Was ist ADHS bei Kindern?
ADHS ist nach dem IQWiG eine psychische Erkrankung, von der man spricht, wenn ein Kind besonders unaufmerksam, impulsiv oder „hyperaktiv“ ist. Unaufmerksam heißt, dass es sich schlecht konzentrieren kann und leicht ablenken lässt. Impulsiv bedeutet, dass es sich für sein Alter sehr unbedacht, leichtfertig, ungeduldig oder unachtsam verhält. Hyperaktiv nennt man ein Kind, das rastlos oder sehr unruhig ist.
ADHS beginnt in der Kindheit und bleibt oft bis ins Erwachsenenalter bestehen, meist in abgeschwächter Form. Etwa 50 bis 80 von 100 Erwachsenen, die als Kind ADHS hatten, haben zumindest teilweise noch Symptome. Mehr dazu im Ratgeber ADHS bei Erwachsenen.
Was ist typisch für ADHS-Kinder?
Unaufmerksamkeit, Impulsivität und viel Bewegungsdrang sind bei Kindern grundsätzlich nicht ungewöhnlich. Bei ADHS unterscheidet sich das Ausmaß nach dem IQWiG aber deutlich vom Verhalten Gleichaltriger. Beispiele:
- Unaufmerksamkeit: hört in der Schule oft nicht zu, lässt sich leicht ablenken, macht viele Flüchtigkeitsfehler, vergisst oder verliert häufig Dinge.
- Impulsivität: kann kaum abwarten, bis es an der Reihe ist, drängelt sich vor, stört und unterbricht andere.
- Hyperaktivität: rutscht ständig auf dem Stuhl herum, tut sich schwer, leise zu sein, läuft viel umher oder klettert auf Möbel.
In Situationen mit vielen Eindrücken, etwa bei Familienfeiern oder auf Reisen, kann sich das Verhalten verstärken. Manche Kinder haben außerdem Ängste, Depressionen, Tics oder Schwierigkeiten beim Sprechen, Lesen oder Schreiben.
Ist jedes lebhafte Kind betroffen? Können ruhige Kinder ADHS haben?
Nicht jedes lebhafte Kind hat ADHS. Erst wenn Kinder im Vergleich mit Gleichaltrigen deutlich unaufmerksamer, impulsiver und aktiver sind, deutet das nach gesund.bund.de auf eine mögliche ADHS hin. Die Zahl der Diagnosen ist gestiegen, und Kritiker befürchten, dass manche Kinder, die einfach unruhig, aber gesund sind, fälschlich die Diagnose erhalten. Umgekehrt gibt es nach dem IQWiG Kinder mit ADHS, die nie eine Diagnose bekommen und dadurch keine Hilfe erhalten.
Ja, auch ruhige Kinder können betroffen sein. Bei manchen steht die Unaufmerksamkeit im Vordergrund; sie werden eher als Tagträumer wahrgenommen. Sind Kinder sehr unaufmerksam, aber nicht hyperaktiv, spricht man auch vom Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS).
Woher kommt ADHS?
Die Ursachen sind nach dem IQWiG nicht abschließend geklärt; vermutlich gibt es nicht die eine Ursache. Eine wichtige Rolle spielt die genetische Veranlagung, und es gibt biologische Veränderungen im Gehirn. Als mögliche Risikofaktoren werden Rauchen, Alkohol oder Drogen in der Schwangerschaft, eine Präeklampsie, ein sehr niedriges Geburtsgewicht oder Probleme bei der Geburt diskutiert. Vermutlich wirken Veranlagung und äußere Einflüsse zusammen.
Ernährung spielt nach beiden Quellen, wenn überhaupt, nur eine geringe Rolle; bei Verdacht kann man ausprobieren, ob eine Umstellung etwas bringt. Schuldzuweisungen an Eltern oder Kind helfen nicht weiter. Wichtig ist nach beiden Quellen: Das Verhalten des Kindes ist keine Absicht.
Wie wird ADHS festgestellt? Reicht ein einzelner Test?
