Was ist eine antisoziale Persönlichkeitsstörung?
Jeder Mensch hat tief verwurzelte Eigenschaften: Muster, wie man denkt, fühlt und sich verhält. Bei einer Persönlichkeitsstörung weichen diese Muster deutlich von denen der meisten Menschen ab. Das kann belastend sein und zu Schwierigkeiten im Alltag, im Beruf und in Beziehungen führen.
Bei der antisozialen Persönlichkeitsstörung, im ICD-10 als dissoziale Persönlichkeitsstörung bezeichnet (F60.2), nimmt man nach gesund.bund.de typischerweise wenig Rücksicht auf soziale Regeln. Es kann schwerfallen, sich in andere einzufühlen. Man handelt mitunter spontan, ohne die möglichen Folgen für sich oder andere ausreichend zu bedenken, übernimmt ungern Verantwortung für das eigene Verhalten und reagiert unter Umständen schnell gereizt oder wütend.
Ist „antisozial“ dasselbe wie zurückgezogen oder ungesellig? Nein. Im Alltag wird das Wort manchmal so verwendet. Im medizinischen Sinn geht es nicht um Rückzug, sondern um ein anhaltendes Muster, bei dem soziale Regeln und die Rechte anderer wenig beachtet werden.
Wie äußert sich eine antisoziale Persönlichkeitsstörung?
Die DGPPN beschreibt in einer Mitteilung aus dem Jahr 2012 unter anderem folgende Merkmale:
- regelmäßige starke Aggressionsausbrüche
- Gleichgültigkeit gegenüber den Gefühlen anderer Menschen
- unvorhersehbare, launische Stimmung und Streitsucht
- Schwierigkeiten, impulsives und aggressives Verhalten zu kontrollieren
- Missachtung der Rechte anderer, bis hin zu körperlichem Schaden
- wenig Reue gegenüber Menschen, denen Leid zugefügt wurde
Betroffene kommen deshalb häufig mit dem Gesetz in Konflikt, wobei ihnen die Folgen oft gleichgültig sind oder sie ihr Handeln rational zu begründen versuchen. Soziale Probleme, die aus dem Verhalten entstehen, sehen viele Betroffene als wenig störend oder als unveränderlichen Teil ihrer Persönlichkeit an.
Diese Beschreibungen zeigen typische Muster. Sie bedeuten nicht, dass jede Person mit dieser Diagnose alle Merkmale zeigt oder gewalttätig ist.
Wie erkennt man eine dissoziale Persönlichkeitsstörung?
Ob eine Persönlichkeitsstörung vorliegt, beurteilen Fachleute in Psychiatrie oder Psychotherapie. Gemeint sind tief verwurzelte Muster im Denken, Fühlen und Verhalten, nicht ein einzelnes Ereignis.
Erste Hinweise können sich nach der DGPPN bereits im Kindes- und Jugendalter zeigen, zum Beispiel Quälen von Tieren, Feuerlegen, Vandalismus, häufiges Schulschwänzen oder Weglaufen von zu Hause. Solche Verhaltensweisen bei Kindern und Jugendlichen sind ein Anlass, fachliche Hilfe zu suchen; sie sind aber keine Diagnose einer Persönlichkeitsstörung.
gesund.bund.de betont ausdrücklich, dass die Informationen nicht der Selbstdiagnose dienen. Das gilt genauso für die Beurteilung anderer Menschen, etwa eines Partners, Kollegen oder Familienmitglieds. Online-Tests oder Checklisten ersetzen keine fachliche Untersuchung.
Ist jede Straftat ein Hinweis auf die Störung?
Nein. Menschen mit einer dissozialen Persönlichkeitsstörung geraten zwar häufig mit dem Gesetz in Konflikt. Umgekehrt lässt sich aus einer Straftat oder aus einzelnen rücksichtslosen Handlungen aber nicht auf eine Persönlichkeitsstörung schließen. Eine Diagnose beruht auf einem tiefgreifenden, anhaltenden Muster, das von Fachleuten beurteilt wird.
Auch Begriffe wie „Psychopath“ oder „Soziopath“ werden im Alltag oft gleichbedeutend verwendet. Die hier genutzten Quellen sprechen von der dissozialen Persönlichkeitsstörung (ICD-10: F60.2); die anderen Begriffe werden uneinheitlich gebraucht. Für eine sachliche Einordnung ist es besser, Verhaltensweisen zu beschreiben, statt Etiketten zu verwenden.
Über eine weitere Persönlichkeitsstörung informiert unser Ratgeber Borderline.
Was sind die Auslöser einer antisozialen Persönlichkeitsstörung?
