Was ist eine Somatisierungsstörung?
Der ICD-10-Code F45.0 steht für die Somatisierungsstörung. Das Gesundheitsportal des Bundesministeriums für Gesundheit erklärt ihn so: Es treten verschiedene wiederkehrende Beschwerden im Körper auf, zum Beispiel Schmerzen, Übelkeit und Durchfall. Die Beschwerden bestehen schon seit langer Zeit und werden auch durch psychische Einflüsse verursacht. Körperliche Ursachen, die sie ausreichend erklären, gibt es nicht.
Trotzdem kann man nach gesund.bund.de selbst überzeugt sein, dass es eine rein körperliche Ursache geben muss. Man kann sich sehr viel mit den eigenen Beschwerden beschäftigen, und sie können sich auch auf den Umgang mit anderen Menschen auswirken.
Der Code auf einem ärztlichen Dokument ist kein Urteil über eine Person. Auf Befunden steht er oft mit einem Zusatzkennzeichen, etwa „G“ für eine gesicherte Diagnose. Bei Fragen erläutert die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt die Verschlüsselung im Gespräch.
Somatoforme Störung, Somatisierungsstörung und verwandte Begriffe
Nach psychenet beschreibt „somatoforme Störungen“ eine Gruppe verschiedener psychischer Erkrankungen, deren wesentliches Merkmal unklare körperliche Beschwerden sind. „Unklar“ bedeutet, dass medizinische Untersuchungen keine körperliche Ursache gefunden haben, die das Ausmaß der Beschwerden ausreichend erklärt. Oft werden auch die Begriffe Somatisierungsstörung, funktionelle Störung oder seit kurzem somatische Belastungsstörung verwendet.
Innerhalb der Gruppe unterscheidet psychenet mehrere Formen:
- Somatisierungsstörung: sehr viele unterschiedliche unklare Körperbeschwerden, etwa Schmerzen, Verdauungsbeschwerden wie Durchfall und Herz-Kreislauf-Beschwerden wie Herzrasen, meist schon über mehrere Jahre.
- Schmerzstörung: starke, oft anhaltende Schmerzen in einer bestimmten Körperregion, die bestehen bleiben, auch wenn eine zunächst gefundene körperliche Ursache behoben wurde.
- Hypochondrische Störung: quälende Angst, an einer schweren Krankheit zu leiden; unauffällige Befunde lindern die Angst nur kurz.
Das Gesundheitsportal des Bundes fasst unklare Beschwerden unter dem Begriff funktionelle Körperbeschwerden zusammen. Er beschreibt auch, dass ein Organ gesund sein, aber trotzdem nicht richtig arbeiten kann, etwa ein Darm, der weder verletzt noch entzündet ist, dessen Verdauung aber Probleme macht.
Welche Beschwerden typisch sind
Die Beschwerden können nahezu jeden Körperbereich betreffen. Nach psychenet und gesund.bund.de gehören dazu:
- Schmerzen, vor allem Kopf-, Bauch-, Rücken-, Muskel- oder Gelenkschmerzen
- Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen, Blähungen, Durchfall und Verstopfung
- Herz- und Kreislaufbeschwerden wie Herzrasen, Benommenheit und Beklemmungsgefühle
- Schwindel und Atembeschwerden
- Erschöpfung, Müdigkeit und Konzentrationsstörungen
- Empfindungsstörungen wie Kribbeln, Juckreiz oder Taubheitsgefühle
- Blasenbeschwerden wie starker Harndrang
Fast alle Menschen erleben im Alltag zuweilen unklare Körpersymptome. Von einer somatoformen Störung spricht man nach psychenet erst, wenn sie über einen längeren Zeitraum anhalten, deutliches Leid verursachen und den Alltag erheblich beeinträchtigen. Zu den Körperbeschwerden können Ängste und depressive Gefühle hinzukommen. Erkrankungen wie ein Reizdarmsyndrom haben nach gesund.bund.de viele Ähnlichkeiten mit funktionellen Körperbeschwerden.
Wie häufig sind solche Beschwerden?
Somatoforme Störungen gehören nach psychenet zusammen mit Depressionen und Angststörungen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen in Deutschland. Etwa 12 von 100 Menschen erkranken mindestens einmal im Leben daran, Frauen doppelt so häufig wie Männer.
