Was ist Morbus Bechterew?
Morbus Bechterew ist nach der Deutschen Rheuma-Liga eine entzündliche Erkrankung der Wirbelsäule. Früher hieß sie Spondylitis ankylosans; heute wird sie der axialen Spondyloarthritis zugeordnet. Nach der DVMB ist die axiale Spondyloarthritis ein Oberbegriff für eine Gruppe entzündlicher Erkrankungen des Achsenskeletts. Dazu gehört der Morbus Bechterew mit im Röntgenbild sichtbaren Veränderungen, aber auch eine „nicht-röntgenologische“ Form ohne solche Veränderungen.
Meistens beginnt die Entzündung an den Kreuz-Darmbein-Gelenken, die den untersten Teil der Wirbelsäule mit dem Becken verbinden. Von dort kann sie sich auf die gesamte Wirbelsäule ausdehnen, auf einzelne Wirbel und die kleinen Wirbelgelenke, auch an den Rippen.
Die Entzündung kann Knochengewebe zerstören, und zugleich bilden sich an den Wirbeln Knochenanbauten. Dadurch kann die Wirbelsäule allmählich verknöchern und steif werden. Eine passende Therapie soll das verhindern oder lange hinauszögern; eine Versteifung ist nicht bei allen unausweichlich.
Welche Symptome hat man bei Morbus Bechterew?
Die Deutsche Rheuma-Liga und die DVMB beschreiben als typische Zeichen:
- tiefsitzende Rückenschmerzen über mehr als drei Monate, die in Gesäß, Hüfte und Oberschenkel ausstrahlen können
- Schmerzen typischerweise nachts oder frühmorgens, die den Schlaf stören
- Morgensteifigkeit im Rücken von 30 Minuten oder länger
- Besserung bei Bewegung, Verschlechterung in Ruhe
- Müdigkeit und Abgeschlagenheit
- Schmerzen über dem Brustbein oder eingeschränkte Brustkorbdehnung
- Entzündungen einzelner Gelenke wie Hüfte oder Knie oder von Sehnenansätzen
Bei nicht entzündlichen Rückenschmerzen verhält es sich nach der DVMB meist umgekehrt: Sie werden durch Belastung schlimmer und in Ruhe besser. Gewöhnliche Rückenschmerzen sind deutlich häufiger; das Schmerzmuster ist ein Hinweis, kein Beweis.
Augenentzündung und andere Begleiterkrankungen
Nach der Deutschen Rheuma-Liga kommt es relativ häufig zu einer Entzündung der Regenbogenhaut des Auges, der Iritis oder Uveitis. Das Auge schmerzt, ist gerötet und reagiert besonders empfindlich auf Licht. Dann sollte man unbedingt zur Augenärztin oder zum Augenarzt gehen; die Entzündung wird mit kortisonhaltigen Augentropfen oder -salben behandelt.
Weitere mögliche Begleiterkrankungen sind nach der DVMB Entzündungen weiterer Gelenke oder Sehnenansätze, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen und seltener Erkrankungen anderer Organe wie Herz oder Lunge.
Wie wird Morbus Bechterew festgestellt?
Spezialisten für die axiale Spondyloarthritis sind nach der DVMB internistische Rheumatologinnen und Rheumatologen. Sie stellen die Diagnose anhand verschiedener Kriterien und Verfahren, etwa der Magnetresonanztomografie (MRT). Ein Hinweis kann auch eine deutliche Besserung durch ein kortisonfreies entzündungshemmendes Medikament innerhalb von 48 Stunden sein, mit Wiederkehr der Schmerzen nach dem Absetzen.
Viele Betroffene berichten nach der DVMB, dass die richtige Diagnose Jahre gedauert hat. Dabei beeinflusst gerade eine frühe Diagnose und Therapie den Verlauf positiv. Fragebögen zur Selbsteinschätzung können eine erste Orientierung geben, ersetzen aber keine Untersuchung, und ein einzelner Laborwert beweist die Erkrankung nicht.
Für den Termin in der Rheumatologie hilft ein kurzes Protokoll:
- Morgensteifigkeit: wie lange an den meisten Tagen?
- Nacht: Aufwachen durch Schmerzen, zu welcher Uhrzeit?
- Bewegung: Wird es durch Bewegung besser oder schlechter?
- Einschränkungen: Was fällt im Alltag schwer?
