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Autismus: Merkmale, Diagnose und Unterstützung

Autismus ist eine angeborene Entwicklungsbesonderheit des Gehirns, die Kommunikation und soziales Miteinander beeinflusst und mit wiederkehrenden Verhaltensmustern einhergeht. Fachleute sprechen heute meist von der Autismus-Spektrum-Störung, weil sich Autismus bei jedem Menschen anders zeigt: Manche leben ganz selbstständig, andere brauchen umfassende Unterstützung. Dieser Ratgeber erklärt nach gesund.bund.de und gesundheitsinformation.de (IQWiG), welche Merkmale typisch sind, was über Ursachen bekannt ist, wer Autismus diagnostizieren darf, warum Erwachsene oft spät eine Diagnose erhalten und welche Unterstützung Teilhabe und Lebensqualität fördert.

Thema
Logopädie
Aktualisiert
Lesezeit
7 Minuten
Geprüft von
Dr. Itziar Gotxi Erezuma · Fachärztin für HNO · Ärztekammer Bizkaia Nr. 484809757

Was ist Autismus, einfach erklärt?

Autismus entsteht durch eine Entwicklungsstörung im Gehirn und ist angeboren. Menschen mit Autismus nehmen die Welt auf ihre eigene Weise wahr. Es fällt ihnen oft schwerer, Gefühle und Bedürfnisse anderer zu deuten und eigene Gedanken und Gefühle auszudrücken. Dadurch ist es schwieriger, mit anderen in Beziehung zu treten. Mit passender Unterstützung können sie nach gesund.bund.de ein zufriedenes Leben führen und an der Gesellschaft teilhaben.

Früher wurden verschiedene Formen unterschieden: frühkindlicher Autismus, Asperger-Autismus und atypischer Autismus. Weil sie sich nicht klar voneinander abgrenzen lassen, spricht man zunehmend von der Autismus-Spektrum-Störung (ASS) oder kurz vom Autismus-Spektrum.

Etwa 1 von 100 Menschen in Deutschland ist autistisch. Bei Jungen und Männern wird Autismus doppelt so häufig festgestellt wie bei Mädchen und Frauen.

Soziales Miteinander, Kommunikation und Sprache

Wann und wie stark sich Merkmale zeigen, ist sehr unterschiedlich; manche fehlen auch ganz. Im sozialen Miteinander beschreibt gesund.bund.de zum Beispiel:

  • seltener Blickkontakt; manche wirken in sich gekehrt, andere sind sehr kontaktfreudig, verhalten sich dabei aber für andere mitunter ungewohnt
  • Mehrdeutigkeiten und Ironie werden schwerer erkannt, Kommunikation eher missverstanden
  • auf Gefühlsäußerungen des Gegenübers wird manchmal nicht eingegangen

Auch Sprache und Kommunikation unterscheiden sich: Manche lernen später sprechen oder sprechen nicht mit anderen, verwenden weniger Gesten oder sprechen mit monotonerer Sprachmelodie. Manche wiederholen bestimmte Wörter und Sätze oder sprechen nach, was andere sagen; andere sprechen sehr genau und ausgefeilt.

Wiederholungen, Routinen und Reizempfindlichkeit

Typisch sind Verhaltensweisen, die sich wiederholen, etwa mit den Armen zu wedeln oder Dinge stets auf eine bestimmte Art zu erledigen. Viele interessieren sich für wenige oder ungewöhnliche Themen, dafür sehr intensiv.

Flexibilität und Spontaneität fallen oft schwer; Routinen und verlässliche Abläufe sind sehr wichtig. Manche reagieren besonders empfindlich oder auch unempfindlich auf Reize wie Geräusche, Gerüche oder Berührungen.

Herausforderndes Verhalten wie Selbstverletzung, starke Wutausbrüche oder Aggression ist nach gesund.bund.de meist ein Zeichen dafür, dass jemand überfordert ist oder sich missverstanden fühlt.

Was ist typisch – und was sind autistische Züge?

Das Autismus-Spektrum ist vielfältig. Manche autistische Menschen sorgen gut für sich selbst, leben selbstständig, arbeiten und gründen Familien, brauchen aber in bestimmten Bereichen Unterstützung. Viele sind stärker beeinträchtigt und auf umfassende Hilfe angewiesen. Etwa die Hälfte hat nach gesund.bund.de eine intellektuelle Beeinträchtigung, die andere Hälfte ist normal bis sehr intelligent.

Zusätzlich können andere Beschwerden auftreten, zum Beispiel Schlafstörungen, Essstörungen, Angst- oder Zwangsstörungen, Tic-Störungen, ADHS, Epilepsie oder Depression.

Manchmal zeigen sich Auffälligkeiten schon mit 1 bis 2 Jahren, manche Menschen leben aber Jahrzehnte, ohne dass Autismus erkannt wird. Autismus bleibt in der Regel lebenslang, verläuft aber unterschiedlich: Häufig nehmen typische Merkmale im Lauf der Jahre ab oder verändern sich, und viele Kinder und Jugendliche lernen, besser zu kommunizieren. Einzelne Verhaltensweisen, die an Autismus erinnern, sind für sich genommen noch keine Diagnose – den Begriff „autistische Züge“ verwenden die Quellen nicht.

