Was sind myofunktionelle Störungen?
Der Begriff „myofunktionell“ setzt sich aus „Myo“ (Muskel) und „Funktion“ zusammen. Gemeint ist das Zusammenspiel der Muskeln von Zunge, Lippen, Wangen, Kiefer und Gaumen beim Atmen, Kauen, Schlucken und Sprechen. Normalerweise liegt die Zunge in Ruhe am vorderen Gaumen hinter den oberen Schneidezähnen, die Lippen sind locker geschlossen und es wird durch die Nase geatmet.
Bei einer myofunktionellen Störung ist dieses Gleichgewicht verschoben. Die Zunge liegt zu tief oder zu weit vorn, die Lippen sind schwach oder offen, und beim Schlucken presst die Zunge gegen oder zwischen die Zähne. Da wir täglich mehr als tausendmal schlucken, wirken diese Kräfte dauerhaft auf Zähne und Kiefer.
Woran man eine myofunktionelle Störung erkennt
- Offene Mundhaltung in Ruhe und beim Fernsehen oder Lesen.
- Mundatmung, oft mit Schnarchen in der Nacht.
- Zunge sichtbar zwischen den Zähnen beim Sprechen oder Schlucken.
- Lispeln, besonders bei S-, Z- und Sch-Lauten.
- Schmatzendes oder geräuschvolles Essen, Mitbewegungen der Gesichtsmuskulatur beim Schlucken.
- Zahnfehlstellungen wie offener Biss oder vorstehende Schneidezähne.
- Langes Daumenlutschen oder Schnullergebrauch.
Ursachen
Häufige Ursachen sind lang anhaltende Lutschgewohnheiten mit Daumen, Schnuller oder Flasche, eine behinderte Nasenatmung etwa durch vergrößerte Rachenmandeln, Allergien oder eine schiefe Nasenscheidewand, ein schwacher Muskeltonus und ein verkürztes Zungenbändchen, das die Zunge daran hindert, sich zum Gaumen zu heben. Auch eine weiche Ernährung mit wenig Kauarbeit kann eine Rolle spielen.
Welche Folgen kann eine Störung haben?
- Zähne und Kiefer: Die Zunge drückt die Zähne nach vorn oder verhindert, dass sich der Biss schließt.
- Kieferorthopädie: Ohne Umstellung der Muskelfunktion kehren Zahnfehlstellungen nach der Behandlung häufig zurück.
- Aussprache: Lispeln und undeutliche Laute.
- Atmung: Mundatmung trocknet die Schleimhäute aus und begünstigt Infekte und Schnarchen.
- Schlaf: Bei Erwachsenen kann eine schlaffe Mund- und Rachenmuskulatur zum Schnarchen beitragen.
Wie läuft eine myofunktionelle Therapie ab?
Am Anfang steht eine logopädische Befunderhebung: Ruhelage von Zunge und Lippen, Schluckmuster, Aussprache, Atmung, Kau- und Gesichtsmuskulatur. Danach werden die Ziele festgelegt. In den Therapiesitzungen lernt das Kind oder der Erwachsene zunächst, die Zunge und Lippen bewusst wahrzunehmen. Anschließend werden die Muskeln gezielt gekräftigt und das richtige Schluckmuster eingeübt, bis es im Alltag automatisch abläuft.
Die Therapie umfasst meist eine Serie von wöchentlichen Sitzungen und tägliche Übungen zu Hause. Der Erfolg hängt stark davon ab, wie regelmäßig geübt wird. Bei Kindern werden die Eltern eng einbezogen.
Beispiele für Übungen
- Zungenruhelage: Die Zungenspitze an den „Punkt“ am vorderen Gaumen hinter den oberen Schneidezähnen legen und dort halten.
- Saugen: Die ganze Zunge an den Gaumen saugen und mit einem Schnalzen lösen.
- Lippenschluss: Einen Knopf an einer Schnur zwischen den Lippen halten, während jemand leicht daran zieht.
- Richtig schlucken: Einen Schluck Wasser nehmen, Zungenspitze an den Gaumen, Zähne zusammen, schlucken, ohne dass die Lippen mitpressen.
- Nasenatmung: Mit geschlossenem Mund ruhig durch die Nase atmen, zum Beispiel beim Lesen.
- Die Übungen werden individuell ausgewählt und von der Logopädin angeleitet; ohne Anleitung werden sie leicht falsch ausgeführt.
