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Dissoziative Identitätsstörung: Symptome und Hilfe

Die dissoziative Identitätsstörung, früher multiple Persönlichkeitsstörung genannt, ist eine seltene und in der Fachwelt viel diskutierte Diagnose. Für Betroffene ist der Leidensdruck hoch, gleichzeitig kursieren viele Irrtümer, nicht zuletzt in sozialen Medien. Dieser Ratgeber erklärt nach einer Fachübersicht im Psychotherapeutenjournal (2025) und der Patienteninformation der LWL-Klinik Paderborn, was Dissoziation bedeutet, woran man die Störung erkennt, wie sie fachlich abgeklärt wird und welche Behandlungen untersucht werden.

Thema
Psychologie
Aktualisiert
Lesezeit
7 Minuten
Geprüft von
Dr. Itziar Gotxi Erezuma · Fachärztin für HNO · Ärztekammer Bizkaia Nr. 484809757

Was bedeutet Dissoziation?

Einen dissoziativen Zustand kann jeder Mensch erleben, etwa wenn man nach einem anstrengenden Tag gedankenverloren nach Hause fährt oder ganz in ein Buch vertieft ist. Redewendungen wie „wie weggetreten sein“ oder „neben sich stehen“ beschreiben das. Der Begriff kommt aus dem Lateinischen und bedeutet trennen. Wahrnehmung, Denken, Handeln und Fühlen sind in solchen Momenten kurz voneinander getrennt.

Nach der Übersicht im Psychotherapeutenjournal ist Dissoziation ein häufiges Phänomen bei Menschen mit und ohne psychische Erkrankung. Zu den milden Formen gehört die Fähigkeit, sich intensiv zu konzentrieren und die Umwelt auszublenden. Schwere Formen umfassen dissoziative Erinnerungslücken (Amnesie) und das Erleben mehrerer Identitäten. Am ausgeprägtesten ist Dissoziation bei dissoziativen Störungen, gefolgt von der Posttraumatischen Belastungsstörung und der Borderline-Persönlichkeitsstörung.

Was ist eine dissoziative Identitätsstörung?

Nach dem Klassifikationssystem DSM-5 ist die DIS gekennzeichnet durch zwei oder mehr unterscheidbare Persönlichkeitszustände oder ein Erleben von Besessenheit sowie wiederholte Episoden von Amnesie. Das ICD-11 beschreibt sie ähnlich als Identitätsstörung mit zwei oder mehr verschiedenen Persönlichkeitszuständen, die jeweils ein eigenes Muster des Erlebens und der Beziehung zu sich selbst haben.

Die DIS ist nach dem Psychotherapeutenjournal eine der bekanntesten, aber auch umstrittensten Diagnosen. Die LWL-Klinik beschreibt sie als selten und weist auf die Debatte in der Forschung hin. Das heißt nicht, dass das Leiden erfunden wäre: Betroffene produzieren ihre Symptome nicht willentlich. Es heißt aber auch nicht, dass in einem Menschen mehrere real getrennte Personen leben; beschrieben werden Persönlichkeitszustände.

Wie äußert sich eine dissoziative Identitätsstörung?

Betroffene erleben und handeln nach der LWL-Klinik zeitweise wie unterschiedliche Personen mit eigenen Erinnerungen, Gefühlen und Vorlieben, die wechselnd das Handeln übernehmen. Der Wechsel ist ihnen oft nicht bewusst; im Alltag fallen dann vermehrt Erinnerungslücken auf. Fachleute unterscheiden bei dissoziativen Beschwerden nach dem Psychotherapeutenjournal fünf Symptombereiche:

  • Depersonalisation: sich selbst fremd oder losgelöst fühlen
  • Derealisation: die Umwelt wirkt unwirklich
  • dissoziative Amnesie: Lücken in der Erinnerung
  • Identitätsverwirrung
  • Fragmentierung der Identität

Diese Beschwerden werden als unerwünschte Beeinträchtigung erlebt. Menschen mit dissoziativen Störungen sind in Alltag, Beruf und Beziehungen oft deutlich stärker eingeschränkt als Menschen mit anderen psychischen Erkrankungen.

Wie verhält sich jemand, der dissoziiert?

