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Steißbeinschmerzen: wenn Sitzen zur Qual wird

Schmerzen am Steißbein, dem untersten Ende der Wirbelsäule, machen sich vor allem beim Sitzen bemerkbar – besonders beim Zurücklehnen und beim Aufstehen. Fachleute sprechen von Kokzygodynie. Häufige Auslöser sind ein Sturz auf das Gesäß, eine Geburt oder langes Sitzen auf hartem Untergrund. Die meisten Beschwerden bessern sich innerhalb von Wochen bis Monaten mit einfachen Maßnahmen. Dieser Ratgeber erklärt Ursachen, Selbsthilfe und Behandlungsmöglichkeiten.

Thema
Physiotherapie
Aktualisiert
Lesezeit
5 Minuten
Geprüft von
Dr. Itziar Gotxi Erezuma · Fachärztin für HNO · Ärztekammer Bizkaia Nr. 484809757

Was ist das Steißbein?

Das Steißbein besteht aus drei bis fünf kleinen, miteinander verwachsenen Wirbeln am unteren Ende des Kreuzbeins. Es ist beweglich und dient als Ansatz für Muskeln, Sehnen und Bänder des Beckenbodens und des Gesäßes. Beim Sitzen trägt es einen Teil des Körpergewichts, besonders wenn man sich zurücklehnt.

Ursachen

  • Sturz auf das Gesäß, etwa auf Glatteis oder von der Treppe.
  • Geburt, besonders bei großen Kindern oder Zangengeburt.
  • Langes Sitzen auf harten oder schmalen Flächen, zum Beispiel beim Radfahren.
  • Zu bewegliches oder zu steifes Steißbein.
  • Verspannung der Beckenbodenmuskulatur.
  • Selten: Entzündungen, Tumoren oder ausstrahlende Rückenschmerzen.

Typische Symptome

  • Schmerz punktgenau am Steißbein.
  • Verstärkung beim Sitzen, vor allem beim Zurücklehnen.
  • Stechender Schmerz beim Aufstehen.
  • Schmerzen beim Stuhlgang oder beim Geschlechtsverkehr.
  • Besserung im Stehen oder Gehen.

Diagnose

Die Ärztin tastet das Steißbein ab und prüft, ob Druck den typischen Schmerz auslöst. Manchmal ist eine Untersuchung durch den Enddarm nötig, um die Beweglichkeit zu beurteilen. Röntgenaufnahmen im Sitzen und Stehen zeigen, ob das Steißbein zu beweglich ist oder verschoben wurde. Eine MRT hilft bei unklaren Fällen. Wichtig ist der Ausschluss anderer Ursachen wie einer Steißbeinfistel, die als schmerzhafte Schwellung in der Gesäßfalte auftritt.

Richtig sitzen

  • Ein Keilkissen oder ein Kissen mit Aussparung am Steißbein entlastet beim Sitzen.
  • Leicht nach vorne geneigt sitzen, Gewicht auf die Oberschenkel verlagern.
  • Weiche Sitzflächen bevorzugen.
  • Beim Aufstehen erst nach vorne rutschen und sich mit den Armen abstützen.
  • Lange Sitzphasen durch Stehen und Gehen unterbrechen.

Ringkissen (Donut) sind weniger geeignet, weil das Steißbein dabei oft nicht frei liegt.

Weitere Selbsthilfe

  • Kühlen in den ersten Tagen nach einem Sturz, später Wärme.
  • Entzündungshemmende Schmerzmittel kurzfristig.
  • Weicher Stuhlgang durch ballaststoffreiche Ernährung und ausreichendes Trinken.
  • Radfahren vorübergehend reduzieren oder Sattel anpassen.

Physiotherapie und Beckenboden

Physiotherapie kann Verspannungen der Beckenboden- und Gesäßmuskulatur lösen, die Beweglichkeit verbessern und Haltung sowie Sitzverhalten schulen. Manuelle Techniken, auch über den Enddarm, können das Steißbein mobilisieren. Dehnübungen für Gesäß und Hüfte sowie Entspannungsübungen für den Beckenboden ergänzen die Behandlung. Mehr zum Thema im Ratgeber Beckenboden und über unsere Physiotherapie.

Übungen bei Steißbeinschmerzen

  • Kindhaltung: Gesäß zu den Fersen, Arme nach vorne.
  • Piriformis-Dehnung: In Rückenlage einen Fuß auf das gegenüberliegende Knie legen und das Bein heranziehen.
  • Kniende Hüftbeugerdehnung.
  • Beckenbodenentspannung: tief in den Bauch atmen und beim Einatmen den Beckenboden bewusst loslassen.
  • Sanftes Beckenkippen im Vierfüßlerstand.

Spritzen und Operation

Bleiben Schmerzen trotz Entlastung und Physiotherapie über Monate bestehen, können Injektionen mit Betäubungsmittel und Kortison am Steißbein helfen. Weitere Verfahren sind Nervenblockaden des Ganglion impar oder Radiofrequenzbehandlungen. Eine operative Entfernung des Steißbeins (Kokzygektomie) wird nur bei hartnäckigen Fällen erwogen; sie kann wirksam sein, hat aber ein gewisses Infektionsrisiko.

