederholte Kratzen, Zupfen oder Quetschen der Haut, das absichtlich oder automatisiert ablaufen kann und den Alltag erheblich beeinträchtigt.

Die Barmer beschreibt einen unwiderstehlichen Drang, die Haut immer wieder zu berühren, zu quetschen oder aufzukratzen. Betroffene sind sich ihres Verhaltens und der Folgen bewusst, können es aber nach der DGZ nicht unterbinden. In etwa 76 % der Fälle läuft es automatisiert ab, also fast unbemerkt.

Ist Skin Picking eine psychische Störung?

Ja. Skin Picking ist nach der Barmer nicht nur ein Hautproblem, sondern auch eine psychische Erkrankung. In der internationalen Klassifikation ICD-11 wird sie nach der DGZ als Skin-Picking-Störung in der Kategorie „Zwangsstörung oder verwandte Störung“ geführt. Die Barmer ergänzt, dass sie seit 2018 außerdem zu den körperbezogenen repetitiven Verhaltensstörungen gezählt wird.

Ist Dermatillomanie also eine Zwangsstörung? Sie ist eng verwandt und wird in derselben Gruppe eingeordnet. Mehr zu Zwangsstörungen allgemein lesen Sie im Ratgeber Zwangsstörung.

Nicht jedes Hautzupfen ist eine Störung: Fast jeder lässt mal einen Pickel nicht in Ruhe. Problematisch wird es nach der Barmer, wenn das Bearbeiten zur Gewohnheit oder zum Zwang wird, Wunden hinterlässt und man trotz Leidensdruck nicht aufhören kann.

Wer ist betroffen?

Die DGZ schätzt, dass etwa 1,9 bis 2,1 % der Bevölkerung betroffen sind; die Barmer nennt je nach Studie 1,4 bis 5,2 % im Lauf des Lebens, vor allem Frauen. Am häufigsten beginnt die Störung nach der DGZ in der späten Kindheit und frühen Jugend, im Durchschnitt mit 13,5 Jahren, auch weil dann Akne ein häufiger Auslöser ist. Sie kann aber in jedem Alter auftreten, nach der Barmer manchmal erst zwischen 30 und 45 Jahren.

Am häufigsten betroffen sind nach der DGZ Gesicht, Finger, Oberkörper, Arme und Beine. Weniger als 20 % der Betroffenen begeben sich in Behandlung, unter anderem, weil die Erkrankung stark schambehaftet und wenig bekannt ist.

Was sind die Ursachen für Dermatillomanie?

Eine einzelne Ursache gibt es nach der DGZ nicht. Es handelt sich um ein Zusammenspiel aus sensorischen, verhaltensbezogenen und psychologischen Faktoren:

  • Haut: trockene, juckende und gereizte Haut, Hautunreinheiten, Kopfhautjucken; oft beginnt es mit Akne.
  • Gewohnheit: Wird das Verhalten oft genug wiederholt, wird es zum fast automatischen Ritual.
  • Psyche: Stress, Anspannung, unangenehme Gefühle wie Angst und ein geringes Selbstwertgefühl, auch die eigene Haut nicht zu mögen.
  • Umgebung: etwa das genaue Betrachten der Gesichtshaut im Spiegel.

Viele Betroffene beschreiben nach der DGZ einen Teufelskreis: Kurzfristig lässt das Bearbeiten der Haut negative Gefühle verschwinden und entspannt. Langfristig verstärkt es aber den Drang, und der Kreis schließt sich. Die Barmer schildert, dass sich dabei seelische Spannung und innerer Druck abbauen, oft wie in Trance.

Häufig tritt die Dermatillomanie nach der DGZ zusammen mit anderen psychischen Erkrankungen auf, etwa Nägelkauen, Haareausreißen (Trichotillomanie), Depression oder Angststörungen. Das bedeutet aber nicht, dass eine dieser Erkrankungen die alleinige Ursache ist.

Welche Folgen kann Skin Picking haben?

