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Trichotillomanie: Anzeichen, Folgen und Hilfe

Beim Lesen, am Computer oder abends auf dem Sofa wandert die Hand zum Kopf, und erst später fällt auf, wie viele Haare auf dem Boden liegen: So erleben viele Menschen mit Trichotillomanie den Drang, sich Haare auszureißen. Die Erkrankung ist mit viel Scham verbunden und wird oft lange verheimlicht. Dieser Ratgeber erklärt nach Informationen der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen und der AOK, woran man Trichotillomanie erkennt, warum sie entsteht, welche Folgen sie haben kann und welche Behandlung hilft.

Thema
Psychologie
Aktualisiert
Lesezeit
7 Minuten
Geprüft von
Dr. Itziar Gotxi Erezuma · Fachärztin für HNO · Ärztekammer Bizkaia Nr. 484809757

Was ist Trichotillomanie?

Der Begriff kommt aus dem Griechischen und bedeutet sinngemäß zwanghaftes Haareausreißen. Die internationale Klassifikation ICD-11 beschreibt Trichotillomanie nach der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen als wiederholtes Ziehen an den eigenen Haaren, das zu deutlichem Haarverlust führt und von erfolglosen Versuchen begleitet wird, das Verhalten zu verringern oder zu beenden. Die Beschwerden führen zu erheblicher Belastung oder Beeinträchtigung in Familie, Beruf, Schule oder sozialem Leben.

Die ICD-11 ordnet Trichotillomanie den körperbezogenen repetitiven Verhaltensstörungen zu, im Englischen als BFRB abgekürzt. Sich hin und wieder ein Haar auszuzupfen, ist nach der AOK noch keine Trichotillomanie: Entscheidend ist der Leidensdruck. In Deutschland sind nach der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen etwa 0,5 bis gut 1 Prozent der Bevölkerung betroffen; wegen der Scham ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen.

Woran erkennt man Trichotillomanie?

Typische Merkmale nach den beiden Quellen sind:

  • wiederholtes Ausreißen einzelner Haare oder Büschel
  • am häufigsten Kopfhaare, danach Augenbrauen, Wimpern und Schamhaare; bei Männern vermehrt Barthaare
  • eine zunehmende Anspannung vor dem Ausreißen und kurze Erleichterung danach
  • ein tranceähnlicher Zustand, der Minuten bis Stunden dauern kann
  • gezieltes Suchen nach bestimmten Haaren, etwa dickeren, borstigen oder grauen
  • Sammeln, Zählen oder Kauen der Haare

Das Ausreißen kann in kurzen Episoden über den Tag verteilt auftreten oder in selteneren, längeren Phasen. Nach der AOK gibt es keine objektiven Diagnosekriterien in dem Sinne, dass kahle Stellen sichtbar sein müssten. Fachleute klären im Gespräch, wie Betroffene das Ausreißen erleben, wie groß der Leidensdruck ist und wie stark der Alltag beeinträchtigt wird. Vor einer Therapie sollte die Haus- oder Hautarztpraxis andere Ursachen für Haarausfall ausschließen.

Wann beginnt Trichotillomanie und wer ist betroffen?

Die Erkrankung beginnt meist in der Pubertät. Die Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen nennt das Alter zwischen 11 und 15 Jahren, die AOK zwischen 11 und 13 Jahren. Im Erwachsenenalter erkranken Frauen deutlich häufiger als Männer; bei Kindern sind Mädchen und Jungen nach der AOK gleich oft betroffen.

Haareausreißen kann auch schon bei Säuglingen und Kleinkindern vorkommen. Für Kinder gelten andere Empfehlungen als für Erwachsene: Eltern sollten nach der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen ruhig bleiben, in der kinderärztlichen Praxis körperliche Ursachen abklären lassen und sich bei Zunahme an eine Kinder- und Jugendlichentherapie wenden. Die folgenden Hinweise zur Selbsthilfe richten sich an Erwachsene.

Warum bekommt man Trichotillomanie?

Eine einzelne Ursache gibt es nicht. Nach den Quellen kommen meist mehrere Faktoren zusammen:

  • eine familiäre Veranlagung, etwa wenn nahe Verwandte Trichotillomanie oder Zwangsstörungen haben
  • neurobiologische Faktoren, zum Beispiel eine Überaktivität bestimmter Hirnregionen
  • belastende Erlebnisse wie Gewalt oder Mobbing, wobei manche Betroffene keinen Auslöser benennen können
  • Gefühlszustände wie Langeweile, innere Leere, Traurigkeit, Angst oder Nervosität
  • Schwierigkeiten, Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken, oder fehlende Wege, mit Stress umzugehen

Die AOK beschreibt das Haareausreißen als emotionales Ventil: Es baut innere Spannung ab und wird von vielen zugleich als angenehm oder stimulierend erlebt. Danach folgen oft Reue und Scham. Ein einheitliches Persönlichkeitsprofil, das auf alle Betroffenen zutrifft, lässt sich aus den Quellen nicht ableiten.

