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Dependente Persönlichkeitsstörung: Merkmale und Hilfe

Ohne den Rat anderer kaum eine Entscheidung treffen, große Angst vor dem Alleinsein, eigene Wünsche immer hintanstellen: So kann sich eine dependente Persönlichkeitsstörung äußern. Dieser Ratgeber erklärt nach Informationen von gesund.bund.de (Bundesministerium für Gesundheit) und des Fachportals therapie.de, was diese Störung ausmacht, wie sie sich von einem anhänglichen Wesen unterscheidet, welche Ursachen diskutiert werden und wie Psychotherapie helfen kann, mehr Selbstständigkeit zu gewinnen.

Thema
Psychologie
Aktualisiert
Lesezeit
8 Minuten
Geprüft von
Dr. Itziar Gotxi Erezuma · Fachärztin für HNO · Ärztekammer Bizkaia Nr. 484809757

Was ist eine dependente Persönlichkeitsstörung?

Jeder Mensch hat persönliche Eigenschaften, die tief verwurzelt sind: wie man denkt, fühlt und sich verhält. Bei einer Persönlichkeitsstörung weichen diese Muster deutlich von denen der meisten Menschen ab. Das kann sehr belastend sein und zu Schwierigkeiten im Alltag, im Beruf und in Beziehungen führen.

Bei der dependenten Persönlichkeitsstörung, auch abhängige oder asthenische Persönlichkeitsstörung genannt (ICD-10-Code F60.7), steht ein starkes Bedürfnis nach Unterstützung und Sicherheit im Mittelpunkt. Wer es hat, kann leicht von anderen Menschen abhängig werden. Es fällt schwer, Entscheidungen allein zu treffen, Verantwortung zu übernehmen, eigene Wünsche zu äußern oder anderen zu widersprechen. Ist eine nahe Person nicht erreichbar, stellt sich schnell Unsicherheit ein, und in Beziehungen ist die Angst groß, verlassen zu werden.

Nach therapie.de sind etwa ein bis zwei Prozent der Bevölkerung betroffen, Männer etwa genauso häufig wie Frauen.

Wie äußert sich eine dependente Persönlichkeitsstörung?

Das Fachportal therapie.de beschreibt Merkmale, die nach dem Diagnosesystem DSM zu dieser Störung gehören, darunter:

  • Schwierigkeiten, alltägliche Entscheidungen ohne ausgiebigen Rat und Bestätigung anderer zu treffen
  • das Bedürfnis, dass andere die Verantwortung für wichtige Lebensbereiche übernehmen
  • Mühe, eine andere Meinung zu vertreten, aus Angst, Unterstützung und Zustimmung zu verlieren
  • Schwierigkeiten, Dinge selbst zu beginnen, eher aus mangelndem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten als aus fehlender Motivation
  • große Anstrengungen, sich Zuwendung zu sichern, bis hin zur freiwilligen Übernahme unangenehmer Aufgaben
  • Unbehagen oder Hilflosigkeit beim Alleinsein und eine übertriebene Angst, verlassen zu werden
  • nach dem Ende einer Beziehung die dringende Suche nach einer neuen Quelle von Fürsorge

Häufig kommen eine gedrückte Stimmung und starke Trennungsängste hinzu. Endet eine enge Beziehung, fühlen sich Betroffene oft völlig hilflos. Diese Liste dient dem Verständnis, nicht der Selbstdiagnose: Ob eine Persönlichkeitsstörung vorliegt, kann nur eine Fachperson in einem ausführlichen Gespräch beurteilen. Ein Online-Test ersetzt das nicht.

Ist Unterstützung brauchen schon eine Störung?

Nein. Es ist menschlich, sich Rat zu holen und sich auf andere zu verlassen. Therapie.de beschreibt einen dependenten Persönlichkeitsstil, der der Störung ähnelt, aber weniger stark ausgeprägt ist: Menschen mit diesem Stil sind sehr loyal, ordnen ihre Wünsche oft denen anderer unter, können sich gut in andere hineinversetzen und gut kooperieren. Im Gegensatz zu Menschen mit der Störung haben sie oft einen großen Freundes- und Bekanntenkreis.