Das Gesundheitsportal des Bundes schätzt, dass rund 10 % der Bevölkerung Beschwerden haben, deren Ursachen nicht eindeutig bestimmt werden können. Auch hier sind Frauen doppelt so oft betroffen. Als mögliche Gründe nennt das Portal, dass das Schmerzempfinden unter anderem von Hormonen abhängen kann, dass soziale und kulturelle Faktoren eine Rolle spielen und dass Frauen eher ärztliche Hilfe suchen.
Rund die Hälfte aller Menschen mit funktionellen Körperbeschwerden entwickelt nach gesund.bund.de depressive Symptome oder Angststörungen. Die Lebenserwartung beeinflussen die Beschwerden in der Regel nicht, die Lebensqualität aber oft erheblich.
Wie eine Somatisierungsstörung entsteht
Eine einzelne Ursache gibt es nach psychenet nicht. Vielmehr wirken verschiedene Faktoren über mehrere Jahre zusammen. Ein häufiges Muster: Ein Auslöser wie Stress oder eine belastende Lebenssituation führt zu einer normalen körperlichen Reaktion. Das Herz schlägt schneller, man verspannt sich oder hat einen nervösen Magen. Wer sich dann fragt, welche Krankheit dahinterstecken könnte, und die Aufmerksamkeit immer stärker auf die Beschwerden richtet, nimmt sie stärker wahr.
Wiederholte Arztbesuche können diesen Kreislauf verstärken, wenn auch unauffällige Befunde nicht beruhigen oder verschiedene Fachrichtungen unterschiedliche Diagnosen stellen, die die Beschwerden nicht umfassend erklären. Auch Schonung spielt eine Rolle: Wer körperliche Aktivität meidet, erreicht kurzfristig vielleicht Linderung, verschlechtert auf lange Sicht aber die körperliche Verfassung, was weitere Missempfindungen begünstigt.
Psychenet nennt außerdem Hinweise darauf, dass eine genetische Veranlagung und traumatische Erlebnisse in der Kindheit das Risiko erhöhen. Seelisches Befinden und Körpervorgänge sind über Stresshormone und das vegetative Nervensystem eng verbunden. Gesund.bund.de nennt zusätzlich Überforderung, frühere Erkrankungen, schwierige Lebensumstände und zwischenmenschliche Konflikte. Lang anhaltende Beschwerden können selbst zur seelischen Belastung werden; dann ist es oft nicht mehr hilfreich, nach der „einen“ Ursache zu suchen.
Wie die Diagnose gestellt wird
Erste Ansprechpartner sind nach psychenet die Hausärztinnen und Hausärzte. Sie untersuchen gründlich oder besprechen bereits vorliegende Befunde. Erklärt keine körperliche Erkrankung die Beschwerden ausreichend, ist ein diagnostisches Gespräch bei einer Fachärztin oder einem Facharzt für Psychosomatische Medizin oder Psychiatrie oder bei einer Psychotherapeutin bzw. einem Psychotherapeuten sinnvoll. Dabei wird auch geklärt, ob die Beschwerden auf eine andere psychische Erkrankung wie eine Angststörung oder Depression hinweisen.
Gesund.bund.de beschreibt, warum nicht sofort jede mögliche Untersuchung gemacht wird: Manche Untersuchungen sind mit gesundheitlichen Risiken verbunden, und mit ihrer Zahl steigt das Risiko falscher Verdachtsbefunde, die unnötig Sorgen machen und weitere Untersuchungen nach sich ziehen. Weitere Untersuchungen folgen oft erst, wenn Beschwerden länger anhalten oder sich verschlechtern. Dass später doch eine organische Ursache gefunden wird, kommt eher selten vor.
Eine Diagnose ist damit kein Schlusspunkt. Bei anhaltenden Beschwerden ist es nach gesund.bund.de wichtig, mit der Ärztin oder dem Arzt im Gespräch zu bleiben und die Ansätze bei weiteren Besuchen zu überprüfen.
