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Messie-Syndrom: wenn sich Dinge und Probleme anhäufen

Zeitschriftenstapel bis zur Decke, Räume, die nur noch über schmale Gänge erreichbar sind, und das Gefühl, sich von nichts trennen zu können: Das sogenannte Messie-Syndrom belastet Betroffene und ihr Umfeld stark. Hinter dem Begriff stecken allerdings unterschiedliche Probleme. Dieser Ratgeber erklärt nach der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen (DGZ) und dem Portal Neurologen und Psychiater im Netz, was pathologisches Horten vom Messie-Syndrom unterscheidet, wie es entsteht, welche Behandlung hilft und was Angehörige tun können.

Thema
Psychologie
Aktualisiert
Lesezeit
8 Minuten
Geprüft von
Dr. Itziar Gotxi Erezuma · Fachärztin für HNO · Ärztekammer Bizkaia Nr. 484809757

Was ist das Messie-Syndrom?

Als „Messies“ (von englisch mess: Chaos, Unordnung) werden nach Neurologen und Psychiater im Netz Menschen bezeichnet, deren Leben durch das übermäßige Anhäufen von Dingen in ihren Wohnräumen mitbestimmt wird. Betroffene haben große Schwierigkeiten, ihren Alltag zu organisieren und ihre Wohnung in Ordnung zu halten. Dahinter stehen nach der Psychiaterin Dr. Christa Roth-Sackenheim vor allem Probleme, Entscheidungen zu treffen und Prioritäten zu setzen; zudem schätzen sie den Wert von Dingen oft anders ein als andere.

Die DGZ unterscheidet genauer. Das Messie-Syndrom meint genau genommen allgemeine Schwierigkeiten der Selbstorganisation, die nicht nur die Wohnung betreffen, sondern auch Termine, soziale Einbindung und das Umsetzen von Plänen. Davon abzugrenzen ist das pathologische Horten: Menschen damit funktionieren nicht selten in Arbeit und Freizeit gut und erleben die Schwierigkeiten vor allem in den eigenen vier Wänden. Sie neigen eher zu übermäßigem Kaufen als Messies.

Nicht jede Unordnung ist eine Störung. Entscheidend ist nach der DGZ, ob die Anhäufung die Nutzung und Sicherheit der Wohnräume beeinträchtigt und zu erheblicher Belastung im Alltag führt.

Was bedeutet pathologisches Horten?

Pathologisches Horten ist nach der DGZ der unwiderstehliche Drang, große Mengen an Gegenständen zu sammeln und sich nicht mehr von ihnen zu trennen. Oft sind es Dinge von geringem Wert oder Nutzen: alte Zeitschriften, abgetragene Kleidung, defekte Elektrogeräte, Deko oder Verpackungen. Räume können völlig unzugänglich werden.

Die ICD-11 beschreibt das Horten als Anhäufung von Besitz durch übermäßigen Erwerb oder durch Schwierigkeiten, sich von Dingen zu trennen, unabhängig von ihrem Wert. Das Wegwerfen wird als belastend erlebt. Im DSM-5 zählt das Horten zum Zwangsspektrum, in der ICD-11 zu den zwangsverwandten Störungen.

Die ICD-11 unterscheidet außerdem Horten mit guter und mit geringer Einsicht. Bei guter Einsicht erkennen Betroffene, zumindest in ruhigen Momenten, dass ihre Überzeugungen überzogen sein könnten. Bei geringer Einsicht halten sie diese durchgehend für wahr. Verwandt ist das Horten mit der Zwangsstörung, anders als Zwangsrituale ist es aber mit Interesse und positiven Gefühlen verknüpft.

Wie beginnt das Messie-Syndrom?

Erste Symptome pathologischen Hortens treten nach der DGZ meist schon mit 12 bis 13 Jahren auf. Ab Mitte dreißig erleben die meisten eine deutliche Beeinträchtigung, die mit dem Alter zunimmt; nach Bevölkerungsdaten steigt die Häufigkeit alle fünf Jahre um etwa 20 %.