Die Diagnose sollten nach beiden Quellen Fachleute stellen, die sich mit ADHS gut auskennen: Fachärztinnen und Fachärzte für Kinder- und Jugendmedizin oder Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Kinder- und Jugendpsychotherapeutinnen und -therapeuten. Ein einzelner Test reicht nicht. Dazu gehören:
- ein ausführliches Gespräch mit Eltern und Kind
- eine körperliche Untersuchung, um andere Ursachen wie Schlafstörungen, Sehfehler, Schwerhörigkeit oder eine Schilddrüsenüberfunktion auszuschließen
- psychologische Tests und Fragebögen nach festgelegten Vorgaben
- möglichst Angaben von Lehrkräften oder Erzieherinnen und Erziehern, die das Verhalten in Kita oder Schule kennen
Fachleute fragen zum Beispiel, wie lange das Verhalten schon besteht und ob die Schulleistungen leiden oder das Kind deshalb keine Freunde findet. Andere psychische Erkrankungen werden ausgeschlossen und mögliche Begleiterkrankungen erkannt.
Welche Beobachtungen sind hilfreich, und wie teilt man sie?
Für die Abklärung sind Beobachtungen aus verschiedenen Lebensbereichen wertvoll. Hilfreich ist eine kurze, sachliche Sammlung:
- Was: konkrete Situationen statt Etiketten, etwa „steht im Stuhlkreis nach wenigen Minuten auf“ statt „ist schwierig“.
- Wo und wann: zu Hause, in Kita oder Schule, in der Freizeit; morgens, nachmittags, in vollen oder ruhigen Situationen.
- Seit wann: wie lange das Verhalten schon besteht und ob es sich verändert hat.
- Folgen: Lernen, Freundschaften, Stimmung des Kindes, Belastung der Familie.
- Stärken: was gut gelingt und was hilft.
Beim Austausch zwischen Familie, Schule und Fachleuten gilt: Teilen Sie nur, was für die jeweilige Aufgabe nötig ist, und nur mit Einverständnis der Eltern und, altersgerecht, des Kindes. Vollständige Befundberichte müssen nicht an die Schule weitergegeben werden; oft genügen konkrete Absprachen, etwa zum Sitzplatz oder zu Pausen.
Was brauchen ADHS-Kinder? Müssen alle Medikamente nehmen?
Vor jeder Behandlung steht nach dem IQWiG eine Beratung darüber, was ADHS ist und wie man damit umgeht. Ob und wie behandelt wird, hängt davon ab, wie belastend das Verhalten für Kind und Eltern ist und ob etwa die schulische Entwicklung leidet. Vielleicht zeigt sich auch, dass kaum Behandlungsbedarf besteht.
- Leichte ADHS: Möglicherweise reicht eine Elternschulung, angeleitet oder mit Material zur Selbsthilfe.
- Mittelschwere bis schwere ADHS: Maßnahmen in der Schule, Familien- oder Verhaltenstherapie.
- Medikamente: Sie können Symptome lindern. Die Entscheidung hängt vom Alter, der Ausprägung, bisherigen Maßnahmen und der Abwägung von Vor- und Nachteilen durch Eltern und Kind ab.
- Klinik: Eine stationäre oder teilstationäre Behandlung kann sinnvoll sein, wenn ein Kind den Alltag kaum noch bewältigt.
Nicht jedes Kind mit ADHS braucht also Medikamente. Gute Schlafgewohnheiten können nach dem IQWiG ebenfalls helfen.
Was hilft im Familienalltag? Was darf man mit ADHS nicht machen?
Ein Kind mit ADHS großzuziehen, kann sehr anstrengend sein, und auch Geschwister fühlen sich oft vernachlässigt. Viele Eltern entwickeln nach beiden Quellen mit der Zeit Strategien. Hilfreich sind meist klare Regeln und feste Routinen. Der Austausch mit anderen Familien in Selbsthilfegruppen wird oft als entlastend erlebt. Bei großer Belastung kann eine Mutter- oder Vater-Kind-Kur sinnvoll sein.
Was sollte man vermeiden? Die Quellen geben keine Verbotsliste. Wichtig ist, sich klarzumachen, dass das Verhalten keine Absicht ist; das Kind leidet selbst unter den Folgen. Vorwürfe an das Kind oder an sich selbst helfen nicht weiter. Und: Warten Sie mit dem Wunsch nach Unterstützung nicht, bis eine Diagnose feststeht, wenn die Belastung schon groß ist.
