Ist Verlustangst immer eine Erkrankung?
Nein. Angst vor Verlust gehört zum Leben, und Trauer nach einem echten Verlust ist keine Störung. Bei kleinen Kindern ist Trennungsangst nach dem Deutschen Ärzteblatt sogar sinnvoll, weil sie ihnen das Überleben sichert; die meisten lernen im Laufe von Kindheit und Jugend, mit Trennungen umzugehen.
Von einer Trennungsangststörung bei Erwachsenen spricht man, wenn die Angst nicht mehr funktional ist, bestehen bleibt und den Charakter einer Störung hat. Nach therapie.de gibt es diese Diagnose in den neuen Diagnosesystemen ICD-11 und DSM-5 erstmals. Voraussetzung ist, dass die Angst mehrere Monate andauert und mit erheblichem Leiden und erheblichen Einschränkungen in Beziehungen, Beruf oder anderen wichtigen Lebensbereichen verbunden ist.
Woran merke ich eine starke Einschränkung? Etwa daran, dass Sie aus Angst nicht mehr zur Arbeit gehen, dass sich Ihre Gedanken den ganzen Tag um die Sicherheit Ihrer Angehörigen drehen oder dass Ihre Familie sich mehrmals täglich melden muss, damit Sie zur Ruhe kommen.
Welche Symptome treten bei Verlustangst auf?
Ähnlich wie bei Kindern mit Trennungsangst treten nach therapie.de folgende Anzeichen auf:
- die Sorge, einer nahestehenden Person könnte während ihrer Abwesenheit etwas zustoßen oder sie könnte sterben
- nicht mehr oder nur ungern zur Arbeit gehen, aus Angst vor der Trennung
- starke Angst, Sorgen oder Kummer während oder nach einer Trennung oder wenn eine Trennung befürchtet wird
- sich weigern oder nur ungern bereit sein, getrennt von der Bezugsperson zu schlafen
Das Deutsche Ärzteblatt beschreibt außerdem ausgeprägte Ängste und Sorgen, Panikattacken, Schlafstörungen sowie Zwangsgedanken und -handlungen. Viele Betroffene sind überzeugt, ohne eine bestimmte Person nicht leben zu können. Auch körperliche Beschwerden wie Kopfschmerzen oder Verdauungsstörungen können auftreten. Mehr zu plötzlichen Angstanfällen lesen Sie im Ratgeber Panikattacke.
Wie verhalten sich Menschen mit Verlustangst?
Bezieht sich die Angst auf die Partnerin oder den Partner, klammern Betroffene nach therapie.de häufig stark, überwachen den anderen ständig und sind sehr eifersüchtig und misstrauisch. Manche manipulieren, um den anderen abhängig zu machen, oder wollen alles gemeinsam tun, bis sich der andere erdrückt fühlt. Andere ziehen sich bei Konflikten zurück, drohen selbst mit Trennung, halten an einer schädlichen Beziehung fest oder gehen gar keine Beziehung ein, weil sie den Verlust fürchten.
Bei Eltern kann sich Verlustangst darin zeigen, dass sie ihre Kinder um jeden Preis in ihrer Nähe halten, ihnen wenig Freiheiten lassen, sie streng erziehen und ihre Selbstständigkeit verzögern. Auch die Unfähigkeit, sich als Erwachsener von den eigenen Eltern zu lösen oder ihr Älterwerden zu akzeptieren, kann nach dem Deutschen Ärzteblatt Ausdruck der Störung sein.
Ist Eifersucht dasselbe? Nein. Eifersucht kann viele Gründe haben. Das Deutsche Ärzteblatt beschreibt aber, dass Trennungsangst Eifersucht hervorrufen kann, die sich in irrationalen Verdächtigungen, Klammern und übertriebenem Kontrollverhalten äußert.
Was triggert Verlustangst?
Die Ursachen sind nach dem Deutschen Ärzteblatt vielfältig. Genannt werden ein starker genetischer Einfluss, der Bindungs- und Erziehungsstil, Konflikte in der Herkunftsfamilie, Lernen am Vorbild, Traumata und Persönlichkeitsmerkmale. Ausgelöst wird die Störung häufig durch einen drohenden oder erlebten Verlust einer wichtigen Person, zum Beispiel durch Scheidung oder Tod.
Nach therapie.de besteht die Angst bei etwa einem Drittel der Betroffenen seit der Kindheit, bei etwa zwei Dritteln entwickelt sie sich erst im Erwachsenenalter. Eine belastende Kindheit ist also nicht zwingend Voraussetzung. Häufig haben Betroffene ein geringes Selbstwertgefühl und fühlen sich unselbstständig.
Kommt es bei bestehender Störung zu einer Trennung oder einem Todesfall, verstärken sich die Symptome oft; es können weitere psychische Beschwerden bis hin zu Suizidgedanken auftreten.