Steißbeinschmerzen nach der Geburt

Während der Geburt wird das Steißbein nach hinten gedrückt; dabei können Bänder überdehnt oder das Steißbein verschoben werden. Viele Frauen spüren in den Wochen danach Schmerzen beim Sitzen. Meist bessern sie sich innerhalb einiger Monate. Ein Sitzkissen, Stillen im Liegen und Beckenbodenphysiotherapie helfen. Halten die Beschwerden an, sollte eine Untersuchung erfolgen.

Wie lange dauern Steißbeinschmerzen?

Nach einer Prellung bessern sich die Beschwerden meist innerhalb von wenigen Wochen, ein Bruch braucht etwa zwei bis drei Monate. Bei manchen Menschen dauern die Schmerzen länger. Wer früh entlastet und aktiv bleibt, hat gute Chancen auf eine vollständige Erholung.

Wenn der Schmerz bleibt

Anhaltende Schmerzen beim Sitzen schränken Beruf, Reisen und Freizeit ein und können belasten. Hilfreich sind ein Steh-Sitz-Wechsel bei der Arbeit, ein mitgenommenes Sitzkissen und offene Gespräche mit Arbeitgeber und Umfeld. Bei chronischen Schmerzen können Schmerzbewältigungsstrategien und psychologische Unterstützung die Lebensqualität verbessern.

Arbeitsplatz und Reisen

Bei Bürotätigkeit helfen ein Keilkissen, ein höhenverstellbarer Schreibtisch und regelmäßige Steh- und Gehpausen. Auf längeren Autofahrten sollte man das Kissen mitnehmen, den Sitz etwas aufrechter stellen und Pausen einplanen. Im Flugzeug lohnt sich ein Gangplatz, um zwischendurch aufzustehen. Diese Anpassungen verringern den Druck auf das Steißbein deutlich.

Wann ist ein Röntgenbild sinnvoll?

Nach einem Sturz mit starken Schmerzen oder bei Beschwerden, die länger als einige Wochen anhalten, kann ein Röntgenbild Brüche und Verschiebungen zeigen. Spezielle Aufnahmen im Sitzen zeigen, ob das Steißbein zu beweglich ist. Für die Behandlung ändert ein Bruch allerdings meist wenig.

Das Wichtigste in Kürze

  • Steißbeinschmerzen entstehen meist nach Sturz, Geburt oder durch Druck beim Sitzen.
  • Typisch sind Schmerzen beim Sitzen und Aufstehen.
  • Keilkissen, richtiges Sitzen und Physiotherapie helfen in den meisten Fällen.
  • Spritzen oder Operation kommen nur bei hartnäckigen Beschwerden in Frage.

Häufige Fragen zu Steißbeinschmerzen

Diese Antworten sind allgemeine Informationen und ersetzen weder eine Untersuchung noch eine individuelle ärztliche Beratung.

Ist mein Steißbein gebrochen?

Nach einem Sturz ist ein Bruch möglich; Behandlung und Verlauf unterscheiden sich aber kaum von einer Prellung.

Welches Sitzkissen ist das beste?

Ein Keilkissen mit Aussparung hinten, damit das Steißbein frei liegt.

Wie lange dauern Steißbeinschmerzen nach einem Sturz?

Meist einige Wochen, bei einem Bruch zwei bis drei Monate.

Hilft Wärme?

Nach der akuten Phase empfinden viele Wärme als angenehm.

Kann der Beckenboden Steißbeinschmerzen verursachen?

Ja, verspannte Beckenbodenmuskeln können Schmerzen am Steißbein auslösen oder verstärken.

Darf ich Fahrrad fahren?

Nur wenn es schmerzarm möglich ist; ein breiterer, gepolsterter Sattel kann helfen.

Was ist eine Steißbeinfistel?

Eine Entzündung in der Gesäßfalte mit Schwellung und Eiter; sie muss ärztlich behandelt werden.

Welcher Arzt ist zuständig?

Hausarztpraxis, Orthopädie oder Schmerzmedizin; bei Beckenbodenbeteiligung auch spezialisierte Physiotherapie.

Können Steißbeinschmerzen vom Rücken kommen?

Ja, gelegentlich strahlen Beschwerden der Lendenwirbelsäule oder des Kreuzbein-Darmbein-Gelenks in die Steißbeinregion aus.

Hilft Osteopathie?

Manuelle Techniken können manchen Menschen helfen; die Studienlage ist begrenzt, am besten untersucht sind Mobilisationen durch Physiotherapie.

Quellen

  1. Patel R, et al. Coccydynia. Curr Rev Musculoskelet Med. 2008
  2. Garg B, Ahuja K. Coccydynia: a comprehensive review on etiology, radiological features and management options. J Clin Orthop Trauma. 2021

Dieser Ratgeber dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Diagnose und Behandlung hängen von Ihrer Untersuchung und Vorgeschichte ab. Im Notfall wählen Sie den Notruf 112.