Was ist eine schizoide Persönlichkeitsstörung?
Jeder Mensch hat persönliche Eigenschaften, die stark verwurzelt sind: wie man denkt, fühlt und sich verhält. Bei einer Persönlichkeitsstörung weichen diese Muster nach gesund.bund.de deutlich von denen der meisten Menschen ab. Das kann sehr belastend sein und zu Schwierigkeiten im Alltag, im Beruf oder in sozialen Beziehungen führen.
Bei der schizoiden Form steht das geringe Interesse an engen Freundschaften oder Partnerschaften im Vordergrund. Im ICD-10, der Klassifikation, nach der in Deutschland Diagnosen verschlüsselt werden, trägt sie den Code F60.1. Die Persönlichkeitsstörungen werden dort in drei Hauptgruppen unterteilt; die schizoide gehört zusammen mit der paranoiden zur Gruppe A, die unter den Stichworten „sonderbar, exzentrisch“ zusammengefasst wird.
Nach „Neurologen und Psychiater im Netz“ ist sie selten: Sie tritt bei etwa 1 % der Allgemeinbevölkerung auf.
Typische Merkmale und schizoide Züge
Die Quellen beschreiben vor allem diese Merkmale:
- wenig Interesse an sozialen Kontakten, viel Zeit allein und wenige Kontakte zu anderen Menschen,
- ein Leben eher in der eigenen Gedankenwelt,
- zurückhaltender Gefühlsausdruck; Betroffene wirken auf andere distanziert, gleichgültig oder desinteressiert,
- kaum Reaktion auf Lob oder Kritik,
- möglicherweise ein eingeschränktes Gespür für soziale Regeln und Erwartungen.
Typisch ist, dass Betroffene unter ihrer Kontaktarmut meist nicht leiden. Auf Umgebungsreize reagieren sie wenig emotional. Ein einzelnes dieser Merkmale macht noch keine Störung: Die Persönlichkeit umfasst einen großen Normalbereich, und Persönlichkeitszüge unterscheiden Menschen voneinander.
Introversion, Autismus und Schizophrenie: wo die Grenzen liegen
Wer gern allein ist, ist deshalb nicht krank. Von einer Persönlichkeitsstörung spricht man nach „Neurologen und Psychiater im Netz“ erst, wenn problematische Persönlichkeitszüge unflexibel und starr sind, stabil und lange bestehen, sich bis ins Jugend- oder frühe Erwachsenenalter zurückverfolgen lassen und die Lebensqualität beeinträchtigen, zu Leid oder zu häufigen Konflikten führen.
Die Abgrenzung gegenüber Autismus-Spektrum-Störungen ist nach derselben Quelle oft schwierig. Auch mit Schizophrenie ist die schizoide Persönlichkeitsstörung trotz des ähnlichen Namens nicht gleichzusetzen: Eine Persönlichkeitsstörung ist keine Folge einer anderen psychischen Störung, und psychotische Störungen werden als eigene Erkrankungen genannt, die zusätzlich auftreten können. Diese Unterscheidung gehört in eine fachliche Untersuchung und lässt sich nicht aus einer Beschreibung im Internet ableiten.
Ursachen: wie sich Persönlichkeit entwickelt
Spezifische Auslöser nur für die schizoide Form nennen die hier genutzten Quellen nicht. Sie beschreiben, wie Persönlichkeitsstörungen allgemein entstehen. Das grundlegende Temperament, etwa ob jemand eher extrovertiert oder introvertiert ist, wird vor allem durch die Gene bestimmt und ist schon ab dem Kleinkindalter relativ stabil.
Die weiteren Facetten der Persönlichkeit bilden sich bis ins junge Erwachsenenalter aus und hängen von Erfahrungen, Ereignissen und der Bewältigung von Lebensaufgaben ab. Geborgenheit und Fürsorge wirken schützend. Trennungs- und Verlusterlebnisse, Vernachlässigung, Gewalt oder Misshandlungen können die Persönlichkeitsentwicklung dagegen belasten. Eine Persönlichkeitsstörung entsteht unabhängig von Substanzen, anderen psychischen Störungen oder Erkrankungen wie einer Kopfverletzung.
Liebe, Partnerschaft und Beruf
Zur Belastung wird die Störung für Betroffene nach „Neurologen und Psychiater im Netz“ oft erst, wenn die Beziehung zu einem Partner unter der Distanziertheit und der geringen Emotionalität leidet. Bei schwerer Ausprägung besteht häufig kein Wunsch nach einer partnerschaftlichen Beziehung.
