Was ist eine Dysthymie?
Die Stiftung Gesundheitswissen beschreibt die Dysthymie als chronische Verstimmung, die der Depression sehr ähnlich ist. Betroffene fühlen sich fast immer müde und niedergeschlagen und empfinden wenig Freude. Das IQWiG spricht von einer chronisch depressiven Verstimmung: Menschen fühlen sich bedrückt, innerlich unruhig, unzufrieden und melancholisch.
Im Vergleich zu einer typischen Depression sind die Beschwerden etwas weniger stark ausgeprägt. Betroffene sind in ihrem täglichen Leben nicht so stark beeinträchtigt wie bei einer unipolaren Depression und können ihren Alltag meist bewältigen. Daraus folgt aber nicht, dass eine Dysthymie harmlos wäre: Beide Quellen betonen, dass sie wegen ihrer Dauer genauso belastend sein kann, weil die Beschwerden andauernd vorhanden sind.
Wie häufig sind solche Verstimmungen? Nach dem IQWiG erkranken schätzungsweise 16 bis 20 von 100 Menschen irgendwann im Leben mindestens einmal an einer Depression oder einer chronisch depressiven Verstimmung, viele bereits vor dem 30. Lebensjahr. Frauen sind häufiger betroffen als Männer.
Wie äußert sich eine Dysthymie?
Die Stiftung Gesundheitswissen nennt typische Merkmale, die sich über lange Zeit durch den Alltag ziehen:
- fast ständige Müdigkeit und Niedergeschlagenheit
- wenig Freude an Dingen, die früher Freude gemacht haben
- viel Grübeln und häufiges Klagen
- schlechter Schlaf
- das Gefühl, wertlos zu sein
Das IQWiG ergänzt innere Unruhe, Unzufriedenheit und eine melancholische Grundstimmung. Typisch ist außerdem, dass die Beschwerden von Tag zu Tag und von Woche zu Woche schwanken. Es gibt also bessere und schlechtere Phasen, ohne dass die Verstimmung über längere Zeit ganz verschwindet.
Weil der Zustand so lange anhält, halten manche Betroffene ihn für einen Teil ihrer Persönlichkeit. Dass jemand weiter arbeitet, den Haushalt führt und Termine einhält, schließt eine Dysthymie nicht aus. Ein erhaltenes Funktionieren im Alltag bedeutet nicht, dass kein Leidensdruck besteht.
Dysthymie und Depression: Wo liegt der Unterschied?
Bei einer unipolaren Depression, der häufigsten Form, bestehen nach beiden Quellen über mindestens zwei Wochen mehrere typische Anzeichen: gedrückte Stimmung und Niedergeschlagenheit, Interessen- und Freudlosigkeit sowie Antriebsminderung und Erschöpfung. Hinzukommen können Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme oder Appetitlosigkeit. Je nach Zahl und Stärke der Symptome unterscheidet man leichte, mittlere und schwere Depressionen.
Die unipolare Depression verläuft in der Regel in Episoden. Ohne Behandlung dauert eine depressive Episode nach der Stiftung Gesundheitswissen schätzungsweise sechs bis acht Monate; eine Behandlung kann sie verkürzen. Die Dysthymie dagegen ist eine dauerhafte, etwas schwächer ausgeprägte Verstimmung, von der man nach der Stiftung erst spricht, wenn sie mindestens zwei Jahre anhält.
Ist eine Dysthymie also „schlimmer“ oder „leichter“ als eine Depression? Die Antwort hängt davon ab, was man vergleicht: Die einzelnen Beschwerden sind meist weniger stark, die Belastung durch die Dauer kann aber ebenso groß sein. Eine Dysthymie ist deshalb keine „leichte Depression“, die man nicht ernst nehmen müsste.
Chronische Depression, persistierende depressive Störung und Double Depression
Rund um die Dysthymie werden mehrere Begriffe verwendet, die nicht ganz deckungsgleich sind. Das IQWiG beschreibt eine chronische Depression so: Depressive Beschwerden bleiben länger als zwei Jahre bestehen, und die Symptome können dauerhaft so stark sein wie in einer depressiven Episode. Das ist besonders belastend, weil es keine Phasen gibt, in denen die Beschwerden abklingen. Eine chronische Depression wird auch „persistierende depressive Störung“ genannt.
Die Dysthymie beschreibt das IQWiG daneben als leichter ausgeprägte, aber ebenfalls lang andauernde Verstimmung. Je nach Klassifikationssystem werden diese Formen unterschiedlich zugeordnet und benannt. Welche Bezeichnung im Einzelfall passt, klärt die Fachperson bei der Diagnose; für Betroffene ist wichtiger, dass die Beschwerden ernst genommen werden.
Tritt während einer Dysthymie zusätzlich eine depressive Episode auf, sprechen Fachleute von einer „Double Depression“, also einer doppelten Depression. Darauf weisen beide Quellen hin. Wer eine Dysthymie hat und merkt, dass sich die Stimmung deutlich weiter verschlechtert, sollte das deshalb nicht als „normalen schlechten Abschnitt“ abtun.