Dissoziative Störungen haben nach der LWL-Klinik kein einheitliches Bild. Mögliche Erscheinungsformen sind:

  • Erinnerungslücken für wichtige Ereignisse, die von Tag zu Tag unterschiedlich stark sein können
  • ein plötzlicher, unerwarteter Ortswechsel, der wie eine Flucht wirkt
  • Bewegungsstarre, bei der normale Reaktionen auf Berührung oder Geräusche fehlen, ohne dass die Person schläft oder bewusstlos ist
  • Bewegungsstörungen wie Lähmungen oder ein unsicherer Gang, die häufigsten dissoziativen Symptome
  • Taubheitsgefühle oder der Verlust von Sinnen
  • Anfälle, die einem epileptischen Anfall ähneln

Weil viele dieser Zeichen auch körperliche Ursachen haben können, werden diese immer zuerst ausgeschlossen.

In welchem Alter entsteht eine dissoziative Identitätsstörung?

Prospektive Langzeitstudien zum Verlauf der DIS gibt es nach dem Psychotherapeutenjournal nicht. Patientinnen und Patienten berichten im Rückblick häufig, dass erste Symptome in der frühen Kindheit zwischen fünf und acht Jahren auftraten. Der Verlauf scheint chronisch und schwankend zu sein; Schwere und Einschränkungen variieren je nach Lebenssituation.

Viele Betroffene sind schon mehrere Jahre wegen verschiedener Beschwerden in psychiatrischer Behandlung und haben mehrere andere Diagnosen erhalten, bevor die DIS festgestellt wird. Dissoziative Störungen werden in der Praxis viel häufiger bei Frauen diagnostiziert, selbstberichtete dissoziative Symptome kommen in der Bevölkerung aber bei Männern und Frauen gleich häufig vor.

Welche Ursachen werden diskutiert?

Häufig wird die DIS zu den Traumafolgestörungen gezählt. Traumatische Erfahrungen sind nach dem Psychotherapeutenjournal jedoch keine Voraussetzung für die Diagnose. Betroffene berichten zwar häufig von Missbrauch in der Kindheit, hochwertige Längsschnittstudien, die einen ursächlichen Zusammenhang belegen, fehlen aber. Ausgeschlossen ist ein begünstigender Einfluss von Traumata deshalb nicht.

Die Fachwelt unterscheidet heute vier Erklärungsmodelle: ein Traumamodell, ein soziokognitives Modell, das soziale, kognitive und kulturelle Einflüsse betont, ein Schema-Modus-Modell und ein transtheoretisches Modell, das unter anderem Schlafstörungen und Probleme der Selbstregulation einbezieht. Die LWL-Klinik nennt als Auslöser dissoziativer Störungen extrem belastende Ereignisse und betont, dass nicht jeder Mensch danach eine solche Störung entwickelt; Veranlagung, frühe Erfahrungen und Stress spielen mit.

Wie wird die Diagnose fachlich abgeklärt?

Dissoziative Störungen sind nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen. Nach der LWL-Klinik müssen körperliche Ursachen und andere psychische Erkrankungen wie eine Depression oder ein psychotischer Zustand ausgeschlossen werden; dazu gehören eine genaue körperliche Untersuchung und ausführliche Gespräche. Wie häufig eine DIS festgestellt wird, hängt nach dem Psychotherapeutenjournal stark davon ab, ob Selbstauskunft oder strukturierte Interviews genutzt werden. Ein Online-Test kann daher keine Diagnose stellen.

Für das erste Fachgespräch hilft ein neutrales Notizblatt, das Beobachtungen festhält, ohne Erklärungen vorwegzunehmen:

  • welche Beschwerden im Alltag auftreten, etwa Erinnerungslücken oder Momente der Abwesenheit
  • seit wann und wie oft sie auftreten und ob sie zu- oder abnehmen
  • welche Einschränkungen in Arbeit, Familie und Beziehungen entstehen
  • Schlaf, Medikamente, Alkohol und andere Substanzen
  • offene Fragen an die Fachperson

In unserer Praxis in Bilbao bieten wir eine allgemeine Erstberatung an, die bei der Suche nach geeigneter fachlicher Diagnostik hilft; eine spezielle DIS-Therapie bieten wir nicht an. Unsere psychologische Beratung kann Erwachsene allgemein begleiten (die Beratung findet auf Spanisch statt).

Wie wird eine dissoziative Identitätsstörung behandelt?

Evidenzbasierte Leitlinien zur Behandlung der DIS gibt es nach dem Psychotherapeutenjournal bisher nicht. Lange wurde vor allem eine praxisbasierte Psychotherapie in drei Phasen angeboten, beginnend mit Stabilisierung. Neuere Ansätze, deren Wirksamkeit derzeit untersucht wird, sind eine kurze traumafokussierte Behandlung, eine angepasste Schematherapie und ein transdiagnostisches verhaltenstherapeutisches Programm, das auch den Schlaf einbezieht. Ergebnisse aus kleinen Fallserien belegen noch keine Überlegenheit eines Verfahrens.