Behandlung: Psychotherapie und abgestimmte Versorgung
Wissenschaftliche Untersuchungen haben nach psychenet gezeigt, dass Psychotherapie bei somatoformen Störungen wirksam ist. Sie hilft, mit den Beschwerden umzugehen und den Alltag wieder besser zu bewältigen. Elemente können sein:
- die eigenen Beschwerden und ihre Entstehung besser verstehen und einordnen
- durch veränderte gedankliche Bewertungen und Gefühle einen hilfreicheren Umgang mit den Beschwerden finden
- den Körper trotz Beschwerden langsam wieder mehr belasten und aktiv werden
- Strategien wie Aktivierung, Stressbewältigung und Achtsamkeitstraining nutzen
Medikamente können nach psychenet unter bestimmten Voraussetzungen helfen; ob und welche, wird ärztlich abgestimmt. Gesund.bund.de schreibt, dass Medikamente auf Dauer, wenn überhaupt, nur sehr begrenzt helfen. Hauptansprechpartner bleiben die Hausärztinnen und Hausärzte, die Untersuchungen und Behandlungen aufeinander abstimmen; bei Bedarf sind Physiotherapie, Ernährungsberatung oder Ergotherapie möglich.
In unserer Praxis für Psychologie in Bilbao können Erwachsene nach einer Einschätzung psychologische Unterstützung im Umgang mit anhaltenden Körperbeschwerden erhalten (die Beratung findet auf Spanisch statt). Die körperliche Abklärung und eine eventuelle medikamentöse Behandlung bleiben in ärztlicher Hand.
Was Betroffene und Angehörige tun können
Für Menschen mit funktionellen Körperbeschwerden ist es nach gesund.bund.de hilfreicher, selbst aktiv zu werden, als sich passiv auf Maßnahmen von außen zu verlassen. Psychenet und gesund.bund.de empfehlen unter anderem:
- den Alltag so aktiv wie möglich bewältigen und sich kleine Schritte vornehmen
- körperlich aktiv bleiben, ohne sich zu überfordern
- Phasen der Aktivität mit Entspannung abwechseln, etwa mit progressiver Muskelentspannung oder Yoga
- am sozialen Leben teilnehmen und Hobbys pflegen
- beobachten, was die Beschwerden lindert, und diese Strategien gezielt nutzen
- auf ausreichend Schlaf achten
Ein kurzes Abstimmungsblatt kann helfen, Arztbesuche zu ordnen: Welche Beschwerden wurden bereits untersucht, mit welchem Ergebnis? Welche Veränderungen wären ein Grund, erneut untersuchen zu lassen, etwa neue Beschwerden, eine deutliche Verschlechterung oder Beschwerden, die sich anders anfühlen als bisher? Ein solches Blatt wird gemeinsam mit der Hausärztin oder dem Hausarzt erstellt und ist keine Regel, nicht mehr zum Arzt zu gehen.
Angehörige sollten die Erkrankung nach psychenet anerkennen und für die betroffene Person da sein. Ihr alle Aufgaben und Belastungen abzunehmen, kann den Verlauf jedoch negativ beeinflussen. Manchmal ist es sinnvoll, Angehörige zeitweise in die Behandlung einzubeziehen.
Wo sich die Quellen unterscheiden
Dauer: Die Erklärung zu F45.0 auf gesund.bund.de spricht von Beschwerden „seit langer Zeit“. Psychenet nennt für somatoforme Störungen allgemein mindestens sechs Monate und für die Somatisierungsstörung meist mehrere Jahre. Der Artikel zu funktionellen Körperbeschwerden auf gesund.bund.de betont dagegen, dass unklare Beschwerden häufig nach einigen Wochen von allein verschwinden. Das widerspricht sich nicht: Die meisten unklaren Beschwerden sind vorübergehend, eine Somatisierungsstörung ist die lang anhaltende, belastende Form.
Häufigkeit: Psychenet nennt 12 von 100 Menschen, die mindestens einmal im Leben an einer somatoformen Störung erkranken. Gesund.bund.de schätzt, dass etwa 10 % der Bevölkerung Beschwerden ohne eindeutige Ursache haben. Die Zahlen beziehen sich auf unterschiedliche Definitionen und sind nicht direkt vergleichbar.