Die körperlichen Folgen sind nach der DGZ unterschiedlich stark. Möglich sind:

  • kleine oder akute Wunden, aber auch chronische Verletzungen
  • starke Schmerzen
  • helle oder dunkle Verfärbungen der Haut
  • Krusten, juckende Knötchen und Narben (Barmer)
  • Entzündungen und Infektionen, im schlimmsten Fall eine Blutvergiftung

Seelisch belasten vor allem Scham und Selbstvorwürfe. Betroffene verbringen nach der DGZ viel Zeit damit, die Verletzungen zu verbergen, und meiden soziale Kontakte und Nähe. Die Barmer nennt auch berufliche Probleme. Schämen müssen Sie sich nicht: Es handelt sich um eine anerkannte Erkrankung, und Fachleute haben, wie die Barmer schreibt, „schon ganz andere Dinge gehört“.

Welcher Arzt hilft, und wie läuft die Abklärung?

Erste Anlaufstelle ist oft die Hautarztpraxis, weil die Hautveränderungen nach der Barmer meist der erste Grund für einen Arztbesuch sind. Dort wird untersucht, ob eine Hauterkrankung wie Akne oder Neurodermitis dahintersteckt; das ist wichtig, weil die Verletzungen nach der DGZ Hauterkrankungen ähneln können. Typisch für Skin Picking sind unregelmäßige Verletzungen an gut zugänglichen Stellen. Liegt eine Hautkrankheit zugrunde, hilft deren Behandlung, den Anlass fürs Knibbeln zu verringern.

Erfahrene Dermatologinnen und Dermatologen erkennen am Hautbild und mit gezielten Fragen, ob es sich um eine Dermatillomanie handeln könnte, und überweisen in der Regel an eine psychotherapeutische Praxis. Dort stehen nach der Barmer zunächst Fragen wie diese im Mittelpunkt:

  • Wie regelmäßig und wie lange finden die Hautmanipulationen statt?
  • Wie tief sind die Wunden, wie bleibend die Narben?
  • Wie stark sind die negativen Gefühle danach?
  • Welche Folgen hat es, etwa sozialer Rückzug oder Probleme im Beruf?

Danach geht es darum, welche Ursachen hinter den Episoden stehen könnten.

Was Sie vor dem ersten Termin klären können

Die Barmer rät, zunächst sich selbst gegenüber ehrlich zu sein und das Ausmaß konkret zu benennen; dann fällt die Schilderung beim Arzt leichter. Fotos oder eine eigene Diagnose brauchen Sie dafür nicht. Hilfreich ist es, drei Dinge getrennt zu notieren:

  • Die Haut: Gibt es Wunden, die sich entzündet haben, schlecht heilen oder schmerzen? Diese sollten zuerst ärztlich versorgt werden.
  • Die Situationen: Wann und wo passiert es am häufigsten, etwa vor dem Spiegel, nach der Arbeit, abends im Bad, bei Stress oder Langeweile? Merke ich es vorher oder erst danach?
  • Die Folgen: Wie viel Zeit kostet es, was verberge oder vermeide ich, wie geht es mir danach?

Was kann man gegen Dermatillomanie tun?

Am besten erforscht und am erfolgreichsten ist nach der DGZ die Reaktionsumkehr, auch Habit-Reversal-Training (HRT) genannt. Dabei wird zunächst das Bewusstsein für die eigenen Verhaltensmuster gestärkt. Dann übt man eine konkurrierende Bewegung ein, etwa eine Faust zu ballen, und wendet sie in alltäglichen Situationen an. Die Barmer beschreibt die kognitive Verhaltenstherapie mit Selbstbeobachtung und Habit-Reversal-Training als zentral; Betroffene lernen außerdem, Gefühle anders zu regulieren und Selbstakzeptanz zu stärken. Das Knibbeln kann so deutlich zurückgehen, der Drang sogar ganz verschwinden.

Entspannungsverfahren wie Autogenes Training oder Progressive Muskelentspannung sind nach der Barmer eine wirksame Ergänzung. Antidepressiva aus der Gruppe der Serotonin-Wiederaufnahmehemmer werden nach der Barmer selten verschrieben; sie haben bisher keinen Vorteil gegenüber Placebo gezeigt. Medikamente sollten nicht auf eigene Faust eingenommen werden.

Für den Alltag nennt die Barmer einfache Strategien: Episoden notieren und auslösende Situationen meiden, die Hände beschäftigen, etwa mit einem Ball oder Zappelspielzeug, die Finger mit Handschuhen, Fingerlingen, Pflastern oder langer Kleidung „blockieren“ und sich mit anderen Betroffenen in einer Selbsthilfegruppe austauschen.

