Was ist selbstverletzendes Verhalten?
Unter selbstverletzendem Verhalten (SVV) versteht man nach Neurologen und Psychiater im Netz Handlungen, bei denen es zu einer bewussten Schädigung der Körperoberfläche kommt. Diese Handlungen sind sozial nicht akzeptiert und nicht in suizidaler Absicht. Am häufigsten sind Schnittverletzungen, umgangssprachlich „Ritzen“; vorkommen können auch Verbrennungen, Schlagen oder Beißen.
Wie nennt man selbstverletzendes Verhalten noch? Gebräuchlich sind die Abkürzung SVV, „Selbstverletzung“ und umgangssprachlich „Ritzen“. In der Fachliteratur wird außerdem von nicht-suizidaler Selbstverletzung (NSSV) gesprochen, wenn keine Suizidabsicht besteht. Die Westpfalz-Klinik fasst den Begriff weiter und zählt auch Essattacken und gefährliche sexuelle Kontakte dazu.
SVV ist kein eigenständiges Krankheitsbild. Es tritt als Symptom einer psychischen Erkrankung auf oder auch ohne begleitende Erkrankung. Stereotype Selbstverletzungen etwa bei Autismus oder geistiger Behinderung werden nicht zum SVV im eigentlichen Sinn gezählt.
Wer ist betroffen?
Meist beginnt SVV mit der Pubertät, im Jugend- oder jungen Erwachsenenalter. Es kommt aber auch bei Erwachsenen vor, nach der Westpfalz-Klinik oft dann, wenn vorher keine Behandlung erfolgt war.
Für Jugendliche in Deutschland werden nach Neurologen und Psychiater im Netz Lebenszeitraten von 25 Prozent und Ein-Jahres-Raten von 14 Prozent beschrieben; etwa 4 Prozent verletzen sich wiederholt. Für das Erwachsenenalter liegen dort keine Daten vor. Früher waren vor allem junge Frauen betroffen; neuere Studien zeigen einen zunehmenden Anteil männlicher Jugendlicher.
Bei Kindern und Jugendlichen ist eine kinder- und jugendpsychiatrische oder -psychotherapeutische Abklärung der richtige Weg. Dieser Ratgeber richtet sich in den Hilfeteilen vor allem an Erwachsene und Angehörige.
Was sind die möglichen Ursachen für selbstverletzendes Verhalten?
SVV ist häufig Ausdruck einer starken seelischen Belastung und manchmal Zeichen einer zugrunde liegenden psychischen Erkrankung. Es tritt nach den Quellen gehäuft auf bei:
- Depressionen
- Essstörungen, Zwangs- und Angststörungen
- der Borderline-Persönlichkeitsstörung
- Posttraumatischen Belastungsstörungen nach traumatischen Erlebnissen
- Alkohol- oder Drogenkonsum
Auch mangelndes Selbstwertgefühl, Schwierigkeiten, Gefühle auszudrücken und zu regulieren, das Erleben von SVV im Freundes- oder Familienkreis und starke Belastungen wie Prüfungsangst, Sorgen um Ausbildung oder Arbeit oder wegfallende Kontakte können eine Rolle spielen. Selbstverletzung bedeutet aber nicht automatisch eine bestimmte Diagnose; die Einordnung gehört in eine fachliche Untersuchung.
Woher kommt der Drang zur Selbstverletzung?
Durch den Schmerz kommt es für Betroffene nach der Westpfalz-Klinik häufig zu einer kurzfristigen Erleichterung von überwältigenden Gefühlen. SVV dient dann als Versuch, innere Spannung abzubauen. Gefühle von Wertlosigkeit, Scham, innerem Druck und Schmerz sind für Betroffene oft kaum auszuhalten. Auch Selbstbestrafung, Selbstabwertung und Wut gegen sich selbst können eine Rolle spielen.
Ein anderer Auslöser kann ein Gefühl von Taubheit und innerer Leere sein. Manche verletzen sich, um sich wieder zu spüren. Neurologen und Psychiater im Netz beschreibt, dass der Körper bei einer Verletzung körpereigene Endorphine ausschüttet, die den Schmerz zunächst unterdrücken; bei manchen könnte das das Bedürfnis nach Wiederholung verstärken.
Kurzfristig lässt der belastende Zustand nach, langfristig bleiben Scham und Schuldgefühle, und es entsteht ein Teufelskreis. SVV ist deshalb als (wenn auch ungünstige) Bewältigungsstrategie zu verstehen, nicht als bizarre Angewohnheit und nicht als Suche nach Aufmerksamkeit.
Bedeutet Selbstverletzung immer Suizidabsicht?