Auch der Beruf kann Anlass sein, sich mit dem eigenen Verhalten zu beschäftigen, etwa wenn Teamarbeit verlangt wird. Wichtig für Angehörige: Die Zurückhaltung ist kein Zeichen mangelnder Wertschätzung, sondern Teil eines lange bestehenden Musters. Etiketten wie „schizoid“ für Partner, Kolleginnen oder Familienmitglieder ersetzen keine Diagnose und helfen im Umgang selten weiter.
Wie wird die Diagnose gestellt?
Persönlichkeitsstörungen lassen sich heute gut und verlässlich feststellen. Dafür braucht die Psychiaterin, der Psychiater oder die Psychotherapeutin möglichst umfassende Informationen über die aktuelle Situation und die Lebensgeschichte, beginnend in der Kindheit. Strukturierte und standardisierte Interviews, Fragebögen und Checklisten helfen bei einer ersten Einschätzung. Dabei wird der Subtyp möglichst genau eingegrenzt, ohne parallel vorliegende Persönlichkeitsstörungen zu übersehen.
Weil sich die Persönlichkeit bis ins junge Erwachsenenalter entwickelt, ist eine solche Diagnose vor dem 14. Lebensjahr nach derselben Quelle nicht sinnvoll. Ein Online-Test kann diese Untersuchung nicht ersetzen. Steht ein ICD-Code auf einem Befund, achten Sie nach gesund.bund.de auf Zusatzkennzeichen wie G (gesichert) oder V (Verdacht).
Wie Psychotherapie unterstützen kann
Für die Behandlung von Persönlichkeitsstörungen sind psychotherapeutische Verfahren von größter Bedeutung. Bei der schizoiden Form kann eine Psychotherapie nach „Neurologen und Psychiater im Netz“ nur erfolgreich sein, wenn es gelingt, ein gutes Verhältnis zur Therapeutin oder zum Therapeuten aufzubauen. Da Betroffene nur schwer Vertrauen fassen, ist dieser Beziehungsaufbau entscheidend und dauert meist lange.
Ziel ist, Gefühlsvorgänge zu aktivieren und den Kontakt zu Mitmenschen zu intensivieren oder überhaupt erst zu ermöglichen. Eine Einzeltherapie ist hier einer Gruppentherapie vorzuziehen, weil die stabile Beziehung zur behandelnden Person erfolgversprechender ist. Liegen zusätzlich Depressionen oder Angsterkrankungen vor, werden diese ebenfalls behandelt, je nach Art psychotherapeutisch oder auch mit Medikamenten. Mehr über depressive Beschwerden lesen Sie im Ratgeber Depression: Symptome.
Vorlage: eine erste Anfrage ohne Selbstdiagnose
Viele zögern, Hilfe zu suchen, weil sie nicht wissen, wie sie ihr Anliegen beschreiben sollen. Sie müssen sich dafür keine Diagnose geben. Es genügt, Schwierigkeiten und Ziele zu nennen, zum Beispiel so:
„Guten Tag, ich möchte einen Termin für ein Erstgespräch vereinbaren. Mir fällt es seit vielen Jahren schwer, Nähe zu anderen Menschen zuzulassen, und das führt inzwischen zu Problemen in meiner Partnerschaft und bei der Arbeit. Ich möchte verstehen, was dahintersteckt, und herausfinden, ob eine Behandlung für mich sinnvoll ist.“
Für das Gespräch können Sie sich diese Fragen notieren:
- Wie läuft die Untersuchung ab, und werden Fragebögen oder Interviews eingesetzt?
- Wer sollte zusätzlich befragt werden, und was passiert mit den Angaben?
- Welche Ziele könnte eine Therapie in meiner Situation haben?
- Ist Einzeltherapie möglich, und wie lange dauert eine Behandlung ungefähr?
Wo die Quellen unterschiedlich gewichten
gesund.bund.de betont allgemein, dass eine Persönlichkeitsstörung sehr belastend sein und zu Schwierigkeiten im Alltag führen kann. „Neurologen und Psychiater im Netz“ hebt für die schizoide Form dagegen hervor, dass Betroffene unter ihrer Kontaktarmut meist nicht leiden und sich selbst oft nicht als behandlungsbedürftig empfinden. Beides schließt sich nicht aus: Das Leid entsteht häufig erst über Folgen in Partnerschaft und Beruf oder über zusätzliche Erkrankungen.
Auch beim Weg in die Therapie setzen die Seiten desselben Portals unterschiedliche Akzente. Die Beschreibung der Krankheitsbilder sagt, dass Betroffene eher bei leichter Ausprägung eine Therapie machen, die Therapieseite nennt Teamarbeit, Depressionen, Ängste oder psychotische Störungen als Anlässe. Zur Prognose ist das Portal vorsichtig optimistisch: Persönlichkeitsstörungen seien keine „unheilbaren“ Erkrankungen, ließen sich aber nicht kurzfristig verändern.