Myofunktionelle Therapie für Erwachsene
Auch Erwachsene profitieren von myofunktionellen Übungen, etwa begleitend zu einer kieferorthopädischen Behandlung, bei Kiefergelenkbeschwerden oder bei Schnarchen. Eine Meta-Analyse in der Fachzeitschrift Sleep fand, dass myofunktionelle Übungen bei Erwachsenen mit obstruktiver Schlafapnoe die Zahl der Atemaussetzer um etwa die Hälfte senkten und Schnarchen sowie Tagesmüdigkeit verringerten. Sie ersetzen bei mittlerer bis schwerer Schlafapnoe aber nicht die etablierten Behandlungen, sondern können sie ergänzen. Mehr zum Thema finden Sie unter Schnarchen.
Zusammenarbeit mit Zahnmedizin und HNO
Myofunktionelle Störungen betreffen mehrere Fachgebiete. Kieferorthopädinnen erkennen sie oft als Erste und verordnen die Therapie vor, während oder nach der Behandlung mit einer Zahnspange. Bei behinderter Nasenatmung untersucht die Hals-Nasen-Ohren-Ärztin, ob vergrößerte Mandeln, Polypen oder Allergien die Ursache sind. Ein verkürztes Zungenbändchen wird gegebenenfalls zahnärztlich oder chirurgisch gelöst; die Übungen helfen danach, die neue Beweglichkeit zu nutzen.
Wer führt die Therapie durch?
In Deutschland gehört die myofunktionelle Therapie zu den Heilmitteln der Sprach-, Sprech- und Stimmtherapie. Sie wird von Logopädinnen und Logopäden durchgeführt und kann von Ärztinnen, Ärzten, Zahnärztinnen oder Kieferorthopäden verordnet werden. Die Kosten übernimmt bei Verordnung in der Regel die gesetzliche Krankenkasse; bei Erwachsenen fallen die üblichen Zuzahlungen an.
Das Wichtigste in Kürze
- Myofunktionelle Störungen betreffen das Zusammenspiel von Zunge, Lippen und Gesichtsmuskeln.
- Typisch sind Mundatmung, falsches Schlucken und eine vorverlagerte Zunge.
- Sie können Zahnstellung, Aussprache und Atmung beeinflussen.
- Die Therapie trainiert Ruhelage, Schluckmuster und Nasenatmung mit täglichen Übungen.
- Auch Erwachsene, etwa mit Schnarchen, können davon profitieren.
Häufige Fragen zur myofunktionellen Therapie
Diese Antworten sind allgemeine Informationen und ersetzen weder eine Untersuchung noch eine individuelle ärztliche Beratung.
Ab welchem Alter ist eine myofunktionelle Therapie sinnvoll?
Meist ab etwa fünf bis sechs Jahren, wenn Kinder die Übungen verstehen und selbstständig mitmachen können. Bei jüngeren Kindern stehen oft Gewohnheiten wie Schnuller im Vordergrund.
Wie lange dauert eine myofunktionelle Therapie?
Das hängt vom Befund ab. Häufig sind es einige Monate mit wöchentlichen Sitzungen und täglichen Übungen.
Was ist Zungenpressen?
Ein Schluckmuster, bei dem die Zunge beim Schlucken gegen oder zwischen die Zähne drückt, statt sich an den Gaumen zu legen.
Hilft myofunktionelle Therapie gegen Schnarchen?
Studien zeigen, dass gezielte Übungen Schnarchen und leichte bis mittlere Schlafapnoe bei Erwachsenen verringern können.
Übernimmt die Krankenkasse die Kosten?
Bei ärztlicher oder zahnärztlicher Verordnung in der Regel ja, als logopädisches Heilmittel.
Kann ich die Übungen allein machen?
Die Übungen sollten von einer Logopädin angeleitet werden. Zu Hause wird dann täglich selbstständig weitergeübt.
Quellen
- gesund.bund.de (Bundesministerium für Gesundheit) · Logopädie
- Camacho M, et al. Myofunctional therapy to treat obstructive sleep apnea: a systematic review and meta-analysis. Sleep. 2015
Dieser Ratgeber dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Diagnose und Behandlung hängen von Ihrer Untersuchung und Vorgeschichte ab. Im Notfall wählen Sie den Notruf 112.