Wofür steht ARFID?
ARFID ist die Abkürzung für den englischen Begriff „Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder“. Ins Deutsche übersetzt bedeutet er nach dem Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit „vermeidend-restriktive Ernährungsstörung“. Betroffene schränken die Menge oder Auswahl von Lebensmitteln stark ein.
Nach der Universitätsmedizin Leipzig beginnt die Erkrankung meist im Kindesalter und wurde bislang vor allem bei Kindern oder Menschen mit Untergewicht untersucht. Eine Studie der Leipziger Forschungsgruppe zeigt jedoch, dass auch Erwachsene, und zwar auch Erwachsene mit erhöhtem Körpergewicht, an ARFID leiden können.
ARFID ist mehr als „wählerisches Essen“. Viele Kinder durchlaufen Phasen, in denen sie bestimmte Speisen ablehnen. Bei ARFID sind die Einschränkungen nach dem BIÖG jedoch so erheblich, dass sie zu körperlichen Folgen und Beeinträchtigungen im Alltag führen.
Wie äußert sich ARFID?
Das BIÖG und die Universitätsmedizin Leipzig beschreiben verschiedene Formen, wie sich die Einschränkung zeigen kann:
- Sensorische Ablehnung: Das stark wählerische Essverhalten kann sich auf Farbe, Geschmack, Geruch oder Textur der Nahrung beziehen.
- Angst vor Folgen: Manche Betroffene vermeiden bestimmte Speisen aus Angst vor negativen Folgen, nach Leipzig etwa vor dem Verschlucken oder Erbrechen.
- Wenig Interesse am Essen: Auch ein stark vermindertes Interesse am Essen kann ein Anzeichen sein.
Für Betroffene ist Essen nach der Universitätsmedizin Leipzig häufig mit Angst, Stress oder Ekel verbunden, statt mit Genuss. Die verschiedenen Formen können einzeln oder gemeinsam auftreten. Welche im Vordergrund steht, ist für die Einschätzung durch Fachleute wichtig.
Unterschied zu Magersucht und anderen Essstörungen
Anders als etwa bei der Magersucht verfolgen Betroffene mit ARFID nach dem BIÖG nicht das Ziel, ihr Körpergewicht zu kontrollieren oder eine bestimmte Körperform zu erreichen. Auch die Universitätsmedizin Leipzig betont: Der Wunsch nach Gewichtsverlust spielt keine Rolle.
Die Abgrenzung ist trotzdem nicht immer einfach. Viele Erwachsene mit höherem Gewicht in der Leipziger Befragung gaben an, sich stark mit Figur und Gewicht zu beschäftigen. Nach den Studienautorinnen werden diese Sorgen im klinischen Alltag häufig als Hinweis auf andere Essstörungen oder als Folge von Diätverhalten fehlgedeutet, sodass ARFID unerkannt bleibt. Eine gleichzeitige Sorge um den Körper schließt ARFID also nicht automatisch aus; was hinter der Einschränkung steht, müssen Fachleute klären.
Allgemein beschreibt das BIÖG, dass viele Essstörungen nicht in Reinform auftreten und Mischformen vorkommen. Auch deshalb gehört die Einordnung in fachliche Hände.
ARFID bei Erwachsenen und bei höherem Körpergewicht
ARFID wird oft mit untergewichtigen Kindern in Verbindung gebracht. Die Universitätsmedizin Leipzig hat für eine 2025 veröffentlichte Studie 369 Erwachsene online befragt und mit einem Teil zusätzlich ein klinisches Interview geführt. In dieser Untersuchung zeigten Erwachsene mit ARFID und erhöhtem Körpergewicht häufiger als Betroffene mit niedrigem Gewicht ein wählerisches Essverhalten, eine größere Alltagsbelastung und ein gesteigertes Risiko für Stoffwechselerkrankungen.
Die Zahlen beschreiben die befragte Gruppe und lassen sich nicht auf die Bevölkerung übertragen. Die wichtigste Aussage für Betroffene ist eine andere: ARFID kann auch dann vorliegen, wenn das Gewicht normal oder erhöht ist. Nach der Leiterin der Studie brauchen diese Patientinnen und Patienten eine spezifische Diagnostik und angepasste Behandlungsangebote.
Ob und wie das Gewicht eine Rolle spielt, sollte deshalb Teil der fachlichen Beurteilung sein.
Welche Folgen ARFID haben kann
Die selbst auferlegten Einschränkungen sind nach dem BIÖG so erheblich, dass sie zu starken Gewichtsverlusten und Mangelerscheinungen führen können, bis hin zu einer Abhängigkeit von Nahrungsergänzungsmitteln oder Sondennahrung. Nach der Universitätsmedizin Leipzig ist das Risiko für Mangelernährung und Folgeerkrankungen ähnlich hoch wie bei anderen Essstörungen, obwohl der Wunsch nach Gewichtsverlust fehlt.