Nein. Selbstverletzendes Verhalten ist nach der Definition nicht suizidal gemeint. Trotzdem ist das Risiko für einen Suizidversuch bei Betroffenen nach beiden Quellen erhöht. Dass jemand sagt, nicht sterben zu wollen, schließt eine Gefährdung also nicht aus.
Nehmen Sie deshalb jede Äußerung von Hoffnungslosigkeit, Wertlosigkeit oder Lebensmüdigkeit ernst. Bei Gedanken an Suizid oder akuter Gefahr wählen Sie den Notruf 112.
Wann ist sofortige medizinische Hilfe nötig? Drei Fragen in der Krise
In einer akuten Situation hilft es, drei Fragen in dieser Reihenfolge zu stellen, ohne Bedingungen an die Hilfe zu knüpfen:
- 1. Braucht die Verletzung medizinische Versorgung? Bei starker Blutung, tiefen oder klaffenden Wunden, Verbrennungen, Zeichen einer Entzündung oder nach dem Schlucken giftiger Substanzen: Notaufnahme oder 112. Kleinere Wunden ruhig und ohne Überreaktion versorgen.
- 2. Besteht unmittelbare Gefahr? Bei Suizidgedanken, Suizidplänen oder wenn die Person nicht allein bleiben kann: Notruf 112 und nicht allein lassen.
- 3. Wie geht es weiter? Wenn die akute Situation sicher ist: eine vertraute Person einbeziehen und zeitnah fachliche Hilfe vereinbaren, über die Hausarztpraxis, eine Beratungsstelle, Psychotherapie oder eine Klinik.
Brauche ich auch nach einem einzelnen Vorfall Hilfe? Ja, es lohnt sich, auch dann mit einer Fachperson zu sprechen. Warum ist eine fachliche Einschätzung wichtig? Weil SVV mit behandelbaren Erkrankungen zusammenhängen kann und das Suizidrisiko eingeschätzt werden sollte.
Woran erkennen Angehörige Warnzeichen?
Betroffene schämen sich häufig und verbergen Verletzungen. Mögliche Warnzeichen sind nach Neurologen und Psychiater im Netz:
- gestörter Schlaf, Rückzug, Vernachlässigung von Freunden und Interessen
- lange Kleidung auch beim Sport oder an warmen Tagen
- Stimmungsveränderungen
- wiederholte, schlecht erklärte Verletzungen
- Aussagen, sich wertlos oder hoffnungslos zu fühlen
Wie kann ich jemandem zuhören? Bewahren Sie Ruhe und seien Sie sich Ihrer eigenen Gefühle wie Hilflosigkeit, Wut oder Trauer bewusst. Suchen Sie das Gespräch unter vier Augen, fragen Sie respektvoll nach, ohne Druck, Vorwürfe oder Bewertungen. Zeigen Sie Verständnis, dass die Person im Moment keinen anderen Weg kennt, und bieten Sie an, sie zu einem Termin zu begleiten. Auch Angehörige dürfen sich selbst Rat und Unterstützung holen.
Welche Hilfe gibt es, und was gehört in einen Unterstützungsplan?
Langfristig ist es sinnvoll, sich dem Erleben hinter dem Drang zuzuwenden, durch eine ambulante Psychotherapie oder bei schweren Krisen einen Klinikaufenthalt. Die Verfahren richten sich nach der zugrunde liegenden Erkrankung. Kognitive Verhaltenstherapie hilft zum Beispiel, Auslösesituationen zu erkennen und neue Bewältigungsstrategien zu erlernen; Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen können ergänzen. Bei starken depressiven, zwanghaften oder ängstlichen Beschwerden kann die Psychotherapie medikamentös unterstützt werden. Für eine Überweisung ist die Hausarztpraxis eine gute erste Anlaufstelle.
Was gehört in einen sicheren Unterstützungsplan? Die Westpfalz-Klinik empfiehlt, schon vorher zu wissen, an wen man sich wenden kann, und das mit dieser Person abzusprechen. Ein persönlicher Plan kann enthalten:
- Name und Telefonnummer einer vertrauten Person, die zugestimmt hat, erreichbar zu sein
- Kontakt der Hausarztpraxis oder Therapeutin und den Notruf 112
- Situationen, Orte oder Gegenstände, die den Drang verstärken, und wie Sie sie meiden oder entschärfen können
- harmlose Dinge, die Ihnen in Anspannung helfen, etwa Bewegung, Musik, Entspannungsübungen, Schreiben oder Malen
- ein Protokoll, wann und in welchen Situationen der Drang auftritt, für die Therapie
In unserer Praxis in Bilbao bietet die Psychologie Erwachsenen nach einer akuten Krise eine Abklärung und psychotherapeutische Begleitung an (die Beratung findet auf Spanisch statt). In einer akuten Krise ist die Notaufnahme oder der Notruf 112 der richtige Weg.