Von einer Störung spricht man erst, wenn das Muster tiefgreifend ist, deutlich von dem der meisten Menschen abweicht und zu Leid oder erheblichen Schwierigkeiten führt.

Auch der Begriff „emotionale Abhängigkeit“ wird oft verwendet. Gemeint ist damit nicht automatisch eine Persönlichkeitsstörung; mehr dazu lesen Sie in unserem Ratgeber Emotionale Abhängigkeit.

Wie hängen dependente Persönlichkeitsstörung und Liebe zusammen?

Partnerschaften spielen bei dieser Störung eine zentrale Rolle. Nach einer Buchbesprechung im Deutschen Ärzteblatt ist das zentrale Beziehungsmotiv die Verlässlichkeit: Zweifel daran, ob der Partner verlässlich ist, treiben Betroffene dazu, alle vermuteten Erwartungen und Bedürfnisse des anderen erfüllen zu wollen. Dabei geraten die eigenen Bedürfnisse fast völlig aus dem Blick, und oft stellt sich heraus, dass der Partner ganz andere Wünsche hat als angenommen.

Therapie.de schildert, wie Betroffene aus Angst vor dem Verlassenwerden auch respektloses oder gewalttätiges Verhalten hinnehmen können. Wichtig ist: Die Verantwortung für Gewalt liegt immer bei der Person, die sie ausübt. Die Störung erklärt, warum es schwerfallen kann, sich zu lösen; sie macht Betroffene nicht schuldig.

Umgekehrt kann die starke Anhänglichkeit auch für eine Partnerschaft zur Belastung werden. Nicht selten ist es eine Trennung oder der Verlust einer wichtigen Bezugsperson, nach der Betroffene erstmals Hilfe suchen.

Welche Erkrankungen treten häufig gemeinsam auf?

Nach therapie.de treten zusammen mit einer dependenten Persönlichkeitsstörung häufig Angststörungen, Depressionen oder somatoforme Störungen auf, also vielfältige körperliche Beschwerden mit psychischer Ursache. Oft werden auch weitere Persönlichkeitsstörungen beobachtet, zum Beispiel eine selbstunsichere Persönlichkeitsstörung.

Für die Behandlung ist das wichtig: Begleiterkrankungen werden mitberücksichtigt. Hinweise auf eine Depression finden Sie in unserem Ratgeber Depression: Symptome; über eine weitere Persönlichkeitsstörung informiert unser Ratgeber Borderline.

Wie entsteht eine dependente Persönlichkeitsstörung?

Man nimmt an, dass die Störung durch ein Zusammenspiel von biologischen, psychischen und umweltbezogenen Faktoren entsteht. Verschiedene Therapieschulen haben dazu Erklärungsmodelle entwickelt:

  • Die psychoanalytische Sicht vermutet Einflüsse aus der frühen Kindheit, etwa einen sehr behütenden Erziehungsstil.
  • Aus Sicht der Verhaltenstherapie könnte abhängiges Verhalten in der Kindheit belohnt und eigenständiges Handeln gebremst worden sein; auch Lernen am Vorbild der Eltern wird diskutiert.
  • Die kognitive Sicht betont ungünstige Überzeugungen über sich selbst, etwa: „Ich bin hilflos und brauche immer jemanden, der mich schützt.“

Diese Modelle sind Annahmen, keine bewiesenen Ursachen. Sie geben weder Eltern noch Betroffenen die Schuld. Bedeutsam für die Therapie ist vor allem, dass erlernte Muster und Überzeugungen veränderbar sind.

Wie wird die Störung behandelt?