Was trägt zur Entstehung bei?
Wie Depressionen entstehen, ist nach dem IQWiG bisher nicht genau bekannt. Man geht davon aus, dass biologische Vorgänge, psychische und soziale Faktoren, die persönliche Situation und besondere Lebensereignisse zusammenwirken. Zur Entstehung beitragen und den Verlauf beeinflussen können zum Beispiel:
- eine erbliche Veranlagung, erkennbar an Erkrankungen in der Familie
- belastende Erlebnisse wie Missbrauch oder Vernachlässigung, eine Trennung oder der Tod eines geliebten Menschen
- andere psychische Erkrankungen wie Angststörungen, Suchterkrankungen oder Persönlichkeitsstörungen
- körperliche Erkrankungen, etwa eine Schilddrüsenunterfunktion, ein Schlaganfall oder ein Herzinfarkt
- belastende Lebensumstände wie anhaltender Stress, Einsamkeit oder geringes Einkommen
Depressionen können durch ein belastendes Ereignis ausgelöst werden, aber auch ohne erkennbaren Grund auftreten. Eine einzelne, sicher nachgewiesene Ursache gibt es nicht; Schuld an der Erkrankung trägt niemand.
Wie wird eine Dysthymie festgestellt?
Erste Anlaufstelle kann nach der Stiftung Gesundheitswissen die Hausarztpraxis sein. Sie hilft festzustellen, ob es sich um eine depressive Erkrankung handelt, und schlägt eine passende Behandlung oder Unterstützung vor. Auch Beratungsstellen, Freunde und Familie können weiterhelfen.
Nach dem IQWiG gehen ärztliche oder psychologische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in zwei Schritten vor: Sie fragen nach Beschwerden, die auf eine Depression hinweisen, und versuchen, andere Erkrankungen oder Probleme mit ähnlichen Beschwerden auszuschließen. Dafür können körperliche Untersuchungen nötig sein, denn auch körperliche Erkrankungen wie eine Schilddrüsenunterfunktion können eine Rolle spielen.
Fachleute unterscheiden je nach Anzahl, Art, Dauer und Stärke der Symptome zwischen leichten, mittelschweren und schweren Depressionen sowie zwischen chronischen Formen und einer depressiven Episode. Sie fragen auch nach weiteren Erkrankungen und danach, wie sich die Beschwerden auf das Alltagsleben auswirken, weil beides die Wahl der Behandlung beeinflusst. Die Abgrenzung zur bipolaren Störung ist wichtig, denn sie ist eine eigene Erkrankung mit anderer Behandlung.
Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?
Bei Depressionen sind nach dem IQWiG Psychotherapie und Behandlung mit Medikamenten die wichtigsten Möglichkeiten, einzeln oder kombiniert. Daneben gibt es Beratungsangebote, Selbsthilfegruppen, Psychoedukation, Onlineprogramme, Neurostimulation und Bewegungstherapien. Die Behandlung kann ambulant oder in einer Klinik stattfinden.
Welche Therapie passt, wo sie stattfindet und wie lange sie dauert, hängt unter anderem davon ab,
- wie schwer die Erkrankung ist und welche Form der Depression vorliegt,
- welche Beschwerden und weiteren Erkrankungen bestehen,
- wie sich die Erkrankung auf die Lebenssituation auswirkt und
- wie sich die Beschwerden entwickeln.
Mit der Therapeutin oder dem Therapeuten lassen sich Vor- und Nachteile der Behandlungen besprechen, ebenso Erwartungen und Befürchtungen. Medikamente verordnet eine Ärztin oder ein Arzt; setzen Sie verordnete Mittel nicht eigenmächtig ab. Die Unterstützung durch nahestehende Menschen ist nach dem IQWiG sehr wichtig. In unserer Praxis in Bilbao bieten wir für Erwachsene psychologische Beratung und Psychotherapie an, in der wir anhaltende Niedergeschlagenheit gemeinsam einordnen; eine ärztliche oder psychiatrische Behandlung ersetzt das nicht (die Beratung findet auf Spanisch statt).
Das erste Gespräch vorbereiten: eine einfache Vorlage
Wer seit Jahren gedrückt ist, kann im Gespräch oft schwer sagen, „wie es eigentlich ist“. Eine kurze Übersicht hilft, den Verlauf zu erzählen. Sie dient nicht dazu, sich selbst zu bewerten oder eine Diagnose zu stellen, sondern nur dazu, nichts Wichtiges zu vergessen. Notieren Sie stichpunktartig:
- Grundstimmung: Seit wann fühlen Sie sich überwiegend gedrückt, müde oder freudlos? Gab es Zeiten, in denen es länger gut ging?
- Stärkere Phasen: Gab es Wochen, in denen alles deutlich schlimmer war als sonst, etwa mit kaum Antrieb oder Gedanken an den Tod?
- Alltag: Was gelingt noch, was kostet viel Kraft? Arbeit, Haushalt, Kontakte, Hobbys.