Medikamente: Psychenet schreibt, dass Psychopharmaka unter bestimmten Voraussetzungen helfen können. Gesund.bund.de ist zurückhaltender: Wenn überhaupt, helfen Medikamente auf Dauer nur sehr begrenzt, etwa kurzzeitig bei Schmerzen oder Magen-Darm-Beschwerden.
Zusammenfassung
- Eine Somatisierungsstörung (ICD-10 F45.0) bedeutet verschiedene wiederkehrende Körperbeschwerden, die körperliche Ursachen nicht ausreichend erklären.
- Die Beschwerden sind real; körperliche, psychische und soziale Faktoren wirken zusammen.
- Die Hausarztpraxis ist erste Anlaufstelle; die Diagnose folgt aus Untersuchung und ausführlichem Gespräch, nicht aus einem Selbsttest.
- Psychotherapie ist nachweislich wirksam; Medikamente helfen nur unter bestimmten Voraussetzungen und begrenzt.
- Aktiv bleiben, Belastungen und Entspannung abwechseln und soziale Kontakte pflegen hilft mehr als Schonung.
- Neue oder deutlich veränderte Beschwerden immer ärztlich untersuchen lassen.
Häufige Fragen zur Somatisierungsstörung
Diese Antworten sind allgemeine Informationen und ersetzen weder eine Untersuchung noch eine individuelle ärztliche Beratung.
Ist eine somatoforme Störung eine Depression?
Nein, es sind unterschiedliche Erkrankungen. Unklare Körperbeschwerden können aber nach psychenet auch als Begleiterscheinung einer Depression oder Angststörung auftreten, deshalb wird das bei der Diagnose geprüft. Rund die Hälfte der Menschen mit funktionellen Körperbeschwerden entwickelt nach gesund.bund.de depressive Symptome oder Angststörungen.
Sind Somatisierungsstörungen heilbar?
Psychotherapie ist nach psychenet nachweislich wirksam und hilft, mit den Beschwerden umzugehen und den Alltag besser zu bewältigen. Bei hartnäckigen Beschwerden braucht es nach gesund.bund.de in der Regel Geduld und kleine Ziele; die Beschwerden können in kleinen Schritten nachlassen.
Was sind somatisch erkrankte Menschen?
„Somatisch“ bedeutet körperlich. Somatisch erkrankte Menschen haben eine körperliche Erkrankung mit nachweisbarer Ursache, etwa eine Entzündung oder Verletzung. Bei einer Somatisierungsstörung erklären körperliche Ursachen die Beschwerden dagegen nicht ausreichend; beides kann aber gleichzeitig bestehen.
Wie lange dauert eine Somatisierungsstörung?
Die Beschwerden bestehen nach psychenet meist schon über mehrere Jahre, für somatoforme Störungen allgemein mindestens sechs Monate. Eine feste Dauer der Behandlung nennen die Quellen nicht; wichtig ist, aktiv zu bleiben und mit der Ärztin oder dem Arzt im Gespräch zu bleiben.
Sind die Beschwerden eingebildet?
Nein. Dass keine körperliche Ursache gefunden wird, bedeutet nach gesund.bund.de nicht, dass die Beschwerden nur Einbildung sind oder dass nichts dagegen getan werden kann. Der Vorwurf, sich Beschwerden einzubilden, belastet Betroffene nach psychenet zusätzlich.
Können körperliche Erkrankungen gleichzeitig bestehen?
Ja. Eine Somatisierungsstörung schützt nicht vor anderen Erkrankungen. Neue, deutlich veränderte oder starke Beschwerden sollten deshalb ärztlich untersucht werden. Dass sich für die bisherigen Beschwerden später doch eine organische Ursache findet, ist nach gesund.bund.de eher selten.
Quellen
- gesund.bund.de (Bundesministerium für Gesundheit) · ICD-10-Code F45.0: Somatisierungsstörung
- gesund.bund.de (Bundesministerium für Gesundheit) · Funktionelle Körperbeschwerden
- psychenet – Netz psychische Gesundheit (Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf) · Somatoforme Störungen
Dieser Ratgeber dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Diagnose und Behandlung hängen von Ihrer Untersuchung und Vorgeschichte ab. Im Notfall wählen Sie den Notruf 112.