Hinzu kommen die Folgen im Alltag. Das gestörte Essverhalten beeinträchtigt nach dem BIÖG nicht selten auch das soziale Leben erheblich: etwa wenn gemeinsame Mahlzeiten, Einladungen oder Restaurantbesuche zur Belastung werden. In der Leipziger Befragung berichteten viele Betroffene von psychosozialen Beeinträchtigungen.
Wenn ein Kind betroffen sein könnte
Weil ARFID meist im Kindesalter beginnt, bemerken oft Eltern, Erzieherinnen oder Lehrkräfte zuerst, dass etwas nicht stimmt. Hinweise können eine sehr kleine Auswahl an akzeptierten Lebensmitteln sein, starke Abwehr bei neuen Speisen, Angst vor dem Verschlucken oder auffällig wenig Interesse am Essen.
Erste Ansprechpartner sind die Kinderärztin oder der Kinderarzt. Sie können körperliche Ursachen und Folgen wie Gewichtsentwicklung und Wachstum beurteilen und an spezialisierte Stellen weiterleiten. Hinweise für Erwachsene lassen sich nicht einfach auf Kinder übertragen; Diagnostik und Behandlung bei Kindern gehören in kinder- und jugendmedizinische sowie kinder- und jugendpsychotherapeutische Hände.
Was hilft bei ARFID?
Essstörungen sind nach dem BIÖG ernsthafte Erkrankungen, die behandelt werden müssen, und keine Phase, die von selbst vorübergeht. Je eher eine Behandlung beginnt, desto besser sind die Aussichten. Damit Betroffene wieder gesund werden, arbeiten nach dem BIÖG viele Fachkräfte zusammen, von der ersten Beratung über die ambulante oder stationäre Therapie bis zur Nachsorge.
Die Leipziger Forschungsgruppe hat ein diagnostisches Interview zur Erkennung von ARFID entwickelt, das nach Angaben der Klinik inzwischen weltweit verwendet wird. Die Diagnose stellen also Fachleute im Gespräch, nicht ein Fragebogen aus dem Internet. Die Studienautorinnen empfehlen, Therapieansätze für Betroffene mit höherem Gewicht anzupassen, psychotherapeutisch wie pharmakologisch. Welche Behandlung im Einzelfall sinnvoll ist, legen die behandelnden Fachleute fest.
Einen ersten Zugang bietet das BIÖG-Infotelefon zu Essstörungen unter (02 21) 89 20 31. Es berät Betroffene, Angehörige und Interessierte und vermittelt Adressen von Beratungsstellen und therapeutischen Einrichtungen. Außerdem führt das BIÖG eine Datenbank mit Beratungs- und Behandlungsangeboten. Erste ärztliche Ansprechpartner sind die Hausarztpraxis oder bei Kindern die Kinderarztpraxis.
Ein Beobachtungsblatt für das Erstgespräch
Genaue Beobachtungen helfen Fachleuten bei der Einschätzung. Das folgende Blatt ist kein Test und ergibt keinen Punktwert; es dient nur dazu, nichts Wichtiges zu vergessen:
- Akzeptierte Lebensmittel: Welche Speisen werden zuverlässig gegessen? Gibt es Gemeinsamkeiten bei Farbe, Konsistenz, Marke oder Zubereitung?
- Vermiedene Lebensmittel und Situationen: Was wird abgelehnt, und welche Situationen werden gemieden, etwa Kantine, Restaurant, Einladungen?
- Gründe, soweit bekannt: Geruch oder Konsistenz, Angst vor Verschlucken oder Erbrechen, fehlender Hunger oder fehlendes Interesse
- Dauer: Seit wann besteht das Essverhalten, und hat es sich verändert?
- Körperliche Entwicklung: Gewichtsverlauf, bei Kindern Wachstum, eingenommene Nahrungsergänzungsmittel
- Alltag: Wie wirkt sich das Essverhalten auf Schule, Arbeit, Familie und Freundschaften aus?
Wo sich die Quellen unterscheiden
Wer betroffen ist: Das BIÖG nennt als Folgen starke Gewichtsverluste und Mangelerscheinungen. Die Universitätsmedizin Leipzig ergänzt, dass die Erkrankung bisher vor allem bei Kindern und untergewichtigen Menschen untersucht wurde, und zeigt, dass ARFID auch bei Erwachsenen mit erhöhtem Gewicht vorkommt. Untergewicht ist also eine mögliche Folge, aber keine Voraussetzung.