- Schlaf und Körper: Ein- und Durchschlafen, Appetit, Gewicht, Erschöpfung, körperliche Erkrankungen.
- Medikamente und Veränderungen: Welche Medikamente nehmen Sie, was hat sich in letzter Zeit geändert?
- Belastungen und Familie: Wichtige Ereignisse, Stress, ähnliche Erkrankungen bei Angehörigen.
Es kann helfen, eine vertraute Person mitzunehmen. Das IQWiG weist darauf hin, dass Nahestehende bei einem ersten Gespräch dabei sein und Betroffene unterstützen können, wenn die Kraft fehlt, selbst Hilfe zu suchen.
Wo sich die Quellen unterscheiden
Beide Quellen sind sich einig, dass die Dysthymie eine lang anhaltende, etwas schwächer ausgeprägte depressive Verstimmung ist, die durch ihre Dauer genauso belastend sein kann wie eine Depression, und dass eine zusätzliche depressive Episode als „Double Depression“ bezeichnet wird.
Unterschiede gibt es in der Einordnung. Die Stiftung Gesundheitswissen nennt die Mindestdauer von zwei Jahren ausdrücklich für die Dysthymie. Das IQWiG verbindet die Grenze von mehr als zwei Jahren mit der chronischen Depression, die es mit der „persistierenden depressiven Störung“ gleichsetzt, und beschreibt die Dysthymie daneben als leichtere, schwankende Form. Bei der Stiftung stehen das Grübeln, Klagen und das Gefühl der Wertlosigkeit im Vordergrund, beim IQWiG Unruhe, Unzufriedenheit und die wechselnde Stärke der Beschwerden.
Für Betroffene ändern diese Unterschiede wenig: Die genaue Bezeichnung legt die Fachperson fest. Wichtig ist, mit dem Hilfesuchen nicht zu warten, bis eine bestimmte Frist erreicht ist.
Zusammenfassung
Eine Dysthymie ist eine chronisch depressive Verstimmung mit Müdigkeit, Niedergeschlagenheit und wenig Freude, die über Jahre anhält. Die Beschwerden sind etwas schwächer als bei einer typischen Depression, können aber wegen ihrer Dauer genauso belastend sein. Kommt eine depressive Episode hinzu, spricht man von Double Depression.
Erste Anlaufstelle kann die Hausarztpraxis sein; Fachleute fragen nach Beschwerden, schließen andere Ursachen aus und berücksichtigen die Auswirkungen auf den Alltag. Die wichtigsten Behandlungen bei Depressionen sind Psychotherapie und Medikamente, einzeln oder kombiniert, ergänzt durch weitere Angebote. Wer sich lange gedrückt fühlt, muss keine zwei Jahre abwarten, bevor er Hilfe sucht.
Häufige Fragen zur Dysthymie
Diese Antworten sind allgemeine Informationen und ersetzen weder eine Untersuchung noch eine individuelle ärztliche Beratung.
Ist Dysthymie schlimmer als Depression?
Die einzelnen Beschwerden sind meist etwas weniger stark als bei einer typischen Depression. Weil sie aber über Jahre andauern, kann eine Dysthymie nach IQWiG und Stiftung Gesundheitswissen genauso belastend sein.
Ist Dysthymie dasselbe wie eine persistierende depressive Störung?
Nicht ganz. Das IQWiG nennt die chronische Depression auch persistierende depressive Störung und beschreibt die Dysthymie daneben als leichter ausgeprägte, lang anhaltende Verstimmung. Die Einordnung unterscheidet sich je nach Klassifikationssystem.
Muss ich zwei Jahre warten, bevor ich Hilfe suche?
Nein. Die Zwei-Jahres-Grenze dient der Einordnung durch Fachleute. Anhaltende Niedergeschlagenheit können Sie jederzeit in der Hausarztpraxis oder psychotherapeutisch abklären lassen.
Was bedeutet Double Depression?
So bezeichnen Fachleute eine depressive Episode, die zusätzlich zu einer bestehenden Dysthymie auftritt. Eine deutliche Verschlechterung der Stimmung sollte deshalb ernst genommen werden.
Kann man trotz Dysthymie arbeiten?
Viele Betroffene bewältigen ihren Alltag einschließlich der Arbeit. Das bedeutet aber nicht, dass sie nicht leiden: Die dauerhafte Verstimmung kostet Kraft und verdient Behandlung.
Was sind die Auslöser einer Dysthymie?
Eine einzelne Ursache ist nicht bekannt. Nach dem IQWiG wirken bei Depressionen biologische, psychische und soziale Faktoren zusammen, etwa erbliche Veranlagung, belastende Erlebnisse, körperliche Erkrankungen oder anhaltender Stress.
Quellen
- Stiftung Gesundheitswissen: Formen der Depression
- gesundheitsinformation.de (IQWiG) · Formen der Depression
- gesundheitsinformation.de (IQWiG) · Depression
Dieser Ratgeber dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Diagnose und Behandlung hängen von Ihrer Untersuchung und Vorgeschichte ab. Im Notfall wählen Sie den Notruf 112.