Betroffen sind Menschen in allen Bevölkerungsgruppen, sozialen Schichten und Einkommensklassen. Anders als viele denken, lebt nach Neurologen und Psychiater im Netz nur eine Minderheit zwischen Abfällen, Essensresten, Schmutz und Ungeziefer.

Viele schämen sich für ihre Wohnung, ziehen sich deshalb zurück, meiden Kontakte und nehmen keine Einladungen mehr an. Auch Familien und Partnerschaften stehen unter großer Belastung, was bei Betroffenen Angst und Anspannung verstärkt.

Wie entsteht pathologisches Horten?

Wie bei anderen psychischen Erkrankungen wirken nach der DGZ mehrere Faktoren zusammen. Das kognitiv-behaviorale Modell von Steketee und Frost nennt:

  • belastende Lebenserfahrungen wie den frühen Verlust wichtiger Bezugspersonen, Mangel an emotionaler Zuwendung oder zwischenmenschliche Konflikte, aus denen Grundüberzeugungen entstehen können, unzulänglich oder verletzlich zu sein,
  • frühe Erfahrungen, dass viele persönliche Dinge Geborgenheit, Schutz oder Identität geben, und Haltungen wie „bei uns wird nichts weggeworfen“,
  • Schwierigkeiten der Informationsverarbeitung, etwa beim Kategorisieren, Planen, Problemlösen oder im Arbeitsgedächtnis,
  • eine erbliche Komponente: Verwandte ersten Grades sind deutlich häufiger betroffen; die DGZ nennt eine Erblichkeit von etwa 50 %.

Aufrechterhalten wird das Horten durch die Bedeutung der Dinge: Sie scheinen einen wichtigen Zweck zu erfüllen, einen hohen emotionalen oder einen besonderen ästhetischen Wert zu haben. Wegwerfen löst Traurigkeit, Ärger, Angst oder Schuld aus, Erwerben dagegen Freude, Stolz und Geborgenheit. Mit Geiz oder Faulheit hat das nichts zu tun. Angehörige sollten Betroffene nach Dr. Sabine Köhler vom Berufsverband Deutscher Nervenärzte nicht als faul oder unmotiviert einschätzen.

Welche psychischen Probleme haben Messies?

Nach der DGZ leidet etwa die Hälfte der Menschen mit pathologischem Horten gleichzeitig an einer Depression, jeder Dritte an einer sozialen Phobie oder generalisierten Angststörung, etwa jeder Fünfte an einer Zwangserkrankung.

Messie-Verhalten kann nach Neurologen und Psychiater im Netz eigenständig auftreten oder Begleiterscheinung anderer Erkrankungen sein, mit jeweils anderem Hintergrund:

  • Zwangserkrankungen: Die Trennung von emotional besetzten Dingen fühlt sich wie ein Verlust der eigenen Identität an; gehortet wird oft strukturiert.
  • Suchterkrankungen: Das Sammeln ist eher chaotisch und spiegelt den Kontrollverlust wider.
  • Depression und Einsamkeit: Dinge ersetzen soziale Nähe und heben kurzfristig das Selbstwertgefühl.
  • Psychosen: Eine veränderte Wahrnehmung, teils Wahnvorstellungen und Ängste; die volle Wohnung dient der Abschottung.
  • Demenz: Horten kann ein Versuch sein, sich die eigene Welt zu erhalten; Verwahrlosung im Alter kann aber auch Ausdruck altersbedingter Einschränkungen sein.
  • Aufmerksamkeitsstörungen: werden ebenfalls als mögliche Grunderkrankung genannt (mehr im Ratgeber ADHS bei Erwachsenen).

Davon abzugrenzen ist nach der DGZ das Diogenes- oder Vermüllungssyndrom bei schweren psychischen Erkrankungen: eine allgemeine Selbstvernachlässigung, die auch das Äußere betrifft, mit starkem Rückzug und geringer Krankheitseinsicht. Nicht jedes Horten ist also Verwahrlosung.

Kann man das Messie-Syndrom heilen?