Verlustangst und andere psychische Erkrankungen
Häufig treten nach therapie.de weitere Erkrankungen auf, insbesondere Angststörungen, Panikstörung, Depression, Zwangsstörungen, Suchterkrankungen und die Borderline-Persönlichkeitsstörung, außerdem Essstörungen. Nach traumatischen Erfahrungen kann auch eine Posttraumatische Belastungsstörung vorliegen.
Das Deutsche Ärzteblatt weist darauf hin, dass die Trennungsangststörung bei Erwachsenen oft nicht erkannt wird. Stattdessen werden etwa eine Depression oder eine Angststörung diagnostiziert, was zu fehlender oder unpassender Behandlung führen kann. Wer unter Niedergeschlagenheit leidet, findet erste Informationen im Ratgeber Depression: Symptome.
Verlustangst ist außerdem nicht dasselbe wie emotionale Abhängigkeit oder eine Persönlichkeitsstörung, auch wenn sich Merkmale überschneiden können. Mehr dazu im Ratgeber Emotionale Abhängigkeit. Die Einordnung gehört in eine fachliche Diagnostik.
Absprache oder Kontrolle: wo die Grenze liegt
Viele Paare treffen Absprachen, die Sicherheit geben. Problematisch wird es, wenn aus Angst Kontrolle wird. Die Angst des einen rechtfertigt keinen Druck auf den anderen. Einige Beispiele zur Orientierung:
- Absprache: Beide vereinbaren, sich kurz zu melden, wenn es spät wird, und beide halten das für fair. Kontrolle: Einer verlangt mehrmals täglich Bestätigungen und reagiert mit Vorwürfen, wenn eine ausbleibt.
- Absprache: Ein Paar plant gemeinsame Zeit und lässt jedem eigene Freundschaften und Hobbys. Kontrolle: Einer will alles gemeinsam machen und empfindet eigene Wege des anderen als Bedrohung.
- Absprache: Man spricht offen über Unsicherheit. Kontrolle: Handy, Nachrichten oder Standort des anderen werden überwacht.
- Absprache: Ein Nein des anderen wird respektiert. Kontrolle: Es wird mit Trennung gedroht oder manipuliert, um Nähe zu erzwingen.
Wie spreche ich ohne Vorwürfe darüber? Hilfreich ist, von der eigenen Angst zu sprechen statt vom Verhalten des anderen, etwa: „Wenn ich lange nichts höre, werde ich sehr unruhig, und ich möchte lernen, damit anders umzugehen.“ Wer selbst kontrolliert wird oder sich bedroht fühlt, muss seine Freiheit nicht aufgeben, um die Angst des anderen zu beruhigen.
Was kann Psychotherapie leisten?
Bei Trennungs- oder Verlustangst ist es nach therapie.de in jedem Fall sinnvoll, sich professionelle Unterstützung zu suchen; als wirksamste Methode bei Bindungsproblemen nennt die Seite die Psychotherapie, einzeln oder in Gruppen. Weil die Diagnose bei Erwachsenen relativ neu ist, gibt es aber noch keinen spezifischen Therapieansatz. Befunde zur kognitiven Verhaltenstherapie bei Angststörungen legen nahe, dass sie auch hier wirksam sein könnte.
Ziele sind, positive neue Erfahrungen zu machen, mehr Selbstvertrauen zu entwickeln und so die Angst allmählich zu überwinden. Dazu kann gehören, schrittweise eigene Kontakte und Aktivitäten aufzubauen, etwa ein Hobby oder Sport, und bei wiederholten kurzen Trennungen zu erleben, dass nichts Schlimmes passiert. Bezieht sich die Angst auf die Partnerschaft, kann es sinnvoll sein, den Partner in die Therapie einzubeziehen. Begleiterkrankungen und Traumata werden mitbehandelt.
Veränderung braucht Zeit und Geduld; eine Garantie auf ein bestimmtes Ergebnis gibt es nicht. In unserer Praxis in Bilbao bietet die Psychologie Erwachsenen mit starker Verlustangst eine Erstabklärung und Psychotherapie an (die Beratung findet auf Spanisch statt).
Wie löse ich Verlustangst auf? Und wann reichen Tipps nicht?
Einen schnellen Weg, die Angst aufzulösen, beschreiben die Quellen nicht. Hilfreich sind nach therapie.de Schritte, die auch in der Therapie geübt werden:
- sich die Angst und ihre Folgen zunächst ehrlich eingestehen
- eine konkrete Situation analysieren: Was ist passiert, was habe ich befürchtet, was habe ich getan?
- eigene Kontakte, Hobbys oder Sport aufbauen, um weniger auf eine Person angewiesen zu sein
- eigene Bedürfnisse angemessen vertreten und Nähe und Distanz regulieren lernen
- als Eltern den Kindern ausreichend Freiheiten lassen
Selbsthilfetipps reichen nicht, wenn die Angst seit Monaten besteht, Sie nicht mehr arbeiten können, Beziehungen daran zerbrechen, weitere Beschwerden wie Panikattacken oder Niedergeschlagenheit hinzukommen oder Gedanken auftauchen, nicht mehr leben zu wollen. Dann ist professionelle Hilfe wichtig.