Was passiert, wenn ADHS nicht behandelt wird? Kinder und Jugendliche mit ADHS haben nach dem IQWiG häufiger Unfälle, Probleme in der Schule und Konflikte mit Gleichaltrigen; Jugendliche konsumieren häufiger Suchtmittel. Bleibt eine ADHS unerkannt, erhalten Kinder unter Umständen keine Behandlung, obwohl sie ihnen helfen könnte.
Wo sich die Quellen unterscheiden
Gemeinsamer Ursprung: gesund.bund.de entstand in Zusammenarbeit mit dem IQWiG; beide Texte sind daher nicht unabhängig und stimmen weitgehend überein. Das IQWiG ist ausführlicher zu Diagnose, Behandlungsstufen und Folgen.
Diagnosen: Beide weisen auf mögliche Fehldiagnosen hin; das IQWiG betont zusätzlich, dass manche Kinder mit ADHS nie eine Diagnose bekommen.
Medikamente: Das IQWiG nennt die eingesetzten Wirkstoffe; dieser Ratgeber nennt keine Präparate, weil die Wahl ärztlich getroffen wird.
Aktualität: Die IQWiG-Seite wurde am 04.05.2022 aktualisiert, gesund.bund.de hat den Stand 21.10.2022. Die zugrunde liegende Leitlinie wird überarbeitet.
Zusammenfassung
- Kinder mit ADHS sind deutlich unaufmerksamer, impulsiver oder unruhiger als Gleichaltrige.
- Auch ruhige, verträumte Kinder können betroffen sein (ADS).
- Die Diagnose stellen erfahrene Fachleute nach Gespräch, Untersuchung, Tests und Angaben aus Kita oder Schule.
- Andere Ursachen wie Schlaf-, Seh- oder Hörprobleme müssen ausgeschlossen werden.
- Je nach Schwere helfen Elternschulung, Schulmaßnahmen, Therapie und Medikamente; nicht jedes Kind braucht Medikamente.
- Klare Regeln, Routinen, Austausch mit anderen Familien und das Wissen, dass das Verhalten keine Absicht ist, entlasten.
Häufige Fragen zu ADHS bei Kindern
Diese Antworten sind allgemeine Informationen und ersetzen weder eine Untersuchung noch eine individuelle ärztliche Beratung.
Was ist typisch für ADHS-Kinder?
Deutlich mehr Unaufmerksamkeit, Impulsivität oder Unruhe als bei Gleichaltrigen: leicht ablenkbar, vergesslich, kann schwer abwarten, unterbricht andere, rutscht ständig herum. Manche Kinder sind vor allem verträumt und unaufmerksam.
Was brauchen ADHS-Kinder in der Erziehung?
Klare Regeln, feste Routinen, Verständnis dafür, dass das Verhalten keine Absicht ist, und bei Bedarf eine Elternschulung. Der Austausch mit anderen Familien kann entlasten.
Was darf man mit ADHS nicht machen?
Eine Verbotsliste gibt es nicht. Wichtig ist, das Kind nicht für sein Verhalten zu beschuldigen, keine Diagnose ohne Fachleute zu stellen und Unterstützung nicht aufzuschieben, wenn die Belastung groß ist.
Was passiert, wenn ADHS bei Kindern nicht behandelt wird?
Kinder und Jugendliche mit ADHS haben häufiger Unfälle, Schulprobleme und Konflikte; Jugendliche konsumieren häufiger Suchtmittel. Ohne Diagnose fehlt unter Umständen eine Behandlung, die helfen könnte.
Reicht ein einzelner Test?
Nein. Zur Diagnose gehören ein ausführliches Gespräch, eine körperliche Untersuchung, standardisierte Tests und Fragebögen sowie möglichst Angaben aus Kita oder Schule.
Müssen alle Medikamente nehmen?
Nein. Bei leichter ADHS reicht oft eine Elternschulung. Medikamente kommen je nach Ausprägung, Alter und bisherigen Maßnahmen infrage; Eltern und Kind wägen Vor- und Nachteile mit der Ärztin oder dem Arzt ab.
Quellen
- gesundheitsinformation.de (IQWiG) · Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS)
- gesund.bund.de (Bundesministerium für Gesundheit) · ADHS: Symptome, Ursachen und Behandlung
Dieser Ratgeber dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Diagnose und Behandlung hängen von Ihrer Untersuchung und Vorgeschichte ab. Im Notfall wählen Sie den Notruf 112.