Psychotherapeutische Maßnahmen haben sich bewährt. Am besten überprüft ist nach der DGZ der kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansatz von Steketee und Frost, der sich an den persönlichen Ursachen orientiert:

  • die emotionale Bindung an Gegenstände bearbeiten und üben, Kaufverlockungen zu widerstehen,
  • Überzeugungen wie „Ich verrate meinen verstorbenen Vater, wenn ich seine Dinge verschenke“ prüfen und neue, realistische Regeln vereinbaren,
  • Planungs- und Organisationstraining: Aufräumen in realistische Portionen teilen, Dinge sinnvoll kategorisieren, Zeitfenster festlegen,
  • Expositionstraining: gemeinsam Wegwerfziele festlegen, die schwierigen Gefühle aushalten und erleben, dass sie nachlassen,
  • bei Bedarf motivierende Gesprächsführung, weil Scham und schwankende Motivation häufig sind.

Nach Neurologen und Psychiater im Netz geht es zunächst darum, das eigene Verhalten und seine Gründe zu verstehen. Neue Verhaltensweisen werden in kleinen Schritten umgesetzt, etwa erst ein Zimmer aufzuräumen und in Ordnung zu halten. Das stärkt das Gefühl, sich auf sich selbst verlassen zu können. Voraussetzung ist der Wille zur Veränderung. Liegt eine Depression, Sucht, Zwangserkrankung oder Psychose vor, ist eine psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung unbedingt nötig.

Medikamente sind beim pathologischen Horten nach der DGZ nur sinnvoll, wenn keine Psychotherapie verfügbar ist, ihre Möglichkeiten ausgeschöpft sind oder zusätzlich eine schwere Depression besteht; dann kommen ärztlich verordnete Serotonin-Wiederaufnahmehemmer infrage.

Kann man einem Messie beim Aufräumen helfen?

Ja, aber nicht über den Kopf der Person hinweg. Wenig hilfreich ist es nach Neurologen und Psychiater im Netz, wenn Dritte die Wohnung aufräumen oder säubern. Das ändert nichts an der inneren Hilflosigkeit und kann schaden, weil Scham und Verlust das Selbstwertgefühl weiter treffen. Gut gemeinte Hilfe kann sogar eine schwere psychische Krise auslösen, wenn Betroffene das Gefühl haben, ihnen werde ein Halt oder die Kontrolle über ihren engsten Lebensbereich genommen. Auch nach der DGZ sehen Wohnungen nach Großaktionen ohne Absprache oft bald wieder aus wie vorher.

Besser ist es, überschaubare, schrittweise Ziele gemeinsam zu vereinbaren und für schwierige Situationen externe Hilfsangebote einzubeziehen. Wird entrümpelt, ist es nach der DGZ für viele wichtig, die Kontrolle über den Prozess zu behalten und genaue Anweisungen geben zu können. Angehörige in die Therapie einzubinden, kann den Behandlungserfolg unterstützen. Angehörige selbst profitieren oft von eigenen Selbsthilfegruppen.

Respektvoll ansprechen heißt: Sorge ausdrücken statt Vorwürfe machen, sich nicht distanzieren und auf professionelle Unterstützung hinweisen, wie Dr. Köhler betont.

Wo professionelle Hilfe beginnt

Ein erster Schritt kann die hausärztliche Praxis oder eine psychiatrisch-psychotherapeutische Praxis sein. Ziel ist nach Neurologen und Psychiater im Netz, die genauen Ursachen zu klären, um eine Verhaltensänderung zu ermöglichen.

Viele lehnen Hilfe zunächst ab, weil sie ihre Lage anders wahrnehmen als ihr Umfeld; oft stimmen sie erst zu, wenn etwa eine Wohnungskündigung droht. Neben der Psychotherapie können nach der DGZ psychosoziale Angebote helfen, etwa gemeindepsychiatrische Hilfen, ein Haushaltsorganisationstraining oder eine Selbsthilfegruppe. In Selbsthilfegruppen finden Betroffene und Angehörige Verständnis und Akzeptanz.