Wo sich die Quellen unterscheiden
Häufigkeit: therapie.de nennt etwa fünf Prozent der Erwachsenen, die mindestens einmal im Leben betroffen sind. Das Deutsche Ärzteblatt nennt 6,6 Prozent, allerdings aus einer Umfrage in den USA. Diese Zahl lässt sich nicht direkt auf Deutschland übertragen.
Behandlung: therapie.de bezeichnet Psychotherapie als wirksamste Methode bei Bindungsstörungen und hält kognitive Verhaltenstherapie bei Trennungsangst für wahrscheinlich wirksam. Das Deutsche Ärzteblatt betonte 2013, dass es noch keine spezifischen Behandlungen gab, dass mit verschiedenen Verfahren experimentiert wurde und dass manche Betroffene auf herkömmliche Verfahren schlechter ansprechen.
Aktualität: Der Ärzteblatt-Beitrag stammt aus dem Jahr 2013 und beschreibt einen damaligen Forschungsstand; die Seite von therapie.de nennt kein Datum. Beide sind sich einig, dass Trennungsangst bei Erwachsenen wenig erforscht ist.
Zusammenfassung
- Angst vor Verlust ist menschlich; eine Störung liegt vor, wenn sie über Monate stark belastet und den Alltag einschränkt.
- Typisch sind Sorgen um nahe Menschen, Vermeiden von Trennungen, Klammern, Überwachen und Eifersucht.
- Ursachen sind vielfältig; häufig wird die Störung durch einen drohenden oder erlebten Verlust ausgelöst, oft erst im Erwachsenenalter.
- Angst rechtfertigt keine Kontrolle; Absprachen sollten für beide frei gewählt sein.
- Psychotherapie ist die wichtigste Hilfe; ein spezifischer Ansatz für Erwachsene fehlt bisher.
- Bei Suizidgedanken oder akuter Gefahr sofort Hilfe holen (112).
Häufige Fragen zu Verlustangst
Diese Antworten sind allgemeine Informationen und ersetzen weder eine Untersuchung noch eine individuelle ärztliche Beratung.
Wie verhalten sich Menschen mit Verlustangst?
Viele klammern, wollen ständig wissen, wo der andere ist, sind eifersüchtig und misstrauisch oder wollen alles gemeinsam machen. Manche ziehen sich zurück, drohen selbst mit Trennung oder gehen gar keine Beziehung ein. Eltern halten ihre Kinder manchmal übermäßig eng.
Was triggert Verlustangst?
Häufig ein drohender oder erlebter Verlust, etwa durch Scheidung oder Tod. Dahinter stehen vielfältige Ursachen wie Veranlagung, frühe Bindungserfahrungen, Familienkonflikte, Traumata und Persönlichkeitsmerkmale.
Welche Symptome treten bei Verlustangst auf?
Ständige Sorge, nahen Menschen könnte etwas zustoßen, starke Angst bei Trennungen, Vermeiden von Arbeit oder getrenntem Schlafen, dazu oft Schlafstörungen, Panikattacken und körperliche Beschwerden wie Kopfschmerzen oder Verdauungsprobleme.
Wie löse ich Verlustangst auf?
Schnell auflösen lässt sie sich meist nicht. Hilfreich sind eigene Kontakte und Aktivitäten, schrittweise kurze Trennungen und ein offenes Gespräch ohne Vorwürfe. Bei starker, lang anhaltender Angst ist Psychotherapie der wichtigste Weg.
Ist Eifersucht dasselbe?
Nein. Eifersucht kann viele Gründe haben. Trennungsangst kann aber Eifersucht mit irrationalen Verdächtigungen, Klammern und übertriebener Kontrolle hervorrufen.
Was kann Psychotherapie leisten?
Sie hilft, ungünstige Beziehungsmuster zu erkennen und zu verändern, Selbstvertrauen aufzubauen und neue Erfahrungen mit Trennungen zu machen. Bei Partnerschaftsthemen kann der Partner einbezogen werden. Einen speziellen Ansatz für Erwachsene gibt es noch nicht, kognitive Verhaltenstherapie gilt als vielversprechend.
Quellen
- therapie.de (Pro Psychotherapie e.V.): Trennungsangst und Verlustangst bei Erwachsenen
- therapie.de (Pro Psychotherapie e.V.): Bindungsstörung bei Erwachsenen: Diagnose und Therapie
- Deutsches Ärzteblatt PP 10/2013: Trennungsangststörung im Erwachsenenalter: Häufig nicht erkannt
Dieser Ratgeber dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Diagnose und Behandlung hängen von Ihrer Untersuchung und Vorgeschichte ab. Im Notfall wählen Sie den Notruf 112.