Ursachen und verbreitete Irrtümer

Die genauen Ursachen sind nicht geklärt. Bekannt sind Faktoren, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen:

  • eine starke genetische Veranlagung: Haben Eltern bereits ein autistisches Kind, liegt die Wahrscheinlichkeit für ein zweites im Durchschnitt bei 10 bis 20 %
  • ein höheres Alter von Mutter und Vater, vor allem weil genetische Veränderungen mit dem Alter häufiger werden
  • bestimmte Ereignisse in der Schwangerschaft, etwa eine Rötelninfektion, eine Frühgeburt oder bestimmte Medikamente gegen Epilepsie

Irrtümer: Autismus wird weder durch Impfungen noch durch die Erziehung der Eltern ausgelöst. Beides wird gelegentlich behauptet, ist nach gesund.bund.de aber wissenschaftlich widerlegt.

Dass heute mehr Diagnosen gestellt werden, erklärt gesundheitsinformation.de mit größerer Aufmerksamkeit und geänderten Kriterien; Autismus wird seltener übersehen, zugleich könnten Fehldiagnosen zugenommen haben. Ob Autismus häufiger vorkommt als früher, ist unklar.

Wer stellt die Diagnose, und wie läuft sie ab?

Diagnostizieren dürfen nach gesundheitsinformation.de nur Fachärztinnen und Fachärzte für (Kinder- und Jugend-)Psychiatrie und Psychotherapie, Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutinnen und -therapeuten, psychologische Psychotherapeutinnen und -therapeuten sowie speziell qualifizierte Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte. Erste Anlaufstelle ist die Kinder- und Jugendarztpraxis oder die Hausarztpraxis.

Die Diagnostik ist umfassend und braucht mehrere Termine. Bei Kindern gehören dazu Gespräche mit Kind und Eltern, Fragebögen, Verhaltensbeobachtung, Entwicklungstests zu Intelligenz und Sprache sowie medizinische Untersuchungen wie Hör- und Sehtests. Eine Diagnose kann ab dem zweiten Lebensjahr möglich sein; oft wird die Entwicklung erst eine Zeit lang beobachtet.

Erwachsene und Masking: Bei Erwachsenen ist die Diagnostik ähnlich umfangreich, aber oft schwieriger, weil die Merkmale unauffälliger sind. Viele haben gelernt, sie bewusst oder unbewusst zu überspielen, um nicht aufzufallen – das nennt man Masking. Es kann dazu führen, dass Menschen erst spät Hilfe suchen; Frauen werden häufiger spät erkannt. Wartezeiten auf spezialisierte Termine betragen teilweise mehr als ein Jahr.

Was sonst hinter ähnlichen Auffälligkeiten stecken kann

Autismus-ähnliche Verhaltensweisen haben nicht immer mit Autismus zu tun. gesundheitsinformation.de nennt zum Beispiel:

  • umschriebene Entwicklungsstörungen, etwa wenn ein Kind spät sprechen lernt
  • traumatische Erlebnisse, nach denen sich ein Kind stark zurückzieht
  • Reaktionen auf belastende Umstände wie eine Trennung oder Überforderung
  • übermäßigen Medienkonsum und soziale Isolation
  • psychische Erkrankungen wie Zwangs-, Angst- oder Bindungsstörungen, Depressionen oder ADHS; bei Erwachsenen auch Persönlichkeitsstörungen

Außerdem entwickeln sich Kinder unterschiedlich schnell. Deshalb wird gründlich untersucht – Ziel ist, weder eine Fehldiagnose zu stellen noch Autismus zu übersehen. Online-Selbsttests ersetzen diese Untersuchung nicht. Mehr zu ADHS im Erwachsenenalter lesen Sie im Ratgeber ADHS bei Erwachsenen.

Welche Unterstützung hilft?

Autismus selbst ist mit Medikamenten weder behandelbar noch heilbar. Ziel von Therapie und Unterstützung ist nach gesund.bund.de, die Lebensqualität zu verbessern, die Teilhabe an der Gesellschaft zu fördern und Selbstständigkeit und Unabhängigkeit zu stärken. Wie gut das gelingt, hängt von der individuellen Ausprägung, vom Beginn und vom Umfang der Unterstützung ab.

  • Verhaltenstherapie, einschließlich sozialem Kompetenztraining
  • Logopädie und Sprachförderung
  • Ergotherapie
  • Information und Beratung (Psychoedukation), auch für Eltern
  • für kleine Kinder eine autismusspezifische verhaltenstherapeutische Frühförderung
  • für Erwachsene Psychotherapie, etwa um Bedürfnisse und Gefühle anderer besser zu verstehen

Bei Jugendlichen und Erwachsenen geht es nach gesund.bund.de eher darum, Autismus als Teil der eigenen Identität zu akzeptieren und den Alltag daran anzupassen. Medikamente können gelegentlich bei sehr belastendem Verhalten oder bei Begleiterkrankungen wie ADHS, Schlafstörungen, Angst, Depression oder Epilepsie infrage kommen.