Die Mitteilung der DGPPN nennt mehrere Faktoren, die diskutiert werden:
- Beeinträchtigungen in Gehirnregionen, in denen etwa Furchtreaktionen erlernt werden und die an der Entwicklung von moralischen Werten und Mitgefühl beteiligt sind
- genetische Anlagen, die das Risiko für antisoziales Verhalten erhöhen
- belastende Erfahrungen in der Kindheit, etwa Vernachlässigung, Misshandlung, harte Strafen und zu wenig liebevolle Zuwendung
Nach Einschätzung des zitierten Experten wirkt sich eine erbliche Veranlagung offenbar vor allem dann aus, wenn es in der Kindheit traumatische Erlebnisse gegeben hat. Das ist eine Erklärung für häufige Zusammenhänge, keine Regel für jeden Einzelfall: Nicht jeder Mensch mit schwierigen Kindheitserfahrungen entwickelt eine solche Störung, und nicht jede Person mit der Störung hat Traumata erlebt.
Wie häufig ist die Störung?
Nach Schätzungen, die die DGPPN 2012 nannte, zeigen etwa 3 Prozent der Männer deutliche Anzeichen einer dissozialen Persönlichkeitsstörung; Frauen sind mit rund 1 Prozent seltener betroffen.
Solche Zahlen beruhen auf Schätzungen und unterscheiden sich je nach Untersuchung und Bevölkerungsgruppe. Sie sagen nichts darüber aus, wie sich ein einzelner Mensch entwickelt.
Was kann eine Psychotherapie leisten?
Weil Betroffene die Probleme oft nicht bei sich sehen, ist die Motivation für eine Behandlung häufig gering, und die Therapie gilt als schwierig. Nach der DGPPN ist es besonders wichtig, dass die betroffene Person eine Behandlung aktiv anstrebt und ein vertrauensvolles Verhältnis zur Therapeutin oder zum Therapeuten entsteht.
Eine Psychotherapie bietet die Möglichkeit:
- einen angemessenen Umgang mit Ärger, Wut, Misserfolg und Kritik zu lernen
- das gewaltfreie Lösen von Konflikten zu trainieren
- Situationen zu erkennen, die aggressives und impulsives Verhalten auslösen
- in Rollenspielen konkrete Konflikte durchzuspielen und Lösungswege zu erarbeiten
Begleitend können zeitlich begrenzt Medikamente eingesetzt werden; darüber entscheidet eine Ärztin oder ein Arzt im Einzelfall. Ziel ist nicht, die Persönlichkeit grundsätzlich zu verändern, sondern an extremen Denk- und Verhaltensweisen zu arbeiten, die der Umgebung und der betroffenen Person selbst schaden. In unserer Praxis in Bilbao bietet die Psychologie Erwachsenen, die von sich aus an Wut, Impulsivität oder Konflikten arbeiten möchten, ein Erstgespräch zur Einschätzung an (die Beratung findet auf Spanisch statt).
Hilfe suchen, ohne jemanden zu diagnostizieren
Wer mit einem Menschen zusammenlebt oder arbeitet, dessen Verhalten verletzt oder bedroht, braucht keine Diagnose, um Unterstützung zu bekommen. Hilfreich ist, konkret zu beschreiben, was passiert, statt eine Bezeichnung zu vergeben:
- Was ist geschehen? Konkrete Situationen mit Datum, etwa Drohungen, Beleidigungen, Sachbeschädigung oder körperliche Gewalt.
- Welche Folgen hat es? Für Ihre Sicherheit, Ihre Gesundheit, Ihre Arbeit oder Kinder im Haushalt.
- Wie oft und seit wann? Einmalig oder wiederkehrend, zunehmend oder gleichbleibend.
- Was brauchen Sie? Schutz, Beratung, eine Trennung der Wohnsituation oder Unterstützung für sich selbst.
Ihre Sicherheit hat Vorrang: Bei akuter Gefahr wählen Sie den Notruf 112. Versuchen Sie nicht, das Verhalten eines anderen Menschen mit eigenen „Techniken“ zu steuern. Wer selbst merkt, dass Wut und Impulsivität immer wieder Schaden anrichten, kann sich an eine ärztliche oder psychotherapeutische Praxis wenden; der erste Schritt ist oft ein offenes Gespräch.
Wo sich die Quellen unterscheiden
Ton und Darstellung: gesund.bund.de beschreibt die Störung zurückhaltend mit Formulierungen wie „kann schwerfallen“ und „unter Umständen“. Die DGPPN-Mitteilung von 2012 ist deutlich drastischer, spricht von Gefühlskälte und davon, dass Reue und Mitgefühl Betroffenen fremd seien. Solche zugespitzten Aussagen beschreiben ausgeprägte Fälle und gelten nicht automatisch für jeden Menschen mit dieser Diagnose.