Wo sich die Quellen unterscheiden

Die Quellen verwenden die Begriffe unterschiedlich. Die DGZ trennt pathologisches Horten als eigene Diagnose vom Messie-Syndrom und vom Diogenes-Syndrom. Ein Beitrag von Neurologen und Psychiater im Netz setzt das Messie-Syndrom dagegen mit dem Vermüllungssyndrom gleich und wertet es nicht als eigene Diagnose, sondern als Symptom von Sucht, Depression, Psychose oder, im Alter, Demenz.

Bei den Zahlen gehen die Angaben auseinander. Die DGZ nennt etwa jeden 22. Menschen in Deutschland, ältere häufiger (6,2 %) als jüngere (2,3 %), und doppelt so viele Männer wie Frauen. Neurologen und Psychiater im Netz schätzt rund zweieinhalb Millionen Betroffene und sieht Frauen und Männer gleich häufig betroffen. Ein Beitrag des Portals betont zudem einen häufigen Zusammenhang mit Schizophrenie oder Psychosen, während bei der DGZ Depressionen und Angststörungen im Vordergrund stehen.

Zusammenfassung

  • Messie-Syndrom ist ein Sammelbegriff; pathologisches Horten ist eine eigene Diagnose mit Schwierigkeiten, sich von Dingen zu trennen.
  • Nicht jede Unordnung ist eine Störung: Entscheidend sind Nutzbarkeit, Sicherheit der Wohnung und Leidensdruck.
  • Ursachen sind vielschichtig: Lebenserfahrungen, Informationsverarbeitung, Bedeutung der Dinge und Veranlagung.
  • Depressionen, Ängste, Zwang, Sucht, Psychosen oder Demenz können dahinterstehen und brauchen Behandlung.
  • Kognitive Verhaltenstherapie mit kleinen, vereinbarten Schritten ist am besten belegt.
  • Heimliches Aufräumen schadet; gemeinsame Ziele und externe Hilfe sind besser.

Häufige Fragen zum Messie-Syndrom

Diese Antworten sind allgemeine Informationen und ersetzen weder eine Untersuchung noch eine individuelle ärztliche Beratung.

Wie beginnt das Messie-Syndrom?

Beim pathologischen Horten zeigen sich erste Symptome oft schon mit 12 bis 13 Jahren; deutlich belastend wird es meist ab Mitte dreißig, mit zunehmendem Alter stärker.

Welche psychischen Probleme haben Messies?

Häufig bestehen gleichzeitig Depressionen, Angststörungen oder Zwangserkrankungen. Messie-Verhalten kann auch bei Sucht, Psychosen, Demenz oder Aufmerksamkeitsstörungen auftreten.

Kann man das Messie-Syndrom heilen?

Es ist behandelbar. Am besten belegt ist die kognitive Verhaltenstherapie mit kleinen, vereinbarten Schritten. Voraussetzung ist der Wille zur Veränderung; Begleiterkrankungen müssen mitbehandelt werden.

Kann man einem Messie beim Aufräumen helfen?

Ja, wenn es gemeinsam und schrittweise geschieht. Aufräumen ohne Absprache wird oft als massiv belastend erlebt und kann eine Krise auslösen.

Ist jede Unordnung eine Störung?

Nein. Von pathologischem Horten spricht man, wenn die Anhäufung die Nutzung und Sicherheit der Wohnung beeinträchtigt und erheblich belastet.

Ist es immer Zwang oder ADHS?

Nein. Horten kann eigenständig auftreten oder mit verschiedenen Erkrankungen zusammenhängen. Welche Ursache dahintersteht, muss fachlich geklärt werden.

Quellen

  1. Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V. (DGZ): Pathologisches Horten
  2. Neurologen und Psychiater im Netz: Messie-Syndrom – Begleiterscheinung unterschiedlicher psychischer Störungsbilder
  3. Neurologen und Psychiater im Netz: Messie-Syndrom – durch Verhaltenstherapie mehr Selbstkontrolle
  4. Neurologen und Psychiater im Netz: Messie-Syndrom (Psychische Erkrankungen im Alter)

Dieser Ratgeber dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Diagnose und Behandlung hängen von Ihrer Untersuchung und Vorgeschichte ab. Im Notfall wählen Sie den Notruf 112.