In unserer Praxis in Bilbao bieten wir für Erwachsene eine allgemeine logopädische Beratung zu Kommunikationsfragen an, sofern Termine frei sind. Eine Autismus-Diagnostik oder ein Autismus-Programm bieten wir nicht an (die Beratung findet auf Spanisch statt).

Wo sich die Quellen unterscheiden

gesund.bund.de (Stand 04.07.2024, in Zusammenarbeit mit dem IQWiG) und gesundheitsinformation.de (erstellt am 19.06.2024) haben einen gemeinsamen Ursprung und widersprechen sich kaum. Sie setzen aber verschiedene Schwerpunkte:

  • Wer diagnostiziert: gesund.bund.de nennt Fachärztinnen und Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Psychotherapeutinnen und -therapeuten; gesundheitsinformation.de führt die Berufsgruppen genauer auf, ergänzt speziell qualifizierte Kinder- und Jugendärzte und betont, dass bei Diagnostik in psychotherapeutischen Einrichtungen immer qualifizierte Ärztinnen oder Ärzte eingebunden werden müssen.
  • Mehr Diagnosen als früher: gesund.bund.de erklärt das vor allem mit häufigeren Diagnosen; gesundheitsinformation.de erwähnt zusätzlich geänderte Kriterien und mögliche Fehldiagnosen.
  • Abgrenzung: Ausführlich beschreibt nur gesundheitsinformation.de andere Ursachen ähnlicher Auffälligkeiten, etwa Traumata, Medienkonsum oder Entwicklungsstörungen der Sprache.
  • Leitlinien: gesundheitsinformation.de stützt sich bei der Diagnostik auf eine S3-Leitlinie von 2016, die überarbeitet wird; Details können sich daher ändern.

Zusammenfassung

Autismus ist eine angeborene Entwicklungsbesonderheit mit sehr unterschiedlicher Ausprägung. Kernmerkmale sind Unterschiede im sozialen Miteinander, in Kommunikation und Sprache sowie wiederkehrende Verhaltensweisen, oft mit besonderer Reizempfindlichkeit. Gene spielen eine große Rolle; Impfungen und Erziehung sind keine Ursache.

Eine Diagnose stellen nur spezialisierte Fachleute nach gründlicher Untersuchung, bei Erwachsenen oft erschwert durch Masking. Online-Tests ersetzen das nicht. Unterstützung durch Verhaltenstherapie, Logopädie, Ergotherapie, Beratung und Hilfen im Alltag soll Lebensqualität, Teilhabe und Selbstständigkeit fördern – abgestimmt darauf, welche Unterstützung die jeweilige Person braucht.

Häufige Fragen zu Autismus

Diese Antworten sind allgemeine Informationen und ersetzen weder eine Untersuchung noch eine individuelle ärztliche Beratung.

Was für Symptome hat ein Autist?

Das ist sehr individuell. Typisch sind Unterschiede im sozialen Miteinander und in der Kommunikation, wiederkehrende Verhaltensweisen, Vorliebe für Routinen und manchmal besondere Reizempfindlichkeit. Manche Merkmale fehlen bei einzelnen Menschen ganz.

Was ist typisch für einen Autist?

Ein einheitliches Bild gibt es nicht. Häufig sind intensive Interessen, Bedarf an verlässlichen Abläufen und Schwierigkeiten mit Ironie oder Mehrdeutigkeit. Manche leben selbstständig, andere brauchen viel Unterstützung.

Was ist Autismus ganz einfach erklärt?

Eine angeborene Besonderheit der Gehirnentwicklung: Autistische Menschen nehmen die Welt auf ihre eigene Weise wahr, und Kommunikation und soziales Miteinander funktionieren bei ihnen anders.

Was sind autistische Züge?

Der Begriff wird im Alltag für einzelne Verhaltensweisen verwendet, die an Autismus erinnern. Sie sind keine Diagnose; ähnliche Auffälligkeiten können viele andere Gründe haben.

Reicht ein Online-Test zur Diagnose?

Nein. Selbsttests im Internet ersetzen nach gesundheitsinformation.de keine Diagnose durch Fachleute und können unnötig verunsichern.

Was bedeutet Masking?

Dass autistische Menschen ihre Merkmale bewusst oder unbewusst überspielen, um nicht aufzufallen. Masking kann die Diagnose erschweren und dazu führen, dass Autismus erst im Erwachsenenalter erkannt wird.

Quellen

  1. gesund.bund.de (Bundesministerium für Gesundheit) · gesund.bund.de (Bundesministerium für Gesundheit, mit IQWiG): Autismus: Ursachen, Formen, Früherkennung, Stand 04.07.2024
  2. gesundheitsinformation.de (IQWiG) · gesundheitsinformation.de (IQWiG): Wie wird Autismus festgestellt?, erstellt am 19.06.2024

Dieser Ratgeber dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Diagnose und Behandlung hängen von Ihrer Untersuchung und Vorgeschichte ab. Im Notfall wählen Sie den Notruf 112.