Ursachen: gesund.bund.de nennt keine Ursachen. Die DGPPN-Mitteilung verbindet Gehirnveränderungen, Gene und Kindheitserfahrungen. Sie stammt von 2012; neuere Erkenntnisse sind darin nicht berücksichtigt.
Behandlung: gesund.bund.de äußert sich nicht zur Behandlung. Die DGPPN beschreibt Psychotherapie als möglich, aber schwierig, und betont die Motivation der betroffenen Person. Weder eine Erfolgsgarantie noch die Annahme, dass Behandlung grundsätzlich nichts bringt, lassen sich daraus ableiten.
Zusammenfassung
- Die antisoziale oder dissoziale Persönlichkeitsstörung ist ein anhaltendes Muster, bei dem soziale Regeln und die Rechte anderer wenig beachtet werden.
- Typisch sind wenig Einfühlungsvermögen, Impulsivität, rasche Wut und Schwierigkeiten, Verantwortung zu übernehmen.
- Diskutiert werden Einflüsse aus Gehirnentwicklung, Genen und Kindheitserfahrungen; keiner davon ist allein entscheidend.
- Die Diagnose stellen Fachleute; Checklisten und Online-Tests ersetzen sie nicht, auch nicht bei anderen Menschen.
- Psychotherapie kann helfen, mit Wut, Kritik und Konflikten anders umzugehen, wenn die betroffene Person es selbst will.
- Wer bedroht wird, braucht keine Diagnose, um Schutz zu suchen; bei Gefahr gilt der Notruf 112.
Häufige Fragen zur antisozialen Persönlichkeitsstörung
Diese Antworten sind allgemeine Informationen und ersetzen weder eine Untersuchung noch eine individuelle ärztliche Beratung.
Wie äußert sich eine antisoziale Persönlichkeitsstörung?
Typisch sind wenig Rücksicht auf soziale Regeln, Schwierigkeiten, sich in andere einzufühlen, impulsives Handeln ohne Blick auf die Folgen, rasche Gereiztheit und Wut sowie Mühe, Verantwortung für das eigene Verhalten zu übernehmen. Wie stark die Merkmale ausgeprägt sind, ist sehr unterschiedlich.
Wie erkennt man eine dissoziale Persönlichkeitsstörung?
Nur durch eine fachliche Untersuchung in Psychiatrie oder Psychotherapie. Entscheidend sind tief verwurzelte Muster im Denken, Fühlen und Verhalten, nicht ein einzelnes Verhalten. Die verfügbaren Informationen dienen ausdrücklich nicht der Selbstdiagnose.
Was sind die Auslöser einer antisozialen Persönlichkeitsstörung?
Diskutiert werden Beeinträchtigungen bestimmter Gehirnregionen, genetische Anlagen und belastende Kindheitserfahrungen wie Vernachlässigung oder Misshandlung. Wahrscheinlich wirken mehrere Faktoren zusammen; eine einzelne Ursache gibt es nicht.
Ist jede Straftat ein Beweis für die Störung?
Nein. Menschen mit dieser Störung geraten zwar häufiger mit dem Gesetz in Konflikt, doch aus einer Straftat allein lässt sich keine Persönlichkeitsstörung ableiten. Die Diagnose beruht auf einem tiefgreifenden, dauerhaften Muster.
Sind Psychopathie und Soziopathie dieselbe Diagnose?
Diese Begriffe werden im Alltag oft gleichbedeutend benutzt, aber uneinheitlich. Die Diagnose lautet im ICD-10 dissoziale Persönlichkeitsstörung (F60.2). Für eine sachliche Einordnung ist es besser, konkrete Verhaltensweisen zu beschreiben.
Wie kann man Hilfe suchen, ohne jemanden selbst zu diagnostizieren?
Beschreiben Sie konkret, was passiert ist, wie oft und mit welchen Folgen, und sagen Sie, was Sie brauchen. Schutz und Beratung hängen nicht von einer Diagnose der anderen Person ab. Bei akuter Gefahr wählen Sie den Notruf 112.
Quellen
- gesund.bund.de (Bundesministerium für Gesundheit) · ICD-10-Code F60.2: Dissoziale Persönlichkeitsstörung
- Neurologen und Psychiater im Netz (DGPPN) · Übersteigerte Aggressionen und abgestumpfte Gefühle können auf Persönlichkeitsstörung hinweisen (2012)
Dieser Ratgeber dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Diagnose und Behandlung hängen von Ihrer Untersuchung und Vorgeschichte ab. Im Notfall wählen Sie den Notruf 112.
