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Anorexie: Magersucht erkennen und Hilfe finden

Die Anorexia nervosa, umgangssprachlich Magersucht, ist eine ernsthafte psychische Erkrankung. Betroffene schränken ihre Nahrungsaufnahme stark ein, haben große Angst vor einer Gewichtszunahme und nehmen ihren Körper verzerrt wahr. Die Erkrankung beginnt oft im Jugendalter, kann aber in jedem Alter und bei allen Geschlechtern auftreten. Je früher sie behandelt wird, desto besser sind die Chancen auf eine vollständige Genesung. Dieser Ratgeber erklärt Anzeichen, Folgen und Hilfsangebote.

Thema
Psychologie
Aktualisiert
Lesezeit
5 Minuten
Geprüft von
Dr. Itziar Gotxi Erezuma · Fachärztin für HNO · Ärztekammer Bizkaia Nr. 484809757

Was ist Anorexie?

Bei der Anorexia nervosa führt eine stark eingeschränkte Nahrungsaufnahme zu einem deutlich zu niedrigen Körpergewicht. Typisch sind eine intensive Angst, zuzunehmen, und eine gestörte Wahrnehmung des eigenen Körpers: Betroffene empfinden sich als zu dick, obwohl sie untergewichtig sind. Das Gewicht und die Figur bestimmen stark das Selbstwertgefühl. Es gibt eine restriktive Form, bei der vor allem gehungert wird, und eine Form mit Essanfällen oder Erbrechen.

Anzeichen einer Magersucht

  • Deutlicher Gewichtsverlust oder bei Kindern fehlende Gewichtszunahme im Wachstum.
  • Auslassen von Mahlzeiten, sehr kleine Portionen, Kalorienzählen.
  • Rituale beim Essen, etwa Zerkleinern in winzige Stücke oder sehr langsames Essen.
  • Übermäßiger Sport, auch bei Erschöpfung oder Verletzung.
  • Weite Kleidung, um den Körper zu verbergen.
  • Rückzug von gemeinsamen Mahlzeiten und Freundschaften.
  • Ausbleiben der Periode.
  • Frieren, Müdigkeit, Konzentrationsprobleme.

Wie entsteht Anorexie?

Es gibt nicht die eine Ursache. Eine Rolle spielen genetische Veranlagung, Persönlichkeitsmerkmale wie Perfektionismus und hohe Leistungsansprüche, belastende Erlebnisse, Konflikte und gesellschaftliche Schönheitsideale. Häufig beginnt die Erkrankung mit einer Diät, die außer Kontrolle gerät. Das Hungern selbst verändert Denken und Gefühle und hält die Essstörung aufrecht. Niemand ist schuld an der Erkrankung, auch nicht die Eltern.

Körperliche Folgen

  • Herz: langsamer Puls, niedriger Blutdruck, Herzrhythmusstörungen.
  • Knochen: Verlust an Knochendichte, erhöhtes Risiko für Brüche.
  • Hormone: Ausbleiben der Periode, verminderte Fruchtbarkeit.
  • Magen-Darm: Verstopfung, Völlegefühl, verzögerte Magenentleerung.
  • Haut und Haare: trockene Haut, Haarausfall, feiner Flaum am Körper.
  • Blutwerte: Mangel an Kalium, Phosphat und anderen Mineralstoffen.
  • Gehirn: Konzentrationsstörungen, Grübeln, gedrückte Stimmung.

Wie wird Anorexie festgestellt?

Die Diagnose stellen Fachleute aus Psychiatrie, Psychotherapie oder Kinder- und Jugendmedizin anhand eines ausführlichen Gesprächs, des Gewichtsverlaufs und des Body-Mass-Index, bei Kindern anhand von Perzentilen. Körperliche Untersuchung, Blutwerte und ein EKG zeigen, wie stark der Körper bereits betroffen ist. Andere Ursachen für Gewichtsverlust, etwa Schilddrüsenüberfunktion oder Darmerkrankungen, werden ausgeschlossen.

Psychotherapie: das Herz der Behandlung

Bei Jugendlichen ist die familienbasierte Therapie am besten belegt: Eltern übernehmen zunächst Verantwortung für das Essen und werden dabei von Fachleuten begleitet. Bei Erwachsenen werden kognitive Verhaltenstherapie, spezialisierte Formen wie die fokale psychodynamische Therapie oder das Maudsley-Modell eingesetzt. Ziele sind ein gesundes Gewicht, ein entspanntes Essverhalten und der Umgang mit den Gefühlen und Gedanken, die hinter der Essstörung stehen.

Ernährungstherapie

Die Ernährungstherapie begleitet die schrittweise Gewichtszunahme. Gemeinsam wird ein Essplan mit regelmäßigen Mahlzeiten und Zwischenmahlzeiten erstellt. Verbotene Lebensmittel werden nach und nach wieder eingeführt. Wichtig ist, dass die Nahrungsmenge bei sehr niedrigem Gewicht anfangs ärztlich überwacht gesteigert wird, weil sonst ein gefährliches Refeeding-Syndrom mit Mineralstoffverschiebungen auftreten kann.

Ambulant oder stationär?

Viele Betroffene können ambulant behandelt werden. Eine Behandlung in einer Klinik ist nötig bei sehr niedrigem Gewicht, raschem Gewichtsverlust, körperlichen Komplikationen, Suizidgedanken oder wenn ambulante Behandlung nicht ausreicht. Tageskliniken bieten eine Zwischenstufe. Nach einem Klinikaufenthalt ist eine ambulante Weiterbehandlung wichtig, um Rückfälle zu vermeiden.