Ist Trichotillomanie eine Zwangsstörung?

Trichotillomanie ist nach der AOK ein eigenständiges Krankheitsbild und zählt zu den psychischen Erkrankungen. Sie ist mit den Zwangserkrankungen verwandt; die AOK rechnet sie zu dieser Gruppe, die ICD-11 führt sie als körperbezogene repetitive Verhaltensstörung. Ein Unterschied zu vielen Zwängen liegt darin, dass das Ausreißen im Moment oft als genussvoll erlebt wird und nicht nur eine Befürchtung abwehrt.

Häufig treten weitere Erkrankungen auf: Depressionen, Angsterkrankungen, Zwangsstörungen, Persönlichkeitsstörungen, Suchterkrankungen oder das zwanghafte Bearbeiten der Haut, die Dermatillomanie. Mehr zu Zwängen lesen Sie im Ratgeber Zwangsstörung, zu gedrückter Stimmung unter Depression: Symptome.

Ist Trichotillomanie gefährlich?

Die deutlichste Folge ist der sichtbare Haarverlust. Nach der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen können außerdem auftreten:

  • Hautreizungen und offene Stellen an der Kopfhaut
  • Schäden an den Zähnen durch das Zerbeißen der Haare
  • Nacken- und Schulterschmerzen durch immer gleiche Haltungen
  • Rückzug, Meiden von Nähe und depressive Verstimmungen
  • beim Verschlucken von Haaren Reizungen der Magenschleimhaut oder Haarknäuel, sogenannte Trichobezoare, die operativ entfernt werden müssen

Ausgerissene Haare wachsen nach der AOK meist wieder nach. Wer sich aber über Jahre Haare ausreißt, kann die Haarwurzeln so schädigen, dass an dieser Stelle kein Haar mehr wächst. Auch deshalb ist frühe Unterstützung sinnvoll.

Wie kann man Trichotillomanie loswerden?

Als Therapie der ersten Wahl gilt nach beiden Quellen die kognitive Verhaltenstherapie, vor allem das Habit-Reversal-Training, auf Deutsch Gewöhnungsumkehrtraining. Es umfasst typischerweise:

  • Aufklärung über die Erkrankung, weil vielen nicht bewusst ist, dass es sich um eine psychische Erkrankung handelt
  • Selbstbeobachtung mit einem Protokoll: wann, wo und mit welchen Gedanken und Gefühlen der Drang auftritt
  • eine Gegenreaktion, die mit dem Ausreißen nicht vereinbar ist, etwa die Fäuste ballen oder einen kleinen Gegenstand in der Hand bewegen
  • Hilfen, die das Ausreißen erschweren, zum Beispiel Handschuhe oder Pflaster an den Fingerkuppen in Risikosituationen
  • Entspannungsverfahren wie Progressive Muskelentspannung oder Autogenes Training

Ebenso wichtig ist es, die Auslöser zu bearbeiten, etwa soziale Ängste oder familiäre Konflikte. Medikamente kommen nach der AOK nur in einzelnen Fällen infrage; die Psychotherapie ist in der Regel deutlich wirksamer. Mit der richtigen Therapie ist eine Verringerung der Beschwerden bis zur Beschwerdefreiheit möglich, Rückfälle kommen aber vor.

Ein gemeinsames Blatt für Betroffene und Angehörige

Angehörige möchten helfen, doch Ermahnen, Kontrollieren oder Strafen verstärken oft Scham und Heimlichkeit. Die AOK rät, Auffälligkeiten einfühlsam anzusprechen. Ein gemeinsames Blatt kann helfen, Unterstützung abzusprechen, statt sie aufzudrängen. Die betroffene Person entscheidet, was darauf steht:

  • Situation: Wann und wo kam der Drang? Was habe ich gerade gemacht und gefühlt?
  • Wirkung: Was hat das Ausreißen kurz bewirkt, und wie ging es mir danach?
  • Gegenreaktion: Was habe ich stattdessen getan, und hat es geholfen?
  • Wunsch an Angehörige: Was hilft mir, etwa ein vereinbartes Zeichen, und was möchte ich nicht, etwa Kommentare vor anderen?
  • Grenze: Was bleibt meine Entscheidung, zum Beispiel Haare abschneiden oder verdecken?