- Weitere Zeichen: Augen, Gelenke, Darm, Haut; Wirkung entzündungshemmender Mittel
Verlauf, Schübe und Lebenserwartung
Die Erkrankung beginnt nach der DVMB meist schleichend zwischen dem 15. und 35. Lebensjahr. Die Beschwerden treten oft in Schüben auf: Entzündungsphasen wechseln sich mit mehr oder weniger beschwerdefreien Zeiten ab. Welche Auslöser einen Schub begünstigen, beschreiben die Quellen nicht im Einzelnen.
Der Verlauf ist sehr unterschiedlich: von milden Formen ohne schwerwiegende Beschwerden bis zu schweren Verläufen, bei denen die Wirbelsäule dauerhaft verknöchert. Schwere und Ausmaß lassen sich nach der DVMB durch frühe Therapie und eigenes Verhalten entscheidend beeinflussen. Manchmal kommt die Erkrankung nach der Rheuma-Liga ganz zum Stillstand. Zahlen zur Lebenserwartung nennen die herangezogenen Quellen nicht.
Bewegung als wichtigste Säule
Bewegung ist nach der DVMB die wichtigste Säule der Therapie und begleitet Betroffene von der Diagnose an ein Leben lang. Die Bewegungstherapie kräftigt gezielt Muskeln, hält die Wirbelsäule möglichst beweglich und fördert mit Haltungsübungen eine aufrechte Haltung. Regelmäßige Übungen können nach der Rheuma-Liga Schmerzen lindern; achten Sie im Alltag immer wieder bewusst auf eine aufrechte Haltung.
Viele Betroffene empfehlen Sportarten wie Nordic Walking, Wandern, Radfahren oder Rückenschwimmen. In Gruppen vor Ort bieten geschulte Physiotherapeutinnen und -therapeuten Funktionstraining oder Rehabilitationssport an; in der Gruppe fällt die Regelmäßigkeit oft leichter. Ergänzend werden Wärmeanwendungen wie Fango oder Infrarot eingesetzt.
In unserer Praxis für Physiotherapie in Bilbao begleiten wir Erwachsene mit gesichertem Morbus Bechterew mit einem Übungsprogramm für Beweglichkeit, Kraft und Haltung, in Abstimmung mit der rheumatologischen Behandlung (die Beratung findet auf Spanisch statt). Wir stellen keine Diagnose und verordnen keine Medikamente.
Medikamente und Operationen
Medikamente können die Entzündung eindämmen und Schmerzen lindern. Welche infrage kommen, hängt nach der Rheuma-Liga vom Schweregrad ab und wird in der Rheumatologie festgelegt:
- Nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR): wirken sehr gut, können aber den Magen angreifen; ob ein Magenschutz nötig ist, entscheidet die Ärztin oder der Arzt
- Kortison: als Spritze ins Gelenk bei starken Schmerzen oder als Augentropfen bei Iritis; als Dauertherapie wegen der Nebenwirkungen nicht geeignet
- Basistherapeutika: vor allem, wenn auch Gelenke wie Schulter, Hüfte oder Knie entzündet sind
- Biologika: gespritzte Medikamente bei sehr aktiver Erkrankung, etwa TNF-Blocker oder Interleukin-17-Hemmer
- JAK-Hemmer: wirken innerhalb der Zellen; ihr Einsatz wurde nach der DVMB von der Europäischen Arzneimittel-Agentur wegen Sicherheitsbedenken eingeschränkt
Alltag, Selbsthilfe und Operationen
Für Beweglichkeit und Lebensqualität ist nach der DVMB die aktive Mitwirkung der Betroffenen wichtig. Die Deutsche Rheuma-Liga rät zu einer gesunden Ernährung und dazu, nicht zu rauchen. Um die Erkrankung besser zu verstehen und damit umzugehen, hilft der Kontakt zu anderen Betroffenen, etwa in den Gruppen der DVMB, die Beratung und Austausch anbietet.
Alternative Heilmethoden wie Traditionelle Chinesische Medizin oder Homöopathie sind nach der Rheuma-Liga wissenschaftlich nicht belegt und als alleinige Therapie nicht geeignet. Kortison eignet sich wegen seiner Nebenwirkungen nicht als Dauertherapie.
Operationen sind nur selten nötig, etwa um eine stark nach vorn gekrümmt versteifte Wirbelsäule aufzurichten, ein künstliches Hüftgelenk einzusetzen oder einen eingebrochenen Wirbel zu stabilisieren. Dann empfiehlt die Rheuma-Liga eine auf rheumatische Erkrankungen spezialisierte Klinik und bei Unsicherheit eine ärztliche Zweitmeinung, deren Kosten die meisten Krankenkassen übernehmen.