Rolle von Gewichtssorgen: Beide Quellen grenzen ARFID von der Magersucht über das fehlende Ziel der Gewichtskontrolle ab. Leipzig weist zugleich darauf hin, dass viele Betroffene mit höherem Gewicht sich stark mit Figur und Gewicht beschäftigen und dies im klinischen Alltag fehlgedeutet wird. Entscheidend ist, was die Einschränkung beim Essen antreibt.
Zuordnung: Das BIÖG ordnet in seinem Glossar auch die übertriebene Fixierung auf gesunde Ernährung, die Orthorexie, dem Formenkreis der ARFID zu. Die Leipziger Darstellung beschreibt ARFID über sensorische Ablehnung, Angst und fehlendes Interesse. Dieser Ratgeber folgt dieser engeren Beschreibung; eine Fixierung auf gesunde Ernährung sollte eigenständig fachlich beurteilt werden.
Zusammenfassung
- ARFID ist eine vermeidend-restriktive Essstörung mit starker Einschränkung von Menge oder Vielfalt der Nahrung.
- Gründe können sensorische Ablehnung, Angst vor Folgen wie Verschlucken oder fehlendes Interesse am Essen sein.
- Anders als bei der Magersucht geht es nicht um Gewichtskontrolle; Gewichtssorgen schließen ARFID aber nicht automatisch aus.
- Die Erkrankung beginnt meist im Kindesalter, kommt aber auch bei Erwachsenen vor, auch bei höherem Gewicht.
- Folgen sind Mangelernährung, Gewichtsverlust und Einschränkungen im sozialen Leben.
- Die Diagnose stellen Fachleute; erste Hilfe bieten Haus- oder Kinderarztpraxis und das BIÖG-Infotelefon zu Essstörungen.
Häufige Fragen zu ARFID
Diese Antworten sind allgemeine Informationen und ersetzen weder eine Untersuchung noch eine individuelle ärztliche Beratung.
Für was steht ARFID?
ARFID steht für „Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder“, auf Deutsch vermeidend-restriktive Ernährungsstörung. Betroffene schränken die Menge oder Auswahl ihrer Nahrung stark ein, ohne dass es um Gewicht oder Figur geht.
Was essen Leute mit ARFID?
Das ist individuell verschieden; eine allgemeingültige Liste gibt es nicht. Oft wird nur eine kleine Auswahl an Lebensmitteln akzeptiert, die nach Farbe, Geschmack, Geruch oder Konsistenz als verträglich empfunden wird. Andere essen insgesamt sehr wenig, weil das Interesse am Essen fehlt.
Wie äußert sich ARFID?
Durch eine starke Einschränkung beim Essen, etwa aus sensorischer Ablehnung, aus Angst vor Verschlucken oder Erbrechen oder aus fehlendem Interesse. Folgen können Gewichtsverlust, Mangelerscheinungen und Einschränkungen im sozialen Leben sein.
Was hilft bei ARFID?
Eine fachliche Abklärung und Behandlung, bei der verschiedene Fachkräfte zusammenarbeiten. Erste Ansprechpartner sind die Haus- oder Kinderarztpraxis; das BIÖG-Infotelefon zu Essstörungen vermittelt Beratungsstellen und therapeutische Einrichtungen..
Kann ARFID auch bei höherem Körpergewicht vorkommen?
Ja. Eine Studie der Universitätsmedizin Leipzig zeigt, dass auch Erwachsene mit erhöhtem Körpergewicht an ARFID leiden können. Bei ihnen bleibt die Störung nach den Studienautorinnen oft unerkannt, weil Gewichtssorgen anderen Essstörungen oder Diätverhalten zugeordnet werden.
Welche Beobachtungen helfen beim Arztgespräch?
Eine Liste akzeptierter und vermiedener Lebensmittel, vermiedene Situationen, vermutete Gründe, die Dauer des Essverhaltens, der Gewichtsverlauf, bei Kindern das Wachstum, sowie die Auswirkungen auf Schule, Arbeit und Familie. Eine Punktbewertung ist dafür nicht nötig.
Quellen
- Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) · ARFID im Glossar
- Universitätsmedizin Leipzig · Wenn Essen eine Belastung ist (Pressemitteilung vom 05.08.2025)
- Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) · Was sind Essstörungen?
- Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) · Bei Essstörungen Hilfe finden
- Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) · Infotelefon zu Essstörungen
Dieser Ratgeber dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Diagnose und Behandlung hängen von Ihrer Untersuchung und Vorgeschichte ab. Im Notfall wählen Sie den Notruf 112.