Möchten Sie als Erwachsene oder Erwachsener in Bilbao einschätzen lassen, welche Unterstützung für Sie passt, können Sie sich an unsere Psychologie wenden (die Beratung findet auf Spanisch statt).

Wo sich die Quellen unterscheiden

Häufigkeit: Die DGZ schätzt 1,9 bis 2,1 % der Bevölkerung, die Barmer nennt 1,4 bis 5,2 % im Lauf des Lebens. Die Spannbreite hängt von den jeweiligen Studien ab.

Beginn: Die DGZ betont den Beginn in später Kindheit und früher Jugend, die Barmer ergänzt einen späteren Beginn zwischen 30 und 45 Jahren.

Einordnung: Die Barmer schreibt, Skin Picking werde seit 2013 als Zwangsstörung bezeichnet. Die DGZ ordnet es nach der ICD-11 genauer in die Gruppe „Zwangsstörung oder verwandte Störung“ ein.

Schwerpunkt: Die DGZ beschreibt das Habit-Reversal-Training sehr detailliert, die Barmer legt mehr Gewicht auf den Weg über die Hautarztpraxis und auf Alltagstipps.

Zusammenfassung

  • Dermatillomanie ist das wiederholte, oft automatische Kratzen, Zupfen oder Quetschen der Haut, das man nicht stoppen kann.
  • Sie zählt in der ICD-11 zu den Zwangsstörungen und verwandten Störungen.
  • Ursachen sind ein Zusammenspiel aus Haut, Gewohnheit und Psyche; kurzfristige Entlastung hält den Teufelskreis aufrecht.
  • Folgen reichen von Wunden und Narben bis zu Infektionen, dazu Scham und Rückzug.
  • Die Abklärung beginnt oft in der Hautarztpraxis und führt zur Psychotherapie.
  • Am besten erforscht ist das Habit-Reversal-Training; entzündete Wunden gehören sofort ärztlich versorgt.

Häufige Fragen zur Dermatillomanie

Diese Antworten sind allgemeine Informationen und ersetzen weder eine Untersuchung noch eine individuelle ärztliche Beratung.

Ist Skin Picking eine psychische Störung?

Ja. Neben den Hautfolgen ist Skin Picking eine psychische Erkrankung. In der ICD-11 wird sie als Skin-Picking-Störung in der Gruppe der Zwangsstörungen und verwandten Störungen geführt.

Was kann man gegen Dermatillomanie tun?

Am besten erforscht ist das Habit-Reversal-Training im Rahmen einer Verhaltenstherapie. Ergänzend helfen Entspannungsverfahren, Selbstbeobachtung, beschäftigte Hände, Handschuhe oder Pflaster und der Austausch in Selbsthilfegruppen.

Ist Dermatillomanie eine Zwangsstörung?

Sie ist eng verwandt: Die ICD-11 ordnet sie in die Gruppe „Zwangsstörung oder verwandte Störung“ ein, zudem gehört sie zu den körperbezogenen repetitiven Verhaltensstörungen.

Was sind die Ursachen für Dermatillomanie?

Es gibt keine einzelne Ursache. Gereizte oder unreine Haut, eine verfestigte Gewohnheit, Stress, unangenehme Gefühle und ein geringes Selbstwertgefühl wirken zusammen.

Was bedeutet Habit-Reversal?

Beim Habit-Reversal-Training lernt man zuerst, die eigenen Muster zu bemerken, und übt dann eine Gegenbewegung ein, etwa eine Faust zu ballen, die man statt des Knibbelns ausführt.

Wann braucht eine Wunde ärztliche Hilfe?

Wenn sie sich zunehmend rötet, heiß oder eitrig wird, nicht heilt oder Fieber hinzukommt. Entzündete Wunden können im schlimmsten Fall zu einer Blutvergiftung führen.

Quellen

  1. Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V. (DGZ): Dermatillomanie
  2. Barmer: Skin Picking – Ursachen, Symptome, Behandlung

Dieser Ratgeber dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Diagnose und Behandlung hängen von Ihrer Untersuchung und Vorgeschichte ab. Im Notfall wählen Sie den Notruf 112.