Wo sich die Quellen unterscheiden
Zahl der Betroffenen: Die Deutsche Rheuma-Liga nennt rund 970.000 Menschen mit „Morbus Bechterew/Spondylitis ankylosans“. Die DVMB nennt etwa 450.000 Menschen mit Morbus Bechterew. Der Unterschied erklärt sich vermutlich dadurch, dass die höhere Zahl das gesamte Spektrum der axialen Spondyloarthritis umfasst.
Ergänzende Verfahren: Die Rheuma-Liga hält alternative Heilmethoden wie Homöopathie für wissenschaftlich nicht belegt und als alleinige Therapie ungeeignet. Die DVMB berichtet von Radonkuren, denen viele Betroffene eine Besserung zuschreiben, und von Hinweisen auf den Nutzen einer entzündungshemmenden Ernährung. Beides ersetzt keine Therapie.
Medikamente: Die Rheuma-Liga beschreibt NSAR, Biologika und Kortison allgemein. Die DVMB nennt zusätzlich Basistherapeutika und JAK-Hemmer und weist auf die Einschränkungen hin, die für JAK-Hemmer gelten.
Zusammenfassung
- Morbus Bechterew ist eine entzündliche Wirbelsäulenerkrankung aus der Gruppe der axialen Spondyloarthritis.
- Typisch sind nächtliche und morgendliche Rückenschmerzen, Morgensteifigkeit und Besserung bei Bewegung.
- Ein schmerzhaftes, rotes, lichtempfindliches Auge braucht rasch augenärztliche Hilfe.
- Die Diagnose stellt die Rheumatologie anhand mehrerer Kriterien und der MRT.
- Bewegung ist die wichtigste Säule der Therapie, ergänzt durch Medikamente.
- Der Verlauf ist sehr unterschiedlich und lässt sich durch frühe Behandlung beeinflussen.
Häufige Fragen zu Morbus Bechterew
Diese Antworten sind allgemeine Informationen und ersetzen weder eine Untersuchung noch eine individuelle ärztliche Beratung.
Welche Symptome hat man bei Morbus Bechterew?
Tiefsitzende Rückenschmerzen über Monate, vor allem nachts und frühmorgens, Morgensteifigkeit von mindestens 30 Minuten, Besserung bei Bewegung und oft Müdigkeit. Hinzu kommen können Gelenk- und Augenentzündungen.
Wie hoch ist die Lebenserwartung bei Morbus Bechterew?
Die herangezogenen Quellen nennen dazu keine Zahlen. Sie beschreiben den Verlauf als sehr unterschiedlich, von mild bis schwer, und betonen, dass frühe Therapie und eigenes Verhalten ihn entscheidend beeinflussen.
Was darf man bei Morbus Bechterew nicht machen?
Nicht rauchen, sich nicht schonen und Bewegung nicht vermeiden. Kortison nicht dauerhaft auf eigene Faust einnehmen, verordnete Medikamente nicht eigenmächtig ändern und Manipulationen an der Wirbelsäule nur nach ärztlicher Rücksprache.
Was löst einen Bechterew-Schub aus?
Die Erkrankung verläuft oft in Schüben, die sich mit ruhigeren Phasen abwechseln. Konkrete Auslöser nennen die Quellen nicht; ein Beschwerdeprotokoll hilft, mögliche Zusammenhänge mit der Rheumatologie zu besprechen.
Kann HLA-B27 allein Morbus Bechterew beweisen?
Nein. Die Diagnose stellt die Rheumatologie anhand des Beschwerdebilds, mehrerer Kriterien und bildgebender Verfahren wie der MRT. Ein einzelner Laborwert reicht dafür nicht aus.
Wann braucht ein schmerzhaft rotes Auge rasche Hilfe?
Immer, wenn das Auge schmerzt, gerötet und lichtempfindlich ist. Das kann eine Regenbogenhautentzündung sein, die rasch augenärztlich behandelt werden sollte.
Quellen
- Deutsche Rheuma-Liga · Morbus Bechterew (fachliche Beratung Prof. Dr. Martin Rudwaleit)
- Deutsche Vereinigung Morbus Bechterew (DVMB) · Therapie bei Morbus Bechterew
- Deutsche Vereinigung Morbus Bechterew (DVMB) · Diagnose Morbus Bechterew
Dieser Ratgeber dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Diagnose und Behandlung hängen von Ihrer Untersuchung und Vorgeschichte ab. Im Notfall wählen Sie den Notruf 112.