Der wichtigste Behandlungsansatz ist eine Psychotherapie. Wichtige Ziele sind nach therapie.de, Selbstständigkeit und Eigenverantwortung zu fördern, die Kompetenz im Umgang mit alltäglichen Aufgaben und Entscheidungen zu verbessern und soziale Fähigkeiten zu stärken. In einem Selbstsicherheitstraining kann man üben, eigene Wünsche auszudrücken oder angemessen Kritik zu äußern. Die tiefe Überzeugung, unfähig und hilflos zu sein, wird hinterfragt und allmählich verändert.

Auch tiefenpsychologische Verfahren und Gruppentherapie kommen infrage. In der Gruppe erleben Betroffene, dass andere ähnliche Probleme haben, und können von deren Umgang damit lernen. Antidepressiva werden in manchen Fällen begleitend verordnet, vor allem bei einer gleichzeitigen Depression; durch Medikamente allein lassen sich meist keine langfristigen Verbesserungen erreichen.

Eine Besonderheit: Betroffene arbeiten oft gut mit, überlassen aber die Verantwortung für die Veränderung gern der Therapeutin oder dem Therapeuten. Die Grundhaltung in der Therapie ist deshalb, weder zu resignieren noch zu bedrängen. In unserer Praxis in Bilbao bietet die Psychologie Erwachsenen nach einem Erstgespräch eine Einschätzung und psychotherapeutische Begleitung an (die Beratung findet auf Spanisch statt).

Eigene Entscheidungen schrittweise üben

In der Therapie geht es darum, Schritt für Schritt mehr Eigenständigkeit zu erproben. Wie das konkret aussieht, wird gemeinsam mit der Therapeutin oder dem Therapeuten vereinbart. Mögliche Fragen für ein solches Gespräch:

  • Welche kleine Alltagsentscheidung möchte ich diese Woche selbst treffen, etwa was ich koche oder wie ich den Samstag verbringe?
  • Bei welcher Entscheidung frage ich bisher fast automatisch andere, und könnte ich zuerst meine eigene Meinung aufschreiben?
  • Wie viel Unterstützung möchte ich von meiner Bezugsperson noch, und was kann ich allmählich selbst übernehmen, statt die Hilfe auf einen Schlag wegzunehmen?
  • Welche Gefühle tauchen auf, wenn ich eine Entscheidung allein treffe, und wie gehe ich damit um?

Angehörige können unterstützen, indem sie Entscheidungen nicht ständig abnehmen. Denn oft halten nahe Bezugspersonen das abhängige Verhalten unbewusst aufrecht, indem sie Verantwortung übernehmen. Deshalb kann es sinnvoll sein, sie in die Therapie einzubeziehen.

Wo sich die Quellen unterscheiden

Beschreibung: gesund.bund.de beschreibt die Störung neutral über das Bedürfnis nach Unterstützung und Sicherheit. Therapie.de wählt deutlichere Begriffe wie passiv, unterwürfig und anklammernd und schreibt Betroffenen zu, Verantwortung für eigene Fehler anderen zuzuschieben. Solche Beschreibungen sollen Muster verdeutlichen; als Urteil über einzelne Menschen sind sie nicht gemeint.

Diagnosesysteme: Therapie.de stützt sich auf die Kriterien des DSM und merkt an, dass die Merkmale in der ICD-10 im Wesentlichen entsprechen. gesund.bund.de erläutert den ICD-10-Code F60.7. Beide Systeme sind nicht in jedem Detail austauschbar; eine Diagnose stellt eine Fachperson.

Therapieerfolg: Therapie.de bezeichnet die Therapie als im Vergleich zu anderen Persönlichkeitsstörungen oft relativ erfolgreich. Die Besprechung im Deutschen Ärzteblatt stellt ein klärungsorientiertes Therapiebuch vor und betont die Schwierigkeiten; sie ist keine Wirksamkeitsstudie. Eine Erfolgsgarantie lässt sich aus keiner der Quellen ableiten.