Was Angehörige tun können

  • Sorgen in ruhigem Moment ansprechen, mit Ich-Botschaften und ohne Vorwürfe.
  • Nicht über Gewicht und Aussehen diskutieren, sondern über Gefühle und Verhalten.
  • Professionelle Hilfe aktiv vermitteln und begleiten.
  • Gemeinsame Mahlzeiten beibehalten.
  • Auf sich selbst achten und Unterstützung für Angehörige nutzen.

gesundheitsinformation.de bietet Informationen speziell für Eltern und Angehörige.

Heilungschancen

Anorexie ist behandelbar. Viele Betroffene werden vollständig gesund, besonders wenn die Behandlung früh beginnt. Die Genesung braucht aber Zeit, oft mehrere Jahre, und Rückschläge gehören dazu. Unbehandelt kann die Erkrankung chronisch werden und hat unter den psychischen Erkrankungen eine der höchsten Sterblichkeiten. Deshalb lohnt es sich, schon bei Verdacht Hilfe zu holen.

Anorexie bei Jungen und Männern

Essstörungen werden bei Jungen und Männern oft übersehen. Bei ihnen steht manchmal weniger das Dünnsein als ein extrem muskulöser, fettfreier Körper im Vordergrund, verbunden mit strengen Diäten und exzessivem Training. Die Warnzeichen und Folgen sind ähnlich, und auch die Behandlung wirkt genauso gut.

Wo finde ich Hilfe?

Erste Anlaufstellen sind die Hausarztpraxis, Kinder- und Jugendärztinnen, Psychotherapeutinnen und Beratungsstellen für Essstörungen. Auch spezialisierte Beratungstelefone und Selbsthilfegruppen für Essstörungen sind gute erste Anlaufstellen. Auch unsere Psychologie und Ernährungsberatung unterstützen Betroffene und Familien.

Anorexie und Sport

Viele Betroffene treiben exzessiv Sport, um Kalorien zu verbrennen oder Schuldgefühle nach dem Essen zu mindern. Bei Untergewicht ist intensive Bewegung gefährlich für Herz und Knochen. In der Behandlung wird Sport daher oft vorübergehend eingeschränkt und später gezielt und angemessen wieder eingeführt. In Sportarten, bei denen ein niedriges Gewicht vorteilhaft erscheint, etwa Ballett, Turnen oder Langstreckenlauf, ist das Risiko für Essstörungen erhöht.

Das Wichtigste in Kürze

  • Anorexie ist eine ernsthafte psychische Erkrankung mit Untergewicht, Angst vor Gewichtszunahme und gestörter Körperwahrnehmung.
  • Sie hat körperliche Folgen für Herz, Knochen und Hormone.
  • Psychotherapie und Ernährungstherapie sind die Grundlage, bei Jugendlichen besonders die familienbasierte Therapie.
  • Frühe Hilfe verbessert die Heilungschancen deutlich.

Häufige Fragen zur Anorexie

Diese Antworten sind allgemeine Informationen und ersetzen weder eine Untersuchung noch eine individuelle ärztliche Beratung.

Ab welchem BMI spricht man von Magersucht?

Nach ICD-10 bei Erwachsenen unter 17,5, wobei die Diagnose nicht allein vom BMI abhängt. Bei Kindern zählen Perzentilen.

Kann man Anorexie haben, ohne extrem dünn zu sein?

Ja, bei atypischer Anorexie bestehen alle Merkmale, das Gewicht liegt aber noch im Normalbereich; die Folgen können ebenso ernst sein.

Ist Magersucht heilbar?

Ja, viele Betroffene werden vollständig gesund, vor allem bei früher Behandlung.

Wie spreche ich mein Kind an?

In Ruhe, liebevoll und ohne Vorwürfe; beschreiben Sie Ihre Beobachtungen und holen Sie gemeinsam Hilfe.

Was ist das Refeeding-Syndrom?

Eine gefährliche Verschiebung von Mineralstoffen, wenn nach langem Hungern zu schnell gegessen wird; deshalb wird die Nahrungsmenge anfangs ärztlich überwacht.

Kommt die Periode zurück?

Meist ja, wenn das Gewicht über längere Zeit wieder im gesunden Bereich liegt.

Können Erwachsene an Anorexie erkranken?

Ja, die Erkrankung kann in jedem Alter beginnen oder wiederkehren.

Zahlt die Krankenkasse die Behandlung?

Ja, Psychotherapie und notwendige Klinikbehandlungen werden übernommen.

Woran erkenne ich den Unterschied zwischen Diät und Magersucht?

Bei Magersucht wird das Essen zunehmend eingeschränkt, obwohl bereits Untergewicht besteht, und die Gedanken kreisen ständig um Essen, Gewicht und Figur.

Quellen

  1. gesundheitsinformation.de (IQWiG) · Magersucht (Anorexie)
  2. MSD Manual (Ausgabe für Patienten) · Anorexia nervosa
  3. gesund.bund.de (Bundesministerium für Gesundheit) · Essstörungen
  4. Zipfel S, et al. Anorexia nervosa: aetiology, assessment, and treatment. Lancet Psychiatry. 2015

Dieser Ratgeber dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Diagnose und Behandlung hängen von Ihrer Untersuchung und Vorgeschichte ab. Im Notfall wählen Sie den Notruf 112.