Schizoide Persönlichkeitsstörung im Überblick
- Kennzeichen sind wenig Interesse an engen Beziehungen, Rückzug und zurückhaltender Gefühlsausdruck.
- Die Störung ist selten; Introversion allein ist keine Diagnose.
- Die Abgrenzung zu Autismus-Spektrum-Störungen ist oft schwierig und gehört in fachliche Hände.
- Die Diagnose stützt sich auf Lebensgeschichte, Interviews und Fragebögen, nicht auf Online-Tests.
- Psychotherapie braucht vor allem eine stabile, vertrauensvolle Beziehung; Einzeltherapie wird bevorzugt.
- Für den ersten Kontakt reicht es, Schwierigkeiten und Ziele zu beschreiben.
Häufige Fragen zur schizoiden Persönlichkeitsstörung
Diese Antworten sind allgemeine Informationen und ersetzen weder eine Untersuchung noch eine individuelle ärztliche Beratung.
Wie verhält sich ein schizoider Mensch?
Menschen mit dieser Störung verbringen meist viel Zeit allein, haben wenige Kontakte, zeigen Gefühle nur zurückhaltend und reagieren auf Lob oder Kritik unter Umständen kaum. Auf andere wirken sie oft distanziert. Unter dem Mangel an Kontakten leiden sie meist selbst nicht.
Was sind schizoide Züge?
Gemeint sind einzelne Eigenschaften wie Zurückgezogenheit oder zurückhaltender Gefühlsausdruck. Von einer Persönlichkeitsstörung spricht man erst, wenn solche Muster starr, lang anhaltend und seit der Jugend oder dem frühen Erwachsenenalter vorhanden sind und zu Leid oder Konflikten führen.
Was ist der Unterschied zwischen Schizophrenie und schizoid?
Trotz des ähnlichen Namens handelt es sich um unterschiedliche Diagnosen. Die schizoide Persönlichkeitsstörung ist ein lange bestehendes Persönlichkeitsmuster; psychotische Störungen werden als eigene Erkrankungen genannt, die zusätzlich auftreten können. Die Unterscheidung trifft eine Fachperson.
Was sind die Auslöser für eine schizoide Persönlichkeitsstörung?
Spezifische Auslöser nennen die genutzten Quellen nicht. Allgemein entstehen Persönlichkeitsstörungen aus einem Zusammenspiel von angeborenem Temperament und Erfahrungen in Kindheit und Jugend; Belastungen wie Vernachlässigung, Gewalt oder Verluste können die Entwicklung beeinträchtigen.
Wann ist professionelle Hilfe sinnvoll?
Wenn der Rückzug zu Problemen in Partnerschaft oder Beruf führt, wenn Sie oder Ihr Umfeld darunter leiden oder wenn Niedergeschlagenheit, Ängste oder andere psychische Beschwerden hinzukommen. In einer akuten Krise sollten Sie sofort Hilfe holen.
Wie kann Psychotherapie unterstützen?
Sie kann helfen, Gefühle stärker wahrzunehmen und Kontakte zu anderen zu ermöglichen oder zu intensivieren. Entscheidend ist eine vertrauensvolle Beziehung zur Therapeutin oder zum Therapeuten, deren Aufbau meist Zeit braucht. Einzeltherapie gilt hier als erfolgversprechender als Gruppentherapie.
Quellen
- gesund.bund.de (Bundesministerium für Gesundheit) · ICD-10-Code F60.1: Schizoide Persönlichkeitsstörung
- Neurologen und Psychiater im Netz (DGPPN) · Persönlichkeitsstörungen: Therapie
- Neurologen und Psychiater im Netz (DGPPN) · Persönlichkeitsstörungen: Krankheitsbilder
- Neurologen und Psychiater im Netz (DGPPN) · Persönlichkeitsstörungen
- Neurologen und Psychiater im Netz (DGPPN) · Persönlichkeitsstörungen: Ursachen und Entstehung
- Neurologen und Psychiater im Netz (DGPPN) · Persönlichkeitsstörungen: Diagnostik
- Neurologen und Psychiater im Netz (DGPPN) · Persönlichkeitsstörungen: Verlauf und Prognose
Dieser Ratgeber dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Diagnose und Behandlung hängen von Ihrer Untersuchung und Vorgeschichte ab. Im Notfall wählen Sie den Notruf 112.