Zusammenfassung

  • Kern der dependenten Persönlichkeitsstörung ist ein überstarkes Bedürfnis, versorgt zu werden, mit Trennungsangst und Schwierigkeiten bei eigenen Entscheidungen.
  • Ein anhängliches, loyales Wesen ist noch keine Störung; entscheidend sind Ausmaß, Abweichung und Leidensdruck.
  • Häufig bestehen zusätzlich Angststörungen oder Depressionen.
  • Diskutiert wird ein Zusammenspiel biologischer, psychischer und umweltbezogener Faktoren; Schuld trägt niemand.
  • Psychotherapie ist der wichtigste Ansatz; sie fördert schrittweise Selbstständigkeit und Selbstsicherheit.
  • Gewalt in einer Beziehung muss niemand hinnehmen.

Häufige Fragen zur dependenten Persönlichkeitsstörung

Diese Antworten sind allgemeine Informationen und ersetzen weder eine Untersuchung noch eine individuelle ärztliche Beratung.

Wie äußert sich eine dependente Persönlichkeitsstörung?

Typisch sind Schwierigkeiten, alltägliche Entscheidungen ohne Rat anderer zu treffen, die Neigung, anderen die Verantwortung zu überlassen, Mühe, zu widersprechen, Unbehagen beim Alleinsein und eine starke Angst, verlassen zu werden. Endet eine Beziehung, suchen Betroffene oft dringend eine neue Bezugsperson.

Wie geht man mit Dependenten um?

Hilfreich ist, Entscheidungen nicht ständig abzunehmen, sondern zu ermutigen, selbst Schritte zu gehen, ohne die Unterstützung abrupt zu entziehen. Nahe Bezugspersonen halten das abhängige Verhalten oft unbewusst aufrecht; deshalb kann es sinnvoll sein, sie in die Therapie einzubeziehen.

Ist die dependente Persönlichkeitsstörung heilbar?

Von Heilung im engeren Sinn sprechen die Quellen nicht. Im Vergleich zu anderen Persönlichkeitsstörungen ist eine Psychotherapie aber oft relativ erfolgreich. Ziel ist, mehr Selbstständigkeit, Eigenverantwortung und soziale Sicherheit zu gewinnen.

Wie hängen dependente Persönlichkeitsstörung und Liebe zusammen?

Beziehungen stehen im Mittelpunkt: Aus Angst, verlassen zu werden, versuchen Betroffene oft, alle vermuteten Wünsche des Partners zu erfüllen, und vernachlässigen eigene Bedürfnisse. Manche nehmen dabei sogar respektloses oder gewalttätiges Verhalten hin. Die Verantwortung für Gewalt liegt aber immer bei der Person, die sie ausübt.

Was unterscheidet emotionale Abhängigkeit von einer Persönlichkeitsstörung?

Emotionale Abhängigkeit ist ein Alltagsbegriff für ein Beziehungsmuster und meint nicht automatisch eine Störung. Eine dependente Persönlichkeitsstörung ist ein tiefgreifendes Muster im Denken, Fühlen und Verhalten, das deutlich von dem der meisten Menschen abweicht und zu Leid oder Schwierigkeiten führt. Die Abgrenzung trifft eine Fachperson.

Muss man Misshandlung aushalten, um nicht allein zu sein?

Nein. Gewalt ist nie in Ordnung und nie die Schuld der Betroffenen. Bei akuter Gefahr wählen Sie den Notruf 112. Psychotherapie kann helfen, die Angst vor dem Alleinsein zu bearbeiten, die es so schwer machen kann, sich aus einer schädlichen Beziehung zu lösen.

Quellen

  1. gesund.bund.de (Bundesministerium für Gesundheit) · ICD-10-Code F60.7: Abhängige (asthenische) Persönlichkeitsstörung
  2. therapie.de (Pro Psychotherapie e.V.) · Abhängige Persönlichkeitsstörung
  3. Deutsches Ärzteblatt · Dependente Persönlichkeitsstörung: Weder resignieren noch bedrängen (Buchbesprechung, 2014)

Dieser Ratgeber dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Diagnose und Behandlung hängen von Ihrer Untersuchung und Vorgeschichte ab. Im Notfall wählen Sie den Notruf 112.