Ohne Zustimmung der betroffenen Person sollten Angehörige keine Maßnahmen ergreifen. Das Blatt ersetzt keine Therapie, kann aber das Gespräch mit einer Therapeutin oder einem Therapeuten vorbereiten.

In unserer Praxis für Psychologie in Bilbao können Erwachsene eine erste Orientierung zu ihren Beschwerden und möglichen nächsten Schritten erhalten (die Beratung findet auf Spanisch statt).

Wo sich die Quellen unterscheiden

Beim Erkrankungsalter nennt die Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen 11 bis 15 Jahre, die AOK 11 bis 13 Jahre. Zur Häufigkeit gibt die Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen 0,5 bis 1,05 Prozent der Bevölkerung an und zugleich 3,5 Prozent bei Frauen und 1,5 Prozent bei Männern; diese Werte stammen offenbar aus unterschiedlichen Erhebungen und sind nicht direkt vergleichbar.

Bei der Diagnose betont die AOK, es gebe keine objektiven Diagnosekriterien, und stellt das Gespräch über Leidensdruck in den Mittelpunkt. Die Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen zitiert dagegen die Beschreibung der ICD-11. Beides schließt sich nicht aus: Die Diagnose stützt sich auf eine fachliche Einschätzung von Verhalten, Belastung und Beeinträchtigung. Unterschiedlich ist auch die Gegenreaktion: Die AOK nennt mindestens zwei Minuten, die Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen empfiehlt, sie durchzuhalten, bis die Anspannung vorbei ist. Die von ihr genannten Persönlichkeitsmerkmale, etwa ein geringeres Schmerzempfinden, beschreiben Tendenzen, kein Profil aller Betroffenen.

Zusammenfassung

  • Trichotillomanie ist wiederholtes Ausreißen der eigenen Haare mit Leidensdruck.
  • Sie beginnt meist in der Pubertät und betrifft im Erwachsenenalter mehr Frauen.
  • Das Ausreißen baut Spannung ab und geschieht oft wie in Trance.
  • Folgen sind Haarverlust, Scham, Rückzug und beim Verschlucken Haarknäuel im Magen.
  • Am wirksamsten ist die Verhaltenstherapie mit Habit-Reversal-Training.
  • Angehörige helfen am besten einfühlsam und mit Absprache statt mit Druck.

Häufige Fragen zur Trichotillomanie

Diese Antworten sind allgemeine Informationen und ersetzen weder eine Untersuchung noch eine individuelle ärztliche Beratung.

Warum bekommt man Trichotillomanie?

Es gibt keine einzelne Ursache. Familiäre Veranlagung, neurobiologische Faktoren, belastende Erlebnisse und Gefühlszustände wie Langeweile, Angst oder Anspannung können zusammenwirken. Das Ausreißen dient oft als Ventil für Spannung.

Ist Trichotillomanie eine Zwangsstörung?

Sie ist eine eigenständige psychische Erkrankung, die mit Zwangserkrankungen verwandt ist. Die ICD-11 führt sie als körperbezogene repetitive Verhaltensstörung. Anders als viele Zwänge wird das Ausreißen im Moment oft als angenehm erlebt.

Wie kann man Trichotillomanie loswerden?

Am besten wirkt die kognitive Verhaltenstherapie mit Habit-Reversal-Training: Selbstbeobachtung, eine Gegenreaktion beim Drang und Bearbeitung der Auslöser. Eine Verringerung der Beschwerden bis zur Beschwerdefreiheit ist möglich.

Ist Trichotillomanie gefährlich?

Sie kann zu dauerhaftem Haarverlust, Hautverletzungen, Zahnschäden und starkem sozialem Rückzug führen. Werden Haare verschluckt, können sich Haarknäuel im Magen bilden, die operativ entfernt werden müssen.

Kann Haareverschlucken gefährlich sein?

Ja. Verschluckte Haare können die Magenschleimhaut reizen und Haarknäuel bilden. Bauchschmerzen, Übelkeit oder Erbrechen sollten deshalb ärztlich abgeklärt werden.

Wie können Angehörige helfen, ohne Druck auszuüben?

Indem sie die Auffälligkeit einfühlsam ansprechen, auf Vorwürfe, Kontrolle und Strafen verzichten und gemeinsam absprechen, welche Unterstützung gewünscht ist. Hilfreich ist auch, zu einer Psychotherapie zu ermutigen.

Quellen

  1. Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen · Trichotillomanie
  2. AOK · Trichotillomanie: Was tun bei zwanghaftem Haareausreißen?

Dieser Ratgeber dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Diagnose und Behandlung hängen von Ihrer Untersuchung und Vorgeschichte ab. Im Notfall wählen Sie den Notruf 112.