Wo sich die Quellen unterscheiden
Definition: Neurologen und Psychiater im Netz beschränkt SVV auf die bewusste Schädigung der Körperoberfläche ohne Suizidabsicht. Die Westpfalz-Klinik fasst den Begriff weiter und zählt auch Essattacken und gefährliche sexuelle Kontakte dazu. Wir verwenden hier die engere Definition.
Zielgruppe: Die Seite von Neurologen und Psychiater im Netz richtet sich vor allem an Jugendliche und Eltern; Daten für Erwachsene fehlen dort. Die Westpfalz-Klinik spricht Jugendliche und Erwachsene an.
Bewältigungsstrategien: Die Westpfalz-Klinik nennt eine Reihe von „Skills“ für akute Anspannung, darunter auch Reize, die selbst schmerzhaft oder schädlich sein können. Diese übernehmen wir bewusst nicht; welche Strategien passen, klärt man am besten in der Therapie.
Aktualität: Beide Seiten tragen kein Datum; die Westpfalz-Klinik verweist auf Literatur von 2009. Sie ersetzen kein aktuelles Behandlungsprotokoll.
Zusammenfassung
- Selbstverletzendes Verhalten ist eine bewusste Schädigung des eigenen Körpers, meist um unerträgliche Gefühle zu regulieren.
- Es beginnt meist im Jugendalter, kommt aber auch bei Erwachsenen vor und hängt oft mit psychischen Erkrankungen zusammen.
- Es ist kein Aufmerksamkeitsverhalten, sondern ein Zeichen innerer Not; das Suizidrisiko ist erhöht.
- Bei schweren Wunden, Vergiftung oder Suizidgedanken sofort 112; medizinische Hilfe steht immer zu.
- Angehörige helfen am meisten mit Ruhe, Zuhören ohne Vorwürfe und Begleitung zu professioneller Hilfe.
- Psychotherapie hilft, Auslöser zu erkennen und neue Wege im Umgang mit Gefühlen zu lernen.
Häufige Fragen zu selbstverletzendem Verhalten
Diese Antworten sind allgemeine Informationen und ersetzen weder eine Untersuchung noch eine individuelle ärztliche Beratung.
Was sind die möglichen Ursachen für selbstverletzendes Verhalten?
Meist steckt eine starke seelische Belastung dahinter, oft im Zusammenhang mit Depressionen, Ess-, Angst- oder Zwangsstörungen, Borderline-Persönlichkeitsstörung, Traumafolgen oder Suchtmitteln. Auch geringes Selbstwertgefühl und Schwierigkeiten, Gefühle zu regulieren, spielen eine Rolle.
Woher kommt der Drang zur Selbstverletzung?
Die Verletzung bringt kurzfristig Erleichterung von überwältigender Anspannung, Leere oder Selbsthass. Langfristig bleiben Scham und Schuld, was einen Teufelskreis in Gang setzen kann.
Wie nennt man selbstverletzendes Verhalten noch?
Gebräuchlich sind SVV, Selbstverletzung und umgangssprachlich „Ritzen“. Fachleute sprechen auch von nicht-suizidaler Selbstverletzung (NSSV).
Wie nennt man das, wenn man sich selbst schadet?
Wenn jemand den eigenen Körper bewusst verletzt, spricht man von selbstverletzendem Verhalten. Manche Fachleute fassen den Begriff weiter und zählen auch andere selbstschädigende Verhaltensweisen dazu.
Bedeutet Selbstverletzung immer Suizidabsicht?
Nein, SVV ist per Definition nicht suizidal gemeint. Das Suizidrisiko ist bei Betroffenen aber erhöht. Gedanken, nicht mehr leben zu wollen, sind immer ein Grund für sofortige Hilfe (112).
Wann ist sofortige medizinische Hilfe nötig?
Bei starker Blutung, tiefen Wunden, Verbrennungen, Entzündungszeichen, nach dem Schlucken giftiger Substanzen und bei Suizidgedanken. Dann gehen Sie in die Notaufnahme oder wählen den Notruf 112.
Quellen
- Neurologen und Psychiater im Netz (fachliche Unterstützung DGKJP): Selbstverletzendes Verhalten (SVV), mit Unterseiten zu Ursachen, Warnzeichen, Störungsbild, Erkennung, Therapie und Eltern
- Westpfalz-Klinikum, Klinik für Psychosomatik Kaiserslautern: Selbstverletzendes Verhalten
Dieser Ratgeber dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Diagnose und Behandlung hängen von Ihrer Untersuchung und Vorgeschichte ab. Im Notfall wählen Sie den Notruf 112.