Die Autorinnen und Autoren warnen ausdrücklich vor suggestiven Techniken, die vermeintlich verdrängte Erinnerungen aufdecken sollen, weil sie falsche Erinnerungen erzeugen können, und davor, Persönlichkeitszustände wie reale Personen zu behandeln. Angehörigen rät die LWL-Klinik, sich über das Krankheitsbild zu informieren, Betroffenen ohne Misstrauen zu begegnen und da zu sein, ohne ihnen alle Aufgaben abzunehmen. Suggestive Fragen nach möglichen Erlebnissen sollten sie vermeiden.

Wo sich die Quellen unterscheiden

Die beiden Quellen haben unterschiedliche Blickwinkel. Die Patienteninformation der LWL-Klinik nutzt teilweise ältere Begriffe wie multiple Persönlichkeitsstörung, beschreibt Teilpersönlichkeiten mit eigenen Erinnerungen und schreibt, ob eine solche Störung wirklich existiere, sei in der Forschung umstritten. Als Auslöser dissoziativer Störungen nennt sie meist extrem belastende Ereignisse.

Die Fachübersicht im Psychotherapeutenjournal geht von der DIS als Diagnose in DSM-5 und ICD-11 aus, betont aber, dass Traumata keine Voraussetzung sind, dass objektive Gedächtnistests die angenommenen Erinnerungsgrenzen zwischen Identitäten nicht überzeugend bestätigen und dass die Behandlungsevidenz begrenzt ist. Sie ist eine kritische Übersicht und keine Patientenleitlinie oder unbestrittener Konsens.

Zusammenfassung

  • Dissoziation kennt jeder; bei der DIS ist sie stark ausgeprägt und belastend.
  • Kennzeichen sind unterscheidbare Persönlichkeitszustände und Erinnerungslücken.
  • Erste Symptome werden oft rückblickend in die Kindheit datiert.
  • Die Diagnose braucht fachliche Untersuchung, kein Online-Test.
  • Leitlinien fehlen; mehrere Psychotherapien werden erforscht.
  • Suggestive Techniken und Erinnerungssuche können schaden.

Häufige Fragen zur dissoziativen Identitätsstörung

Diese Antworten sind allgemeine Informationen und ersetzen weder eine Untersuchung noch eine individuelle ärztliche Beratung.

Wie äußert sich eine dissoziative Identitätsstörung?

Durch zwei oder mehr unterscheidbare Persönlichkeitszustände und wiederholte Erinnerungslücken. Betroffene merken den Wechsel oft nicht und bemerken vor allem Lücken im Alltag. Hinzu kommen häufig Gefühle von Fremdheit gegenüber sich selbst oder der Umwelt.

Wie verhält sich jemand, der dissoziiert?

Die Person wirkt etwa abwesend oder wie weggetreten, reagiert verlangsamt oder erinnert sich später nicht an Ereignisse. Bei dissoziativen Störungen sind auch Bewegungsstörungen oder Anfälle möglich, die ärztlich abgeklärt werden müssen.

In welchem Alter entsteht eine dissoziative Identitätsstörung?

Betroffene berichten rückblickend oft von ersten Symptomen zwischen fünf und acht Jahren. Prospektive Studien dazu fehlen, und die Diagnose wird oft erst nach Jahren gestellt.

Wie wird die Diagnose fachlich abgeklärt?

Durch ausführliche Gespräche und Untersuchungen bei Fachleuten für Psychiatrie oder Psychotherapie. Körperliche Ursachen und andere psychische Erkrankungen werden dabei ausgeschlossen.

Kann man die Störung mit einem Online-Test feststellen?

Nein. Selbstauskünfte liefern andere Ergebnisse als strukturierte fachliche Interviews. Ein Test im Internet kann Anlass für ein Gespräch sein, ersetzt aber keine Diagnose.

Wie können Angehörige ohne suggestive Fragen unterstützen?

Indem sie zuhören, ohne Misstrauen begegnen und im Alltag da sind, ohne alles abzunehmen. Sie sollten keine Vermutungen über verdrängte Erlebnisse äußern oder nachfragen, was angeblich passiert sei.

Quellen

  1. Von hartnäckigen Fiktionen und unbequemen Wahrheiten über die Dissoziative Identitätsstörung (Psychotherapeutenjournal 1/2025)
  2. Dissoziative Störungen (LWL-Klinik Paderborn)

Dieser Ratgeber dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Diagnose und Behandlung hängen von Ihrer Untersuchung und Vorgeschichte ab. Im Notfall wählen Sie den Notruf 112.